Politisch gesehen ist der Saale-Orla-Kreis durchgehend himmelblau, monochrom. Doch Menschen sind vielfältig, unterschiedlich und entsprechend: bunt. Auch deswegen freut sich das Organisationsteam des ersten Christopher Street Day in Pößneck, der Uniformität und Engstirnigkeit vor Ort etwas entgegenzusetzen und bei gleichzeitiger Sichtbarkeit von queeren Lebensentwürfen für demokratische Werte wie Gleichberechtigung und Akzeptanz einzustehen.
Erster CSD bringt Farbe nach Pößneck im Saale-Orla-Kreis
Am Samstag, um 13 Uhr, wird der erste CSD in Pößneck mit einer Kundgebung auf dem Marktplatz eröffnet. Nach einigen Redebeiträgen ist ab etwa 14 Uhr ein Umzug durch Pößneck geplant, bis dann etwa 15.30 Uhr musikalische Acts übernehmen, um ein lautstarkes Zeichen zu setzen.
Musik, Demo, Botschaft: CSD in mit Haltung
Nachdem DJ Tunezz der Menge mit Techno und Musik aus fünf Dekaden einheizt, übernimmt der Lokalmatador DJ Tdogfunk mit satten Electro- und House-Beats das Zepter am Plattenteller. Die Punk-Rap-Combo Traumfresser aus Weimar ist für 17.30 Uhr eingeplant, bevor dann 18.30 Uhr eine Abschlusskundgebung den offiziellen Teil der Veranstaltung beschließt.
Nahe der Shedhalle wird dann in kleinerer Runde weitergefeiert. Etwa 250 Demonstrierende werden vom etwa zehnköpfigen und vielfach politisch engagierten Organisationsteam erwartet, das von einer ähnlichen Personenzahl von ehrenamtlichen Initiativen wie Omas gegen Rechts oder Dorfliebe vor Ort beim Ablauf der Veranstaltung unterstützt wird.
Komische Blicke? Sind immer noch die Regel
Jannik Hartenstein zählt zum Organisationsteam und hat sich über den großen Zuspruch gefreut, als die Veranstaltung Ende Januar 2025 erstmals bekannt gegeben wurde. „Wir haben auf unseren Kanälen zwar wenige, aber überwiegend positive Reaktionen erhalten. Viele haben sich einfach gefreut, gerade weil die queere Community im Saale-Orla-Kreis zwar durchaus vorhanden, aber – wie oftmals im ländlichen Raum – etwas eingeschlafen und nur selten sichtbar ist. Hier fällt die Akzeptanz für alternative Lebensentwürfe auch geringer aus als in den großen Städten.“
Zwischen Engstirnigkeit und Aufbruch
Damit der CSD in Pößneck ohne Zwischenfälle oder Auseinandersetzungen mit einer möglichen Gegendemonstration von rechtskonservationen Kräften stattfinden kann, wurde zusammen mit der Polizei und dem Landratsamt ein umfassendes Sicherheitskonzept erarbeitet. „Das ist für eine Veranstaltung in dieser Größenordnung aber alles im normalen Bereich“, beruhigt Jannik Hartenstein.
Der 24-jährige Informatikstudent hatte sein Coming-Out mit 16 oder 17 Jahren und weiß selbst darum, dass Toleranz für queeres Leben nicht für alle Menschen selbstverständlich ist. „Komische Blicke sind ja noch harmlos. Aber als ich auf einer Party in Bad Lobenstein auf der Tanzfläche mal einen anderen Mann geküsst habe, kam es durch einen Betrunkenen zu Handgreiflichkeiten. Er musste dann regelrecht weggezogen werden“, erinnert er sich. 2019 besuchte er seinen ersten CSD in Gera und war von der rauschhaften Atmosphäre begeistert, die er nun ein Stückweit in seine Heimat tragen möchte.
CSD-Motto: „Heimat ist, wo Liebe ist“
Apropos: Das Motto des CSD in Pößneck lautet „Heimat ist, wo Liebe ist“ und möchte bei vielfachen Wegzug junger Menschen darauf aufmerksam machen, dass es sich zwischen Bad Lobenstein, Neustadt an der Orla, Pößneck und Schleiz zu leben wohnt. Diese Betonung und Stärkung des Standorts kam auch bei vielen lokalen Unternehmen und Vereinen sehr gut an, welche den CSD Pößneck mit Geldspenden in dreistelliger Höhe unterstützten.
Hier bleiben und Zeichen setzen
Eine besonders enge Zusammenarbeit besteht mit dem Pößneck Alternativer Freiraum e.V. Dieser fungierte bei Spenden als Trägerverein, stellte seine Räumlichkeiten für Organisationstreffen und Technik für das Abschlusskonzert zur Verfügung. „Auch von den politischen Parteien haben wir abseits der regelrecht queerfeindlichen AfD und der bei dem Thema sehr reservierten CDU breite Unterstützung erfahren“, freut sich der junge Neundorfer.
Trotz der Konzerte am Nachmittag stehe weniger der Party-Aspekt, vielmehr die politische Dimension im Vordergrund. „Wir möchten für die Probleme oder auch Ablehnung sensibilisieren, die queeren Menschen immer noch im Alltag entgegenschlägt. Wir stehen für Gleichberechtigung ein. Jede*r sollte so leben können, wie er oder sie möchte, solange niemandem geschadet oder in der eigenen Freiheit eingeschränkt wird. Das sind demokratische Grundwerte“, so Jannik Hartenstein.
Hard Facts:
- CSD Pößneck: 7. Juni
- Beginn: 13 Uhr
- Treffpunkt: Marktplatz Pößneck
- Weitere Infos gibt‘s hier
