Der Graffiti-Szene entwachsen – Origo³ zeigt in Erfurt die erstaunliche Entwicklung dreier Künstler
Herkunft ist selten ein Ziel. Meist ist sie nur der Punkt, von dem aus sich Wege verzweigen. Origo³ macht genau diesen Moment sichtbar – nicht als nostalgischen Blick zurück, sondern als spannungsreiche Begegnung dreier künstlerischer Positionen, die denselben Anfang teilen und heute unterschiedlicher kaum sein könnten.
Origo³ zeigt in Erfurt drei Künstler
Erfurt ist der gemeinsame Nenner. Von hier stammen die Künstler Michael Ritzmann, Alex Katsuragawa und Elias Lory. Hier fanden sie über die Graffiti-Szene zur bildenden Kunst. Und was damals als gemeinsamer Ausgangspunkt begann, hat sich längst in drei eigenständige Positionen übersetzt – und genau darin liegt die Kraft von Origo³. Die Ausstellung versteht Herkunft nicht als identitätsstiftendes Etikett, sondern als offene Bewegung. Der lateinische Titel verweist zwar auf Ursprung, erzählt jedoch keine Geschichte über Vergangenheit. Vielmehr zeigt die Schau, was aus einem gemeinsamen Anfang entstehen kann.
Mit Michael Ritzmann, Alex Katsuragawa und Elias Lory
Dass dieses Projekt überhaupt zustande kam, wirkt fast beiläufig. Wie Michael Ritzmann erzählt, entstand die Idee nicht aus einem kuratorischen Masterplan. „Die Idee zu dieser Dreier-Ausstellung ist eigentlich nicht mit einem einzigen Knall entstanden, sondern eher parallel, so ein bisschen überlappend“, erinnert er sich im Interview mit unserer Zeitung. Gespräche, Freundschaften, der Wunsch, wieder einmal gemeinsam in Erfurt auszustellen – irgendwann fügte sich alles zusammen. „Einer hat hier angeklopft, der andere dort, und am Ende hat sich das alles schön die Klinke in die Hand gegeben.“
Ebenso organisch wie die Entstehungsgeschichte wirkt die Ausstellung selbst. Die Defensionskaserne auf dem Petersberg wird dabei nicht bloß zum Ausstellungsort, sondern zum aktiven Mitspieler. Statt neutraler „White-Cube-Ästhetik“, wie Ritzmann sagt, bestimmen Blickachsen, Materialwechsel und räumliche Beziehungen die Inszenierung. Die rohe Räumlichkeit des Petersberges wird aktiv von den Künstlern eingebaut.
Die Arbeiten reagieren aufeinander
Drei Einzelräume geben zunächst jeder Position ihre Eigenständigkeit, bevor sich die Arbeiten in den verbindenden Bereichen gegenseitig kommentieren. „Die Arbeiten finden trotz ihrer großen Unterschiede immer wieder zueinander – über Perspektiven, über Farbkombinationen, über Formen. Sie reagieren aufeinander“, beschreibt es Michael Ritzmann. Dass diese Choreografie funktioniert, überrascht selbst die Künstler. „Ich bin in diesen Tagen wirklich jeden Abend mit einem fetten Grinsen rausgegangen, weil das einfach so schön zusammenlief“, sagt er.
Kollaborationen mit der Erfurter Textilkünstlerin Rosa Rauscher
Die eigentliche Qualität von Origo³ liegt deshalb nicht in der Suche nach Gemeinsamkeiten, sondern im produktiven Nebeneinander. Elias Lory nähert sich Sprache als Material. Seine typografischen Systeme kippen Wörter aus ihrer Lesbarkeit in abstrakte Formen, spiegelnde Oberflächen beziehen den Raum und die Betrachtenden unmittelbar mit ein. Erstmalig zeigt Lory zudem Kollaborationen mit der Erfurter Textilkünstlerin Rosa Rauscher und Zimmerer Gregor Rothmeier.
Alex Katsuragawa entwickelt dagegen eine expressive, körperliche Malerei, in der Erinnerung, Verletzlichkeit und Identität in dichten Farbschichten sichtbar werden. Seine gestisch-figurativen und teilweise düsteren Malereien bringen eine tiefe Eindringlichkeit in den Dialog der ausgestellten Werke.
Skulpturale Stahlarbeiten mit abstrakter Malerei
Michael Ritzmann hingegen verbindet skulpturale Stahlarbeiten mit abstrakter Malerei und lotet dabei konsequent das Spannungsfeld zwischen industrieller Materialität und überraschender Leichtigkeit aus. Trotz ihrer unterschiedlichen Bildsprachen kreisen alle drei Positionen um ähnliche Fragen – wie wirkt Raum, Material, Wahrnehmung und Komposition?
„In unserer Jugend kennengelernt“
Und auch wenn die drei Künstler sich heute diesen Fragen grundverschieden nähern, verschwindet die gemeinsame Herkunft nie ganz. „Man muss das nicht überbetonen, aber tatsächlich kommen wir alle drei aus dem Graffiti und haben uns auch darüber in unserer Jugend kennengelernt.“ Was früher Spraydose und Mauer waren, ist heute Typografie, Malerei oder Stahl. Der Impuls ist geblieben, seine Ausdrucksformen haben sich verändert. Gerade diese Entwicklung macht die Ausstellung sichtbar, ohne sie jemals auszubuchstabieren.
Auch Ritzmanns Arbeiten erzählen weniger von fertigen Konzepten als von offenen Prozessen. Seine farbigen Stahlskulpturen wirken, als würden sie sich über ihre materiellen Grenzen hinaus in den Raum ausdehnen. Hinzu kommen die „Re-Recontextualizing Readymades“, bei denen gefundene Alltagsobjekte durch skulpturale Eingriffe neue Bedeutungen erhalten. Dass Zufälle dabei produktiv werden können, zeigt die eigens für die Ausstellung entstandene Arbeit „damoclis vinculum“.
„Dinge passieren ungezwungen“
Erst kurz vor Fertigstellung entschied sich Ritzmann, die monumentale Skulptur mit Spanngurten einzuschnüren. „Dinge passieren ungezwungen, und am Ende sind sie zehnmal geiler als das, was man ursprünglich geplant hatte.“ Ein Satz, der sich beinahe als Leitmotiv über die gesamte Ausstellung legen lässt.
Architektur der Defensionskaserne Erfurt
Bemerkenswert ist schließlich der Anspruch, das Projekt als Ganzes zu denken. Die Architektur der Defensionskaserne findet sich in Grafik, Website und Katalog wieder, die Ausstellung endet nicht an der Wand, sondern setzt sich im Medium Buch und auch im Internet fort. Dieser gestalterische Gesamtansatz wirkt nie dekorativ, sondern konsequent – als würde sich die Idee von Origo³ durch jede Ebene des Projekts ziehen.
Vielleicht ist das die eigentliche Qualität dieser Ausstellung: Sie behauptet keine Gemeinsamkeit, wo längst Unterschiede entstanden sind. Stattdessen macht sie sichtbar, wie produktiv Distanz sein kann. Herkunft wird hier nicht zum identitätsstiftenden Narrativ, sondern zum Resonanzraum. Oder, wie Ritzmann es formuliert: Kunst sollte etwas auslösen – „Gefühle, Gedanken, gerne auch Widerstand.“ Gleichgültigkeit sei das Schlimmste. Origo³ liefert jedenfalls genügend Anlässe, sich auf genau diesen Widerstand einzulassen.
Hard Facts:
- Origo³ von Alex Katsuragawa / Michael Ritzmann / Elias Lory
- Vernissage: 8. August ab 18 Uhr
- Öffnungszeitraum. 8. bis 28. August
- Donnerstag: 16 bis 20 Uhr / Freitag: 14 bis 20 Uhr / Samstag und Sonntag: 12 bis 20 Uhr
- Wo: DEF.Inition, Petersberg 15 (Eingang rechts), Erfurt
- Die Ausstellung ist barrierefrei zugänglich
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