Was bringt so viele Frauen heute noch dazu, von einem rettenden Märchenprinzen zu träumen? Warum werben sogenannte Tradwives für ein Leben als Hausfrau und Mutter? Was steckt hinter der Mommy-Blogger-Welle, und welche Funktion haben Frauenbilder wie Witches, Bitches und It-Girls? All diese Fragen geht die Rebekka Endler in ihrem Buch „Witches, Bitches, It-Girls“ nach – eine anekdotische Spurensuche, die durch die lange Menschheitsgeschichte führt.
Lesung in Erfurt verfolgt die Spuren patriarchaler Geschichten
Die Autorin und Journalistin blickt dabei in den Maschinenraum des Patriarchats, beschäftigt sich mit der Kanonisierung in der Kunst, mit der Epoche der Romantik, mit der sogenannten Normalität und mit feministischen Wellen, mit Cancel-Culture und Transfeindlichkeit. Humorvoll, schlagfertig und kämpferisch zeigt Rebekka Endler, wie wir alle das Patriarchat Tag für Tag am Laufen halten – und wie wir es dennoch verändern können, wenn wir das System dahinter verstehen und angreifen. Am 12. März liest sie in Erfurt. Wir sprachen vorab mit der Autorin.
In Ihrem Buch greifen Sie die Mythologie auf und beginnen mit Pandora – das Patriarchat quasi als Autor der Geschichte. Können Sie erklären, ob sich daraus Erkenntnisse darüber ziehen lassen, wie das Patriarchat überhaupt entstanden ist? Haben Sie dazu eine Theorie, eine Art Ursprung des Ganzen?
Das war tatsächlich gar nicht die zentrale Fragestellung meines Buches. Es gibt ja bereits zahlreiche Werke, die sich historisch und soziologisch mit der Entstehung des Patriarchats beschäftigen. Mein Fokus lag vielmehr darauf, die Erzählstränge offenzulegen, bei denen das Patriarchat bis heute als Autor auftritt und die sich nach wie vor in unserem Alltag zeigen – zum Beispiel in alltäglichem Sexismus. Mich interessierte also weniger die Ursachenforschung, sondern mehr die Auswirkungen auf unsere Gegenwart.

Rebekka Endler liest aus ihrem Buch „Witches, Bitches, It-Girls“ in Erfurt. Foto:
Spannend finde ich besonders, wie das Patriarchat häufig gestärkt wurde, wenn Bewegungen aufkamen, die sich für mehr Geschlechtergerechtigkeit einsetzten. An einigen Stellen gehe ich ja historisch sehr weit zurück – sogar bis in die Steinzeit. Dabei stelle ich fest, wie stark uns schon damals pseudowissenschaftliche Geschichten geprägt haben. Als Beispiel: In den 90er Jahren wurde mir als Schulkind die Steinzeit mit Vorstellungen erklärt, die von männlichen Forschern Anfang des 19. Jahrhunderts auf diese Epoche projiziert worden waren.
Besonders während der ersten Frauenrechtsbewegungen – etwa beim Kampf um das Wahlrecht – suchte man in der Historie nach Begründungen für die Geschlechterrollen. Es musste ein Grund her, warum Frauen angeblich so grundlegend anders seien und bestimmte Aufgaben nicht übernehmen sollten, wie etwa wählen. Solche Verknüpfungen zwischen historischen Narrativen und politischen Zielen finde ich enorm spannend und behandle ich im Buch.
Sie beleuchten patriarchale Strukturen anhand von Geschichten und Anekdoten. Können Sie Beispiele nennen, bei denen patriarchale Strukturen besonders stark sichtbar werden?
Natürlich! Der Punkt, den ich im Buch mache, ist, dass ich nicht zwischen Hochkultur, Trivialkultur und Popkultur unterscheide – ich sehe das alles auf einer Ebene. Deshalb kann man beispielsweise sowohl betrachten, wie Frauenfiguren in der Bibel dargestellt werden, als auch wie sie in der griechischen Mythologie erscheinen und welche Entwicklungen später in der Romantik stattfinden.
Ein Beispiel ist Medea. Ursprünglich war ihre Figur ganz anders angelegt. Doch mit der Zeit – besonders in der Epoche der Romantik – wurde sie rassifiziert und zu einer männerhassenden Femme fatale stilisiert. Interessant ist hier, dass männliche Autoren Antworten auf damalige Frauenbewegung fanden, indem sie Figuren wie die Femme fatale erfanden. Diese Frauen verkörperten eine unwiderstehliche sexuelle Aura, der Männer förmlich „verfallen“ mussten. Das diente oft als Entschuldigung für männliches Fehlverhalten – und ihre Verführung endete nicht selten tödlich, für eine der beiden Seiten.
Ähnliche Narrative lassen sich auch bei Figuren wie Gretchen in Goethes „Faust“ finden. Im Deutsch-Leistungskurs haben wir damals zwar den Text analysiert, aber die sexualisierte Gewalt, die ihr widerfährt, spielte keine Rolle in unserer Diskussion. Solche Geschichten zeigen, wie alltäglich die Darstellung von Gewalt gegen Frauen ist. Wir sind gesellschaftlich so abgestumpft, dass sie einfach als Plot-Punkte erscheinen.
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Ein weiteres Beispiel wären moderne Werke wie Vergewaltigungslyrik, die jüngst aufgekommen ist. Ich beschreibe das im Buch mit einer metaphorischen Hornhaut, die wir als Gesellschaft abhobeln müssen. Dadurch spüren wir den Schmerz und sehen die Verletzung wieder – wir sensibilisieren und können so neue, bessere Geschichten entwickeln. Es geht nicht darum, den westlichen Kulturkanon auszulöschen, sondern ihn anders zu erzählen, mit einem Blick darauf, was eigentlich geschieht.
Übrigens: Aus meiner Erfahrung, etwa aus Lesungen, weiß ich, dass Schülerinnen heute einen viel höheren Anspruch an Textanalyse haben. Sie fordern, dass ihre Lehrkräfte solche Dinge ansprechen. Das ermöglicht ihnen wiederum, darüber nachzudenken, wie unser Miteinander aussehen soll und welche Veränderungen sie selbst vorantreiben möchten.
In Ihrem Buch gehen Sie auch darauf ein, wie schwierig es ist, originäre Inhalte von Frauen zu finden. Überliefert wurden ja meist Werke von Männern – oder zumindest durch deren Brille. Wie bewerten Sie diesen männlichen Blick, der über die Jahrhunderte festgehalten wurde? Kann man ihm heute noch entkommen?
Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass wir unglaublich große Lücken in unseren kulturellen Erzählungen haben. Das, was wir als Kanon weitergeben, ist nur ein Bruchteil dessen, was einmal existiert hat. Dazu kommen historische Ereignisse wie der Brand der Kaiserlichen Bibliothek in Konstantinopel im dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Da sind Unmengen an Wissen verloren gegangen.
Gerade wenn wir auf die griechische Mythologie schauen, haben wir heute nur Fragmente dessen, was damals existierte. Es gab schon immer auch weibliche Dichterinnen und Geschichtenerzählerinnen – leider wurden ihre Werke oft nicht weitergegeben oder schlichtweg von Männern als „unwichtig“ abgetan, die später Bibliotheken und Archive durchsuchten.

Rebekka Endler liest aus ihrem Buch „Witches, Bitches, It-Girls“ in Erfurt. Foto: Andrew Collberg
Ich finde es tröstlich, dass immer noch Neues entdeckt und popularisiert wird. Das Schreiben und Erzählen von Geschichte ist niemals nur männlich gewesen – aber es war stark von Privilegien wie Zugang zu Bildung oder Freizeit abhängig. Es ist kein Zufall, dass wir heute Werke von Frauen wie den Brontë-Schwestern oder Jane Austen kennen, denn sie waren Bildungstöchter, die Zeit zum Schreiben hatten. Doch selbst sie hatten enorme Widerstände zu überwinden. Von einfachen Frauen wissen wir hingegen fast nichts.
In der Jetztzeit sehen wir oft, wie feministische Bewegungen zurückgedrängt werden und sogar verteufelt werden – als übertrieben oder konfrontativ. Besonders wenn rechte Kräfte stärker werden. Wie bleibt man da motiviert? Was gibt Ihnen Energie, weiterhin gegen solche Strukturen zu kämpfen?
Das ist tatsächlich eine der wichtigsten Fragen, die mir häufig bei Lesungen gestellt wird. Es stimmt: Wenn man die Nachrichtenlage betrachtet, ist es leicht, den Mut zu verlieren. Man spürt den gesellschaftlichen Backlash inzwischen sogar im eigenen Leben.
Aber genau deshalb ist es so entscheidend, dass sich jede und jeder ihrer Verantwortung bewusst wird. Es geht jetzt darum, aktiv zu werden! Jede Person hat ihre eigenen Ressourcen und Möglichkeiten. Ihren eigenen Aktivierungsbereich. Mein Beitrag ist das Schreiben, Lesungen und Veranstaltungen in Schulen. Andere Menschen bringen sich vielleicht durch politische Arbeit ein.
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Ich verstehe, dass es Tage gibt, an denen alles deprimierend wirkt und man sich zurückziehen möchte. Doch am Ende geht es darum, das Kollektiv zu stärken. Es passiert trotzdem Fortschritt, auch inmitten von Rückschritten. In Serbien sehe ich junge Menschen, die seit zwei Jahren unermüdlich auf die Straße gehen. In Minnesota haben Nachbarschaftshilfen Strukturen geschaffen, die Migrantinnen sogar verstecken können. Solche Beispiele zeigen: Solidarität und Hoffnung sind nichts, was uns einfach geschenkt wird. Sie müssen aktiv erarbeitet werden – durch Gemeinschaft.
Das ist ein starkes Bild: Hoffnung muss man sich erarbeiten. Sie sprechen auch von Aktivierungsbereichen. Manche aktivieren durch ihren Beruf, beispielsweise Sie als Autorin oder ich als Journalist. Würden Sie sagen, das ist eine Quintessenz Ihrer Botschaft?
Absolut! Gerade, wenn ich mich mit historischen Dokumenten und verschiedenen Epochen beschäftige, sehe ich, wie unterschiedlich Widerstand aussehen kann. Viele Menschen fragen am Ende einer Lesung: „Was kann ich tun?“ Das liegt ganz bei ihnen – jeder hat seine eigenen Ressourcen und Stärken.
Bei mir ist es das berufliche Schreiben und der Austausch. Aber es kann auch etwas ganz anderes sein, wie das Gespräch mit Nachbarn auf der Hundewiese. Man kommt ins Gespräch, begegnet anderen politischen Ansichten und hat die Chance, Fehlinformationen zu korrigieren. Natürlich ist das nicht einfach – besonders in Regionen wie Thüringen, wo die Lebensrealität ganz anders sein kann. Ich habe das Privileg, in Köln zu leben, wo ich solche Diskussionen führen kann, ohne täglich auf eingefleischte Nazis zu treffen. Das ist nicht überall möglich.
Wenn Sie nach Thüringen schauen, denken Sie vielleicht an junge Feministinnen auf dem Land, deren Umfeld eher feindlich gesinnt ist. Welche Botschaft würden Sie ihnen mitgeben?
Soziale Medien werden oft verteufelt, und ja, es stimmt, sie haben beträchtliche Probleme. Aber sie bieten auch enorme Chancen: Junge Menschen können sich vernetzen, austauschen und Gemeinschaft finden. Das Online-Kollektiv bietet etwas, das früher gar nicht möglich war – einen Raum, in dem man Solidarität und Unterstützung erfährt, auch in schwierigen Umfeldern.

Rebekka Endler liest aus ihrem Buch „Witches, Bitches, It-Girls“ in Erfurt. Foto: Andrew Collberg
Für politisch linke Aktivistinnen, die sich isoliert fühlen, ist das enorm wichtig. Ich weiß, wie belastend dieses Vereinzelungsgefühl sein kann. Gerade hier leisten soziale Medien einen Beitrag, mentale Gesundheit zu stärken und das Kollektiv zu erweitern.
Abschließend eine philosophische Frage: Der Philosoph Heidegger sprach vom „Geworfensein“. Der Mensch lebt in den sozialen Denkstrukturen seiner Zeit, die er kaum verlassen kann. Das Patriarchat ist Teil dieses Geworfenseins. Es prägt uns alle. Kann man dem entkommen – und dem Patriarchat?
Das ist ein faszinierendes Konzept, und ich verstehe mich tatsächlich selbst als „geworfen“. Dieser Gedanke – oft Teil der Identitätspolitik – zeigt, wie wichtig Kontextualisierung ist, um zu begreifen, dass Strukturen wie das Patriarchat von Menschen gemacht sind. Wenn etwas menschengemacht ist, kann es auch verändert werden.
„Me Too“ hat die Nadel ein Stück weit bewegt – hat es das Patriarchat abgeschafft? Nein. War es deshalb gescheitert? Ebenfalls nein. Auch ein kleines Vorankommen kann Großes bewirken. So sehe ich auch meine Arbeit. Ich schreibe Bücher, ohne zu erwarten, dass ich das Patriarchat mit einem Schlag abschaffe – ich versuche, die Nadel erneut zu bewegen. Veränderung entsteht nicht durch einen einzigen Wurf, sondern durch viele.
Ein perfektes Schlusswort. Vielen Dank, Frau Endler!
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