Thüringen ist wütend und zeigt es durch die Blume
Ein Blumenstrauß als Protest? Was 2020 im Thüringer Landtag mit einem Wurf vor die Füße von Thomas Kemmerich begann, ist heute nicht nur ein starkes Bild – es ist seit 2024 auch ein Kunstprojekt, das den Frust im Freistaat sichtbar macht. Die Aktion von Susanne Hennig-Wellsow wurde damals bundesweit zum politischen Symbol. Autor Stefan Petermann und Filmemacherin Yvonne Andrä lasen aber mehr in diesem Blumenwurf.
Thüringen verwandelt Blumenwurf in Kunstprojekt
Für die beiden war dabei aber weniger die parteipolitische Dimension entscheidend als vielmehr die Geste selbst. „Da ist jemand sauer oder wütend, aber wird nicht aggressiv und geht niemanden körperlich an“, sagt Petermann im Interview. Stattdessen werde ein Blumenstrauß „wie eine Art Fehdehandschuh“ geworfen – eine friedliche, fast spielerische Form des Protests. Aus dieser Idee entstand ein partizipatives Kunstprojekt, das Menschen in Thüringen dazu einlud, ihre Wut aufzuschreiben und anschließend symbolisch Blumen dagegenzuwerfen.
Blumenwurf aus Thüringen inspiriert Projekt
Laut Stefan Petermann ging es dabei nie darum, politische Botschaften zu vermitteln. Vielmehr wollten die Künstler:innen einen Raum schaffen, in dem Menschen erzählen können, was sie beschäftigt. „Wir sind nicht rausgegangen, um zu sagen, wir wollen die politische Meinung der Thüringer ändern“, betont er. Vielmehr habe man „die eigene Komfortzone verlassen“ und zuhören wollen.
Die Wut, die dabei sichtbar wurde, war erstaunlich vielfältig. Manche ärgerten sich über Familienkonflikte, andere über Müll am Straßenrand oder fehlendes Totholzmanagement. Gleichzeitig tauchten die großen gesellschaftlichen Themen immer wieder auf: Krieg, Migration, Corona oder Klimawandel. „Für viele war es gar nicht so einfach, das auf einen Punkt zu bringen“, erzählt Petermann. Genau darin habe aber auch der Reiz gelegen: Was ist das eine Thema, das einen im Moment wirklich nicht loslässt?
Kleine Orte waren Ziel
Bewusst mieden die Künstler:innen dabei die großen Städte und suchten stattdessen Marktplätze kleiner Orte auf – von Bad Frankenhausen bis Pößneck, teilweise sogar Dörfer mit weniger als 100 Einwohnern. Dort entstand keine hitzige Debatte, sondern oft eine überraschend entspannte Atmosphäre. Tischdecke, Getränke, Sonnenschein und viel Zeit zum Zuhören taten ihr Übriges. „Wir haben nicht sofort Gegenangriffe gestartet, wenn wir anderer Meinung waren, sondern erst einmal zugehört“, sagt Petermann.
Der Thüringer Blumenwurf hat viele Lesarten
Dass der Titel „Der Thüringer Blumenwurf“ unterschiedlich gelesen werden würde, überraschte das Duo selbst. Während sie ihn als Beschreibung eines politischen Ereignisses verstanden, empfanden manche Besucher das Projekt bereits als parteiische Aussage. Tatsächlich fanden sich auf den Tafeln alle politischen Richtungen wieder. Einige schrieben „gegen Faschismus“, andere griffen Themen auf, die eher aus dem konservativen oder rechten Spektrum bekannt sind. Genau diese Widersprüche wollte das Projekt sichtbar machen.
Auch die Blumen selbst sorgten für Irritationen. Schließlich stehen sie eigentlich für Versöhnung. „Man denkt: Das ist etwas Schönes, Helles, Freundliches. Und das soll ich jetzt werfen?“, beschreibt Petermann den Moment. Deshalb konnten die Teilnehmenden zwischen echten und künstlichen Blumen wählen. Manche wollten keine Blume werfen, weil ihnen das respektlos erschien. Andere griffen gleich mehrfach zu.
„Niemand ist uns aggressiv gegenübergetreten“
Aggressionen gegen das Projekt blieben dagegen aus. Zwar beobachteten manche Passanten den Stand skeptisch, offene Anfeindungen habe es jedoch kaum gegeben. „Niemand ist uns aggressiv gegenübergetreten“, sagt Petermann. Vielleicht auch deshalb, weil bewusst Orte und Situationen gewählt wurden, „die nicht so aufgeladen waren“.
„Künstler haben eine gewisse Verantwortung“
Für Petermann liegt die Aufgabe von Kunst ohnehin nicht darin, einfache Antworten zu liefern. „Künstler haben eine gewisse Verantwortung, sich mit der Gegenwart auseinanderzusetzen“, sagt er. Gerade in politisch aufgeheizten Zeiten gehe es darum, Ambivalenzen sichtbar zu machen. Aussagen dürften sich widersprechen, solange sie zum Nachdenken anregen. „Vielleicht liegt das Schöne manchmal gerade im multiperspektivischen Blick.“

Die Gespräche zeigten außerdem, dass viele Menschen ihre Wut erstaunlich differenziert beschreiben. Für einige ist sie ein Gefühl der Ohnmacht, für andere ein wichtiges Warnsignal. Gefährlich werde sie erst, wenn sie sich verfestigt. „Wut verfliegt irgendwie. Schlimmer wird es, wenn sie zu Hass wird.“
Widersprüche aushalten
Genau deshalb soll die Ausstellung, die derzeit in Weimar zu sehen ist, keine fertigen Antworten liefern. Sie lädt dazu ein, Widersprüche auszuhalten, miteinander ins Gespräch zu kommen und die eigene Haltung immer wieder zu hinterfragen. Oder, wie Stefan Petermann es formuliert: „Mehr Widersprüche, mehr Zwischentöne zuzulassen.“ Und trotz unterschiedlicher Meinungen miteinander im Gespräch zu bleiben.
Hard Facts:
- Die Ausstellung zum Kunstprojekt „Thüringer Blumenwurf“ von Yvonne Andrä und Stefan Petermann ist in der Stadtbibliothek Weimar zu sehen
- Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr
- Mehr zum Projekt gibt es hier!
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