Wer darf seine Brüste offen zeigen und wer nicht? Was sagt die Betrachtung und ständige Beurteilung dieses Körperteils über unsere Gesellschaft aus? Wie funktioniert Sexualisierung, was sind die Mechanismen dahinter und wie machen wir uns von ihnen endlich frei? Was würden wir im Gespräch über Brüste gern mal laut aussprechen oder schwarz auf weiß lesen? Und was können wir nicht mehr hören?
Miku Sophie Kühmel aus Gotha liest in Erfurt
Mit diesen und weiteren Fragen setzt sich die Anthologie „Brüste“ von Linus Giese und Miku Sophie Kühmel auseinander. Die beiden versammeln in ihrem Buch verschieden Texte in denen sich die Autor:innen vielstimmig, gewichtig, inspirierend an dem weiblichen Geschlechtsmerkmal abarbeiten. Wir sprachen vorab mit Miku Sophie Kühmel, die in Gotha aufgewachsen ist, Literatur- und Medienwissenschaften in New York und Berlin studiert hat und am 5. März in der Kleinen Rampe in Erfurt aus „Brüste“ liest.
Sie stammen aus Gotha. Wie hat das Aufwachsen in dieser Stadt Ihr literarisches und persönliches Verständnis von Körperlichkeit geprägt?
Ich weiß nicht, ob Gotha viel mit meinem Verständnis von Körperlichkeit zu tun hatte oder nicht – vielmehr der Kontext, in dem auch Gotha in den 2000-er Jahren stand: sehr stark polarisierte Geschlechterbilder in den Medien, starre Ideen von Gender und Geschlechtsausdruck, Ausweichen davon eher nur in eskapistischen Welten.

Brüste werden nie übersehen, aber selten wirklich angeschaut. Diese Texte verhandeln ein oft objektifiziertes Körperteil als das, was es eigentlich ist: etwas wahnsinnig Subjektives. Ein Buch, das unsere Sichtweise verändert. Foto: Klett-Cotta
Erst eine Generation später wurde geschlechtsspezifisches Spielzeug nochmal so richtig en vogue (rosa für Mädchen und blau für Jungs) – als die Industrie bemerkt hat, dass es den allgemeinen Absatz steigert, wenn diese binäre Zuordnung verstärkt wird, sodass Mädchen dann keine „Jungssachen“ vom Bruder mehr weiter nutzen wollen und umgekehrt …
Fühlen Sie, dass Thüringen als ostdeutsches Bundesland einen eigenen/anderen Zugang zu Feminismus, Körperbildern oder Queeren-Themen hat?
Das denke ich schon. Es gibt in den ostdeutschen Bundesländern nach wie vor eine andere Selbstverständlichkeiten von beispielsweise werktätigen Frauen. Oder auch dem stark eingeprägten erzieherischen Satz: Du musst in jeder Beziehung in der Lage sein können, zu gehen. Wobei ich nicht weiß, wie die wirtschaftliche Realität da heute noch mithält.
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Gleichzeitig denk ich, dass es wichtig ist, nie aus den Augen zu verlieren: Ingeneurinnen haben auch in der DDR weniger verdient als Ingenieure. Also auch diese Landstriche, in denen ich aufgewachsen bin, sind nicht völlig von patriarchalen Strukturen befreit, nie gewesen. Auch hier gibt es Sexismus, Frauenfeindlichkeit und natürlich Queerfeindlichkeit.
Mittlerweile sagen immer wieder Ostdeutsche meiner Generation in den Medien, dass das Aufwachsen in Ostdeutschland eher geprägt gewesen sei von (logischer) Angst ihrer Eltern um die Arbeitssicherheit der Kinder und das Überleben im Systemwechsel, Funktionieren und nicht Anecken, sich „bloß nicht für was Besonderes halten“ und weniger davon, ein Kind in aller freier Entfaltung zu bestärken. Wenn das viele sagen, ist da vielleicht was dran.
Gibt es besondere Orte in Gotha oder Thüringen, die für Sie persönlich eine Rolle spielen, wenn Sie über Intimität, Körper oder Selbstwahrnehmung nachdenken?
Den Thüringer Wald (lacht). Der ist mir bis heute sehr nah und er ist natürlich für die Erfahrung der eigenen Existenz absolut hilfreich. Einmal unter Bäumen stehend, spürt man sich selbst gleich viel mehr, vom Scheitel bis in Zehenspitzen und sonst in alle Winkel. Diese Erkenntnis umspannt seit Jahrhunderten die Welt, von Eichendorf und Goethe über Thoreau bis Bashô. (Und trotzdem geh ich zu wenig ins Grüne, verdammt.)
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Das Projekt begann mit einem Spaziergang und einem Gespräch. Was hat diesen Moment so besonders gemacht, dass daraus eine Anthologie entstand?
Linus und ich sind schon eine Weile befreundet und kamen bei diesem Spaziergang auf seine Mastektomie zu sprechen und aufs Brüste-Haben überhaupt. Wie ambivalent wir all das empfinden, das angeschaut werden und die Tatsache, wie sehr sich die Außenwahrnehmung durch so ein Körperteil verschiebt. Wie bestimmte Dinge auf einmal unanständig und sexualisiert werden, die für Menschen ohne Brüste überhaupt nicht so konnotiert sind.
Oder wie Antje Rávik Strubel in ihrem Text eine Freundin zitiert: „Meine Brüste werden immer als Statement gelesen. Ich möchte aber gar nicht jeden Tag ein Statement setzen!“ Und dann dachten wir: so ein Buch, was BRÜSTE heißt, in dem lauter Leute, die wir toll finden, von diesen ambivalenten Erlebnissen rundherum erzählen, das hätten wir gern als Teenager gehabt. Das hätten wir jetzt gern. Das wollen wir machen.
Die Anthologie versammelt sehr unterschiedliche Stimmen. Nach welchen Kriterien haben Sie die Beiträge ausgewählt?
Alles sind geschätzte Kolleg*innen, deren Arbeit wir mochten. Wir haben auf eine gewisse Diversität geachtet und auch nachgedacht, bei wem wir welchen Zugriff auf das Thema in etwa vermuten. An sich war allen aber die Umsetzung thematisch ganz frei gestellt. Es sollten nur auf jeden Fall Leute dabei sein die: a) Brüste haben, b) mal welche hatten, c) welche wollen oder d) ihre gern los würden. Oder verändern. Oder derlei. Herausgekommen ist ein Strauß an Perspektiven, die sich gegenseitig spannend in Kontext setzen.
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Das Buch thematisiert Scham, Objektifizierung und Normierung. Haben Sie beim Zusammenstellen der Texte Unterschiede zwischen Generationen oder sozialen Hintergründen bemerkt?
Sowohl in der Erarbeitung als auch in der Rezeption bemerke ich, dass sich gerade im Austausch darüber, was uns unterscheidet, wunderbar herausfinden lässt, was uns alle verbindet. Denn bestimmte Gefühle kennen verschiedene Leute aus verschiedenen Blickwinkeln und erst in der Vielstimmigkeit gewinnt das Thema nochmal diverse Dimensionen dazu.
Die Brust erscheint im Buch als pars pro toto für gesellschaftliche Zuschreibungen. Warum haben Sie sich bewusst für dieses Körperteil entschieden?
Also zunächst wollten wir natürlich beide dringend ein Buch machen, was BRÜSTE heißt (lacht). Darüber hinaus war es für uns eben spannend zu sehen: das ist ein Körperteil, das sich im Laufe des Lebens verändert, das aber auch verändert wird, modelliert wird, angeschaut wird, inszeniert wird und vor allem auch fremdbestimmt gelesen wird. Und weil wir damit ein gewisses Unbehagen verspürt haben, wollten wir selbst auch gern beide darüber schreiben – und lesen, was andere dazu denken.

Miku Sophie Kühmel geboren 1992 in Gotha, hat Literatur- und Medienwissenschaften in New York und Berlin studiert. Mit ihrem Romandebüt Kintsugi stand sie auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und erhielt den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung sowie den aspekte-Literaturpreis. 2022 erschien ihr zweiter Roman Triskele. Sie lebt und arbeitet als freie Schriftstellerin in Berlin. Foto: Olga Blackbird
Was wünschen Sie sich, welche Wirkung das Buch bei den Lesenden erzielen soll?
Am schönsten wäre: in manchen Sätzen sich selbst wieder zu finden, oder die Menschen, die einen umgeben und vielleicht mit einer Handvoll neuer Erkenntnisse durch die Welt zu gehen – mit einer Freude darüber, wie verschieden Leute sind. Und wie super das ist.
