Stand-up in Erfurt: Ivan Thieme meidet Mario-Barth-Klischees und alte Rollenbilder
Er steht auf Äste, fängt Cashewkerne aus Katapulten mitten auf der Bühne und hat einen spürbaren Hang zur gepflegten Selbstironie: Der Comedian Ivan Thieme bringt sein neues Stand-up-Programm „Golden Retriever“ nach Erfurt. Wer hier allerdings bissiges Angriffs-Jargon erwartet, liegt völlig falsch – stattdessen gibt es beste Unterhaltung, nah am echten Leben und garantiert ohne verstaubte Klischees.
Der „Golden Retriever“ kommt am 29. Oktober nach Erfurt
Im Interview verrät er, wieso er sich mit 30 immer noch nicht ganz erwachsen fühlt, warum schon eine einzige Fahrt mit der Berliner Ringbahn für ein halbes Bühnenprogramm reicht und wieso man an einem Donnerstag in Erfurt sowieso nichts Besseres vorhaben kann. Schnallt euch an – und haltet schon mal die Weintrauben bereit!
Dein neues Programm heißt „Golden Retriever“. Wann hast du gemerkt, dass diese Hunderasse dich am besten beschreibt?
Golden Retriever sind extrem menschennah, sie schmusen viel und sind ein bisschen dusselig. Eigentlich waren die mal als Jagdhunde gedacht, aber nichts an denen strahlt Gefahr aus. Und verfressen sind sie. Freunde von mir haben einen Golden Retriever, der hat die Augen nur auf Snacks – mit einem bisschen Käse kannst du den für alles bestechen. Außerdem fangen die extrem gut Dinge mit dem Mund. Und ich überraschenderweise auch.
Ich weiß gar nicht, warum ich das kann, aber es hat noch nie nicht geklappt. Wenn du mir jetzt eine Weintraube zuwerfen würdest, aus beliebiger Entfernung – ich fange die. Ich bin auch sehr begeistert von Ästen. Wenn ich mit meiner Freundin spazieren oder wandern gehe und irgendwo einen besonders coolen Ast sehe, muss ich den haben. Ich glaube, da steckt auch etwas Golden Retriever in mir.
Was war dein bisher spektakulärster Fang?
Ein Kumpel hat mal eine Weintraube über ein kleines Gebäude geworfen, und ich habe sie auf der anderen Seite gefangen. Es hängt natürlich auch davon ab, wie gut die Person werfen kann. Und ich möchte betonen: Ich habe auch schon schlechte Würfe gefangen. Bei meiner Podcast-Live-Aufzeichnung hat ein Kollege ein selbst gebautes Katapult mitgebracht und ich habe dreimal nacheinander einen Cashewkern aus diesem Katapult gefangen. Der Kern an sich ist nichts Besonderes, aber die Umstände waren es.
Woher kommen die Ideen für deine Witze?
Aus dem Alltag. Die neue Form von Stand-up ist ja eigentlich: einfach leben und das Gelebte lustig wiedergeben. Ich wohne in Berlin, du musst nur einmal Ringbahn fahren und hast ein ganzes Programm geschrieben. Viel kommt aber auch aus Selbstbeobachtung – über mich Witze zu machen, finde ich einfacher als über andere. Ich habe genug Macken und bin ein verkopfter Typ, der sich Sachen gern verdenkt.
Ich war neulich am Bahnhof, und da lag ein einzelner Schuh. Und ich dachte: Wer verliert denn einen Schuh und macht einfach mit seinem Tag weiter. So etwas beobachtet man, probiert es erst mal auf Open Mics aus, und wenn alles sitzt, nimmt man es ins Programm.
Du bist im Januar 30 geworden. Merkt man das im Programm?
Der große Aufhänger im Programm ist das Gefühl des Erwachsenseins. Ich lebe ja ein ziemlich absurdes Leben, reise als Stand-up-Comedian durch die Gegend und bin eigentlich super happy – aber so ganz erwachsen fühle ich mich nicht. Das arbeite ich im Programm auf, und ich suche dabei den Dialog mit den Leuten. Das beschäftigt mich mit 30 am ehesten, sonst hat sich nichts verändert. Ich bin jetzt nicht weiser und tue auch nicht so, als wäre ich im Leben weiter, als ich bin. Es geht bei mir weiter mit Silly und Goofy, nur ein bisschen mehr in Richtung Erwachsenwerden.
Wie viel von so einem Abend ist eigentlich geplant – und wie viel entsteht erst im Moment?
Zu 90 Prozent steht es. So viel Impro-Talent habe ich nicht, dass ich ein ganzes Programm aus dem Ärmel schütteln könnte. Der Abend hat zwei Hälften: erst 45 Minuten reines Stand-up, nach der Pause ein Impro-Spiel. Die Leute werfen in der Pause Fragen in einen Topf, ich ziehe sie und versuche, sie lustig zu beantworten. Ich motiviere sie auch, absurde Fragen zu stellen – etwas, worauf man als Comedian bauen kann. Dann spanne ich den Bogen zurück ins Programm.
Du hast vorhin schon angedeutet, dass du dich ungern über andere lustig machst. Wo hört Humor für dich auf?
Nach unten zu treten ist immer einfach, das ist nicht meins. Und wenn man es tut, sollte man nicht so tun, als hätte man selbst keine Macken. Im neuen Programm wird es etwas politischer, aber ich predige keine Meinung. Mein Job ist, Punchlines zu generieren – Meinung darf mitspielen, aber der Witz steht vorn. Klare Grenze sind Sexismus und Rassismus. Und alte Rollenbilder zu bedienen und abzufeiern, ist auch nicht mein Ding. Das heißt nicht, dass man über Beziehungen keine Witze machen darf – aber bei „Mann, Frau“ denkt man sofort an Mario Barth, und dann steckt man als Comedian in der Sackgasse.

Über manche dieser Themen hätte ich trotzdem Lust, Witze zu machen, ich will nur nicht in dieselbe Falle tappen. Also: einen neuen Winkel reinbringen, im besten Fall über die eigene Perspektive. Ich rede im neuen Programm auch über alte und neue Beziehungen, nur eben nicht altbacken. Abschießen will ich damit niemanden, jeder hat sein eigenes Publikum.
Du kommst mit deinem Programm bald nach Erfurt. Verbindest du etwas mit der Stadt?
Als ich am Hauptbahnhof ankam, habe ich mich sehr wohl gefühlt. Genau wie in Berlin, nur gemütlicher. Vor allem verbinde ich damit die Location, in der ich das Solo spiele: Das Franz Mehlhose ist einfach eine wirklich tolle Venue. Ich habe dort schon viele Mixshows gespielt, „Gelungener Abend“ heißt die Reihe, die läuft glaube ich monatlich, moderiert von Friedrich Herrmann. Ich bin durchspaziert, sehr idyllisch, das Publikum ist sehr lieb, jede Show dort hat mir sehr gut gefallen.
Und warum sollten die Erfurterinnen und Erfurter zu deinem Auftritt kommen?
Erstens können sie dann live sehen, dass ich Dinge mit dem Mund fangen kann. Wenn jemand dieses Interview liest und denkt: „Boah, krass, da hat er hochgepokert, der fängt niemals meine Weintraube mit dem Mund“ – dann unbedingt vorbeikommen. Wer Bock auf Stand-up hat, macht mit meinem Programm nichts falsch. An einem Donnerstag macht ja wirklich niemand etwas. Freitag, Samstag, Sonntag verstehe ich, aber Donnerstag – sorry, da gibt es keine Ausreden. Donnerstag ist der klassische Ich-gehe-ins-Kino-oder-gucke-mir-irgendwas-an-Tag. Also: kommt gern vorbei!
Hard Facts:
- Wo: FRANZ MEHLHOSE Kultur & Café, Löberstraße 12, 99084 Erfurt-Altstadt
- Wann: Donnerstag, 29. Oktober
- Hier gibts noch Karten
- und hier geht es zu Ivan’s Instagram-Profil.
Mehr Cooltur-News aus Thüringen: