Interview: Clara-Luisa Weiland
Die Abfahrt ist holprig, dunkel und angsteinflößend. Drei Minuten lang fährt der Aufzug des Grauens in die Tiefe. 600 Meter unter die Oberfläche. Es ist kalt und schaurig, Gesteine erstrahlen in dunklem Rot. Mit Helm ausgerüstet führt der Weg tief ins Innere des Bergwerks. Schlamm unter den Füßen und feuchte Kälte machen deutlich, wie weit man sich bereits von der Oberfläche entfernt hat.
Sondershausen gibt Fitzek und Strauss eine Albtraum-Bühne
Der perfekte Ort für eine Lesung des Thriller-Königs Sebastian Fitzek gemeinsam mit Horror-Queen Annika Strauss. Sebastian Fitzek gehört mit über 20 Millionen verkauften Büchern zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren. Annika Strauss ist ebenfalls Autorin und auch Schauspielerin. Sie hat bereits in über 30 Horror-Filmen mitgewirkt und einige Horror-Thriller geschrieben. Die beiden Autoren luden zur Premiere ihres neuen Horror-Thrillers „REM“ in das Erlebnisbergwerk nach Sondershausen ein.
Buch-Premiere in 600 Meter Tiefe
Das Buch führt die Leser in die tiefsten Abgründe des Seelenlebens. Träume sind nach dem Aufwachen nicht verschwunden, sondern aufgezeichnet. Zumindest, wenn man die Handlung des Buches Realität werden lässt. „REM“ handelt von der vierjährigen Alysee, die von ihrem Vater panisch angefleht wird, wach zu bleiben. Doch sie schläft ein. Als sie aufwacht, ist ihr Vater tot.

Bei der Lesung von Annika Strauss und Sebastian Fitzek überzeugt auch das Bühnenbild. Foto: Clara Weiland
Bei der tiefsten Lesung der Welt am 21. März nahmen die beiden Autoren rund 300 Zuschauer mit auf eine schaurige Reise. Gemeinsam erzählten sie von der Entstehung des Buches, gaben Einblicke in den Schreibprozess und lasen ausgewählte Szenen vor. Für den passenden Sound im Hintergrund sorgte Geräuschemacher Jörg Klinkenberg, der live Knochen zum brechen oder Blut zum fließen brachte. Vor der Lesung sprachen Fitzek und Strauss im Interview über die besondere Location in Sondershausen, absurde Google-Verläufe, moralische Schmerzgrenzen und mehr.
Wir sitzen hier im Erlebnisbergwerk Sondershausen – ein ziemlich ungewöhnlicher Ort für eine Lesung. Wieso habt ihr euch für diese Location entschieden?
Sebastian: Das kam über einen Freund, der ganz in der Nähe wohnt und hier auch Konzerte veranstaltet. Der hat schon vor Jahren zu mir gesagt: „Das wäre doch mal ein passender Ort für eine Lesung. “ Und ich habe immer geantwortet: Es muss ja irgendwie auch zum Buch passen. Ich habe kein Buch, das im Bergwerk spielt – haben wir übrigens immer noch nicht.
Aber gleichzeitig passt es dann doch wieder: Ein Buch, bei dem wir im wahrsten Sinne des Wortes in den Keller fahren. Eigentlich sogar unter den Keller. Dieser Ort hier, mit diesem Fahrstuhl des Grauens, symbolisiert die Abfahrt zu den tiefsten seelischen Abgründen.
Euer neues Buch heißt REM, also der Zustand intensiver Träume. Was hat euch an diesem Thema so gepackt, dass daraus unbedingt ein Buch werden musste?
Annika: Für mich sind Träume generell wahnsinnig faszinierend, weil man sie überhaupt nicht kontrollieren kann. Ich finde es total spannend, was einen da eigentlich beschäftigt – was aus dem Unterbewusstsein so hochbrodelt. Und auch dieser Zustand: Manchmal erinnerst du dich ganz genau, und der Traum verfolgt dich den ganzen Tag. Und ein anderes Mal ist einfach alles weg.
Und wie habt ihr beide eigentlich zueinander gefunden? Wie ist eure Zusammenarbeit entstanden?
Sebastian: Ich habe mit unserem Literaturagenten gesprochen und gesagt, ich habe da eine Idee, die mich total fasziniert – es geht um Träume. Aber die Geschichte führt ziemlich stark in eine Horror-Ecke, und ich war mir nicht sicher, ob ich das allein schreiben will, weil ich mich da noch nicht sattelfest genug fühle. Da meinte er: „Wir haben gerade ein neues Talent in der Agentur, Annika Strauß. Die hat großartige Ideen. Willst du sie nicht mal kennenlernen?“ Und ja – der Rest ist Geschichte.

Annika Strauss und Sebastian Fitzek lesen Szenen ihres neuen Buches „REM2 unter Tage im Bergwerk Sondershausen. Für die passenden Geräusche im Hintergrund sorgt Geräuschemacher Jörg Klinkenberg. Foto: Clara Weiland
Wie war das für dich, in dieses Fitzek-Universum einzutauchen?
Annika: Es war wahnsinnig aufregend. Ich war am Anfang natürlich auch ziemlich nervös. Aber Sebastian ist unglaublich empathisch und nimmt einem diese Aufregung schnell – auch mit seinem Humor. Dadurch konnten wir wirklich relativ zügig gut zusammenarbeiten. Ich habe ein bisschen gebraucht, um meinen eigenen Hype (Red.: Jugendwort, eine Welle der Begeisterung) runterzufahren, aber es ist schon extrem spannend, diesen direkten Kontakt zu haben und mitzuerleben, wie er denkt.
Das heißt, du warst vorher schon Fan?
Annika: Ja, absolut. Ich glaube, alle Thriller-Autorinnen und -Autoren bewundern Sebastian Fitzek. Er ist einfach der Thriller-Star – seit vielen, vielen Jahren ganz oben. Das ist schon beeindruckend. Und gleichzeitig ist er auch noch so sympathisch. Das ist eigentlich fast ein bisschen unverschämt. Mein Mann hat alles von Sebastian gelesen, meine Mutter und meine Schwester sind auch riesige Fans. Für die war das natürlich komplett verrückt.
Viele deiner Ideen entstehen ja aus Alltagsmomenten. Gab es bei REM so einen ganz konkreten Moment?
Sebastian: Ja, genau dieses Gefühl: Du wachst auf und hast den Traum noch ganz klar vor Augen. Du denkst, gleich denkst du darüber nach – und zack, ist er weg. Oder du wachst auf wie gerädert und weißt: Du musst intensiv geträumt haben, kannst dich aber an nichts erinnern. Schon 2013 habe ich im Nachtwandler eine Figur darüber nachdenken lassen, wie es wäre, wenn man sich seine Träume nach dem Aufwachen anschauen könnte. Und diese Idee hat mich offensichtlich über ein Jahrzehnt nicht losgelassen.
Eure Geschichten gehen oft ziemlich an Schmerzgrenzen. Wo zieht ihr für euch die moralische Grenze?
Sebastian: Gewalt und Schicksalsschläge sind für mich Mittel zum Zweck – aber nicht zur reinen Unterhaltung, sondern um auf etwas aufmerksam zu machen. In „Der Heimweg“ zum Beispiel geht es um häusliche Gewalt. Da erleben wir immer wieder, dass Menschen sagen: „Warum ist sie nicht gegangen? Warum meldet sie sich erst jetzt?“ – und dem Opfer wird mit Unglauben begegnet.

Unter Tage wurde passend zum Buch „REM“ dekoriert. Foto: Clara Weiland
Ich wollte zeigen, warum man sich nicht trennt. Warum jemand so verzweifelt ist, dass er sich sogar das Leben nimmt, obwohl er ein Kind hat. Damit das nachvollziehbar wird, musste ich diese Gewalt drastisch schildern. Und „drastisch“ heißt in dem Fall leider: realistisch. Ich habe mir das nicht ausgedacht.
In anderen Fällen ist das nicht nötig. Und klar, ich mache bestimmt auch Fehler, schieße mal übers Ziel hinaus und muss mich selbst korrigieren. Also: Erstmal keine Schere im Kopf – aber danach immer die Frage: Ist das wirklich notwendig für das, was ich erzählen will?
Es geht dir also nicht nur um Spannung, sondern auch darum, Geschichten zu erzählen, die zum Nachdenken anregen?
Sebastian: Absolut. Das sind für mich ganz zentrale Fragen. In Mimik zum Beispiel: Werden wir böse geboren oder werden wir dazu gemacht? Ich will mit meinen Büchern keine Antworten geben, aber ich stelle Fragen – auch solche, die mich als Familienvater beschäftigen und nicht loslassen.
Viele erleben dich als sehr humorvoll und sympathisch – und gleichzeitig schreibst du solche düsteren Geschichten. Wie passt das zusammen?
Sebastian: Ich hatte mal eine Psychologin in Wien bei einer Lesung, die aufgestanden ist und gesagt hat: Wir sollten die Leute, die sowas lesen oder schreiben, nicht verurteilen – wir brauchen alle ein Ventil. Es ist ja auch nicht so, dass jemand in eine Achterbahn steigt, weil er unbedingt rausfliegen will. Und auch beim Lesen hofft man ja nicht auf jeder Seite: Hoffentlich sterben alle. Man hofft, dass sich am Ende etwas auflöst, dass man eine Erklärung bekommt.

Ungefähr 300 Personen passten in den Saal. Foto: Clara Weiland
Das ist übrigens auch ein Grund, warum ich schreibe: Ich kann die Realität verändern. Ich kann jemanden, der zwölf Jahre verschwunden war, wieder auftauchen lassen – lebendig. Ich kann Dinge weniger schlimm erscheinen lassen, als sie in Wirklichkeit sind. Das ist das Unrealistische in meinen Büchern. Aber genau das mache ich gern, weil ich mit der Realität oft gar nicht so gut klarkomme.
Wenn man jetzt mal eure Google-Verläufe anschauen würde – was wäre da das Absurdeste, das man finden könnte?
Sebastian: Oh Gott …
Annika: Bei mir wahrscheinlich einiges aus der Horrorfilm-Ecke, das auf den ersten Blick ein bisschen seltsam wirkt. Die Bild-Zeitung hat mal geschrieben: „Horrorqueen kann kein Blut sehen“, weil ich nach einer Blutspende zwei Tage später umgekippt bin. Aber das stimmt gar nicht. Ich kann Blut sehen – ich habe es nur nicht vertragen, mein eigenes herzugeben.
Sebastian: Ich kann KI übrigens gar nicht für Recherche nutzen. Wenn ich nach einem Gift suche, das erst nach Tagen wirkt und dann nicht mehr nachweisbar ist, bekomme ich sofort eine Meldung, dass das gegen die Richtlinien verstößt. Also so schlimm ist mein Verlauf gar nicht. Wobei die Kombination manchmal schon interessant ist: Ich habe ein 19 Monate altes Kind. Wenn ich nach Nurofen-Tropfen und Windeln google und direkt danach nach Handfeuerwaffen, dann ist das eine interessante Kombination.

Passend zum Thriller-Feeling erstrahlt die Location in dunklem Rot, 600 Meter unter der Erde. Foto: Clara Weiland
Wenn ihr euch hier so umschaut – dieses Bergwerk, diese Region: Ist das ein Ort, der euch vielleicht Stoff für ein zukünftiges Buch liefern könnte?
Annika: Absolut. Das ist ein unglaublich spannendes Setting hier unten. Ich kann mir das sehr gut vorstellen. Wir schauen uns heute Abend bestimmt noch ein bisschen genauer um.
Sebastian: Ja, vor allem ist das hier eine Welt in der Welt. Das finde ich total faszinierend – fast wie die Tiefsee. Jeder weiß, dass es sie gibt, aber kaum jemand war wirklich da. Und dass diese Welt hier unten so groß ist wie Leipzig, mit Seen und Straßen, die man sogar mit Autos befahren kann – das habe ich auch erst vor Kurzem gelernt. Da denkt man schon: Wow, da kann man richtig was draus machen …
Hard Facts:
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Weitere Lesungen von Fitzek sind im Bergwerk erstmal nicht geplant, dafür gibt es diese Veranstaltungen im nächsten Jahr: - 9. Januar 2027 | Neujahrskonzert mit dem Lohorchester vom Theater Nordhausen
- 30. Januar 2027 | Konzert mit der Band „Keimzeit“
