Interview: Mara Joli Richter
Sie ist schrill, laut und zeigt Haltung: Am 13. Mai um 20:15 Uhr startet im ZDF die Ausstrahlung des Films „Olivia“, der das bewegte Leben der Dragqueen Olivia Jones erzählt – von ihren Anfängen als Oliver bis hin zu ihrem Aufstieg als einer der bekanntesten queeren Persönlichkeiten Deutschlands. Der Film ist grell, berührend und humorvoll und zeichnet zugleich ein Bild gesellschaftlicher Veränderungen in Fragen von Identität und Akzeptanz.
Johannes Hegemann spricht über Rolle im ZDF-Film „Olivia“
Im Gespräch mit uns spricht Schauspieler Johannes Hegemann, gebürtig aus Jena, über seine Rolle als Oliver auf dem Weg zu Olivia, von seinen Vorbereitungen auf die Figur und die besondere Erfahrung, diese außergewöhnliche Lebensgeschichte zu erzählen.
Du bist ja in Jena geboren und hast, wenn ich richtig liege, ungefähr die ersten acht Jahre deines Lebens dort verbracht. Was kommt dir in den Sinn, wenn du an diese Zeit und an Thüringen denkst? Gibt es Bilder oder Erinnerungen, die sofort wieder da sind?
Ja, total. Eigentlich mein ganzes frühkindliches Aufwachsen hängt daran – vor allem die Kindergartenzeit in Jena. Das sind so ganz typische, aber auch sehr starke Kindererinnerungen. Und ich merke, dass ich mich daran erstaunlich klar erinnere.

Johannes Hegemann verkörpert im ZDF-Film „Olivia“ Deutschlands bekannteste Dragqueen Olivia Jones. Foto: ZDF/Thomas Leidig
Gibt’s da auch so eine Geschichte, vielleicht was Lustiges oder etwas, wo du heute sagst: Das hat mich sogar ein Stück weit geprägt – vielleicht auch mit Blick auf deinen späteren Weg als Schauspieler?
Ja, tatsächlich. Ich hab in Jena zum ersten Mal Theater erlebt – im Kindergarten. Da haben meine Eltern zusammen mit anderen Eltern und den Erzieherinnen ein Theaterstück auf die Beine gestellt. Ich sehe das noch total vor mir: Die haben für uns Kinder gespielt, und ich fand das einfach komplett faszinierend. Ich wollte sofort mitmachen, unbedingt Teil davon sein. Aber ich war halt noch klein, also eher im Publikum. Und trotzdem – das war, glaube ich, wirklich der allererste Moment, in dem ich bewusst Theater gesehen habe. So ganz früh, im Kindergarten in Jena.
Hast du denn heute noch Verbindungen nach Thüringen oder speziell nach Jena?
Ja, schon. Ich habe noch Freunde dort, auch wenn ich tatsächlich nicht mehr oft in Jena bin. Ich nehme mir das immer wieder vor, mal hinzufahren, aber es klappt viel seltener, als ich es gern hätte. Viele Verbindungen laufen auch über meine Eltern – die wohnen zwar nicht mehr dort, aber deren Freundeskreis hat oft noch Bezug zu Jena. Neulich auf dem Geburtstag meines Vaters waren auch wieder viele Leute aus Jena da, und da kommt man dann sofort ins Gespräch. Also die Verbindung ist definitiv noch da.
Klingt, als wäre mal wieder ein Thüringen-Trip fällig, oder? Ein bisschen wandern, vielleicht ins Bratwurstmuseum?
Absolut, es ist wirklich an der Zeit. Und diese Würstchenbude an der Autobahnausfahrt – die gehört ja irgendwie auch dazu. Und Wandern, ja, das hatten wir früher ständig. Diese ganzen Ausflüge, Wiesen, Natur – das ist total präsent in meinen Erinnerungen.

Johannes Hegemann verkörpert im ZDF-Film „Olivia“ Deutschlands bekannteste Dragqueen Olivia Jones. Foto: ZDF/Bjørn Haneld
Du warst ja mehrere Jahre fest im Ensemble am Theater in Hamburg und bist jetzt freischaffend unterwegs. Wie hat sich das verändert?
Genau, ich war fünf Jahre fest im Ensemble und bin jetzt seit letztem Sommer freischaffend. Ich bin aber noch als Gast dort und spiele weiterhin, gerade einen Abend regelmäßig. Es ist also nicht ganz vorbei, aber die Struktur ist eine andere.
Wenn du das vergleichst: Theaterbühne und Filmarbeit – was unterscheidet sich für dich am meisten?
Die Arbeitsweise ist komplett unterschiedlich. Am Theater probt man wochenlang auf eine Premiere hin, und dann muss an diesem einen Abend alles sitzen. Beim Film ist es anders: Du bereitest dich viel eigenständiger vor, kommst dann ans Set und hast oft nur einen Tag für eine Szene – die muss funktionieren. Dafür gibt es mehrere Takes, mehrere Versuche. Es ist einfach eine andere Art von Druck und eine andere Dynamik.
Hast du für dich eine Präferenz entwickelt? Also eher Bühne oder eher Kamera?
Gar nicht, ehrlich gesagt. Das hängt total von den Projekten ab, von den Menschen, mit denen man arbeitet, und von den Rollen. Das entscheidet, ob etwas Spaß macht oder nicht. Bei dem Olivia-Projekt war es ja gerade spannend, weil ich beides hatte: diese ganz intimen Filmszenen – leise, nah, sehr fein gespielt – und gleichzeitig die großen Bühnenmomente. Diese Performances als Olivia haben sich fast angefühlt wie Theater. Da stand ich wirklich vor Publikum, auch wenn es „nur“ das Filmteam und Statisten waren. Das hat mir wahnsinnig Spaß gemacht.

Johannes Hegemann verkörpert im ZDF-Film „Olivia“ Deutschlands bekannteste Dragqueen Olivia Jones. Foto: ZDF/Thomas Leidig/Florida Film
Du spielst ja Oliver auf dem Weg zu Olivia Jones. Wie hast du dich auf diese Rolle vorbereitet?
Sehr intensiv. Klar, ich wollte Olivia irgendwo ähneln – sie ist ja eine extrem präsente Persönlichkeit. Ich habe mich viel mit ihr beschäftigt, mit ihrer Figur, ihrer Ausstrahlung. Ich habe versucht, mich körperlich und stimmlich anzunähern, sie ein Stück weit zu imitieren. Aber mir ging es vor allem um die emotionale Tiefe – darum, diese Entwicklung glaubwürdig zu erzählen. Und ganz praktisch: Ich musste lernen, auf High Heels richtig gut zu laufen.
Und das gleichzeitig mit Perücke und allem Drum und Dran.
Genau. Das ist erstmal gewöhnungsbedürftig. Aber ich muss sagen: Im Drag habe ich mich wahnsinnig gut gefühlt. Das hat total viel mit mir gemacht. Am Anfang waren diese riesigen Fake-Wimpern total irritierend – jedes Blinzeln fühlt sich an wie ein Vorhang, der auf und zu geht. Aber ich habe mich daran gewöhnt, auch schon vor dem Dreh. Ich bin tatsächlich zu Hause in High Heels rumgelaufen, um ein Gefühl dafür zu kriegen.
Gab es etwas an der Geschichte, das dich besonders berührt hat oder dir im Kopf geblieben ist?
Mich beeindruckt vor allem dieser Weg von Oliver: Trotz Diskriminierung, trotz Ablehnung den Mut nicht zu verlieren und seinen eigenen Weg zu gehen. Und das mit so einer Lebenslust und Zugewandtheit. Diese Kraft, sich nicht unterkriegen zu lassen, hat mich wirklich berührt. Ich finde das extrem inspirierend.

Aus Oliver Knöbel (Johannes Hegemann) wird die Dragqueen und der Bühnenstar Olivia Jones. Foto: ZDF/Thomas Leidig/Florida Film
Bei so einer emotionalen Bandbreite – nimmst du das mit nach Hause? Verarbeitest du das für dich nochmal persönlich?
Ich bringe natürlich viel von mir selbst ein, weil die Emotionen, die ich spiele, ja aus mir kommen. Aber ich trenne das schon klar von meinem eigenen Leben. Ich tauche während eines Projekts total ein, denke wochenlang nur daran, bin komplett drin – aber ich komme auch wieder raus. Ich glaube, alles andere wäre auf Dauer schwierig.
Wie siehst du das Thema gesellschaftliche Akzeptanz? Hat sich da seit Olivers Jugend viel verändert?
Ich glaube, es gibt zwei Entwicklungen. Einerseits hat sich unglaublich viel verbessert – gesellschaftlich, aber auch rechtlich. Seit den 80er- und 90er-Jahren ist viel passiert, und die Akzeptanz ist gewachsen. Aber gleichzeitig erleben wir gerade auch wieder eine Gegenbewegung. Das Klima wird rauer, aggressiver, und Dinge, die erkämpft wurden, sind plötzlich nicht mehr selbstverständlich. Man muss wieder stärker dafür einstehen. Gerade wenn man queer lebt, spürt man das.
Es gibt einen klaren Rechtsruck, und das verändert auch die Förderlandschaft. Deshalb finde ich es umso wichtiger, dass so ein Film jetzt entsteht. Es ist großartig, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender das macht – aber es ist eben nicht mehr selbstverständlich.

Johannes Hegemann verkörpert im ZDF-Film „Olivia“ Deutschlands bekannteste Dragqueen Olivia Jones. Foto: ZDF/Thomas Leidig
Hat der Film für dich eine bestimmte Verantwortung, gerade in Bezug auf Toleranz und Vielfalt?
Ich würde eher sagen: Er hat eine klare Haltung. Und ich finde es wichtig, diese Haltung sichtbar zu machen. Film kann solche Themen emotional erzählen, greifbar machen – anders als ein Essay oder eine Talkshow. Und genau darum geht’s: diese Geschichten immer wieder zu erzählen und Menschen sichtbar zu machen.
Zum Schluss noch: Hat dich die Rolle persönlich verändert? Hast du etwas für dich mitgenommen?
Auf jeden Fall. Ich habe unglaublich viel über die Drag-Szene gelernt, vor allem hier in Hamburg. Ich hatte viele tolle Begegnungen. Und ja, es hat auch etwas mit mir gemacht – vielleicht nicht so, dass ich jetzt jeden Tag in High Heels rumlaufe, aber mein Blick auf Stil, auf Auftreten hat sich schon verändert.
Ich wurde wahnsinnig warm von der Drag-Szene aufgenommen. Schon in der Vorbereitung hatte ich tolle Unterstützung – zum Beispiel von Fanny Funtastic aus der Olivia-Jones-Familie. Sie hat mich mitgenommen, mir ihren Schminkprozess gezeigt, mich zu Shows und auf Kieztouren eingeladen. Das war unglaublich bereichernd.
Was wünschst du dir, dass die Zuschauer aus dem Film mitnehmen?
Ich will niemandem etwas vorschreiben. Aber ich hoffe, dass der Film Empathie und Offenheit stärkt. Dass er eher verbindet als trennt. Und ich bin sehr gespannt, wie die Reaktionen ausfallen werden, wenn er ausgestrahlt wird.
Hard Facts:
- 13. Mai | 20:15 Uhr | ZDF
- Mehr zum ZDF-Fim „Olivia“ findet ihr hier oder auf Instagram
- Mehr zu Johannes Hegemann findet ihr auf Instagram
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