Michael Koch und Maria Crohn, einer ist ohne die andere nicht denkbar und doch sind sie ein und dieselbe Person. Der zurückhaltende und fast schon schüchterne introvertierte Michael und die Rampensau Maria, die als Leiterin des Festivals der Travestie Unterhaltung auf höchstem Niveau verspricht.
Festival der Travestie kommt nach Eisenach
Mit spitzer Zunge führt die Travestiekünstlerin durch die Show, die unter anderem in Eisenach Halt macht. Sie ist zudem selbst integraler Teil der schillernden Show, in der fünf Künstler:innen für ein Spektakel zwischen Comedy, Live-Gesang, Parodie und Glitzer sorgen. Mittlerweile ist Maria Crohn mehr als dreißig Jahre das Bühnen-Alter-Ego von Micheal. Wir sprachen mit dem Unterhaltungskünstler über Travestie, Zirkuspferde und Hape Kerkeling.
Erklär mir doch mal in deinen eigenen Worten, was Travestie ist.
Michael: Travestie ist eine sehr alte Kunstform – die Kunst der Verwandlung. Entstanden ist sie vor Jahrhunderten, aus der Not heraus: Frauen durften am Theater nicht spielen, also mussten Männer die Frauenrollen übernehmen. Viele denken heute, Travestie sei ein Kind unserer Zeit – dabei gibt es sie in ihren Grundzügen schon ewig. Heutzutage bedeutet Travestie für mich schlicht Verwandlung. Im Privaten erlebst du mich nicht im Fummel auf der Straße – im Gegenteil, ich bin froh, wenn ich nach der Show alles wieder ablegen darf. Ich hab‘ großen Respekt vor Frauen, die die ganze Nacht auf High Heels durchtanzen. Ich könnte das niemals. Auf der Bühne gehört das Outfit dazu – aber beim Schminken sitze ich gemütlich im Bademantel mit Puschen in der Garderobe (lacht).
Und heute hört man ja auch viel von Drag. Was unterscheidet Drag von Travestie?
Die Grenzen sind inzwischen fließend. Drag ist die moderne Form – sehr überzeichnet, sehr überspitzt, vor allem, was Make-up und Kostüme angeht. Travestie ist klassischer, da geht es stärker ums Entertainment: Comedy, Livegesang, die Illusion. Aber die Kulturen vermischen sich. Die jüngere Generation bewegt sich stärker im Drag, das ist völlig okay – Kunst lebt ja vom Wandel.
Ich habe gelesen, Travestie sei eher in der Varieté- und Kabaretttradition verankert. Was macht diese Verankerung für dich aus?
Durch die Maske, durch die Rolle, kann ich auf der Bühne Dinge sagen, die ich als Michael nie sagen könnte – da hätte ich längst eine geklatscht bekommen. In der Travestie darf ich mit Augenzwinkern spöttisch Wahrheit verkaufen – wie im Kabarett auch – und so Leute zum Nachdenken anregen.
Früher sagte man im Varieté Conférencier. Das ist quasi ein Moderator, der durch den Abend führt. Ich schreibe auch gerade wieder neue Texte. Intern nenne ich die immer noch „Conferencen“, (Red.: Bezeichnung für eine Ansage im Kabarett) weil ich so angefangen habe. Streng genommen sind es aber Stand-up-Comedy-Texte.
Als ich erstmals auf der Bühne stand, gab es in Deutschland noch kein Stand-up-Comedy. Hätte es das damals schon gegeben, müsste ich mich nicht so lange aufwendig schminken. Aber jetzt bleib ich dabei – ich mache das nun fast 35 Jahren …
Krass, 35 Jahre! Und in der Zeit warst du viel unterwegs – sogar auf Kreuzfahrtschiffen, las ich.
Der Vorteil am Arbeiten auf dem Schiff ist: Das Publikum kann nicht weglaufen (lacht). Eine interessante Erfahrung – und nächstes Jahr sind schon mehrere Reisen mit TUI Cruises gebucht.
Kabarett wird ja auch als Theaterform verstanden. Würdest du sagen, du machst Theater?
Travestie muss gut gemacht sein und unterhalten. Auf die Bühne stampfen und nicht wissen, was man vorhat, geht in meinem Fall schon mal gar nicht. Eine Show muss wie im Theater strukturiert sein. Ich brauche ein Fundament – Texte, Choreografien. Nur so kann ich auch mal aus dem Plan ausbrechen und im Moment improvisieren.

Maria Crohn, Lady Maime, Melody Damour, Kevin Delcroix sind die Akteure des Festivals der Travestie, das im Bürgerhaus Eisenach mit Stimmungshits, gekonnter Starparodie und Stand-up-Comedy glänzte. Foto: Ragna Weyh
Wenn ich aber das Fundament nicht habe und nicht weiß, wo ich dann wieder einsteige, kann ich auch schlecht spontan sein. Gut gemachte Travestie ist wie gutes Theater: Es unterhält, hat eine Dramaturgie. Wie eine Achterbahnfahrt der Gefühle: Viel zu lachen, mit Überraschungen und manchmal auch eine Ballade, die Tränen rührt. Sonst funktioniert es nicht.
Travestie hat nichts mit Transgeschlechtlichkeit zu tun – das wird oft verwechselt. Was sagst du, wenn Menschen da falsche Parallelen ziehen?
Das passiert oft aus Unwissenheit. Was überhaupt nicht schlimm ist. Wenn ich mich noch nie damit auseinandergesetzt habe, dann ist das auf den ersten Blick schwierig. Vor allem, weil die Worte sich ähneln. Man muss einfach den Unterschied erklären. Nach 35 Jahren bin ich es gewohnt, das immer wieder klarzustellen. Wichtig ist nur, dass jemand auch zuhört. Wer das nicht will, dem kannst du es nicht beibringen. Das sind meistens die Personen, die sich unter unserer Social-Media-Werbung auslassen, aber noch nie eine Show sahen.
Aber Maria ist doch trotzdem ein Teil deiner Identität. Was würdest du sagen, wie viel Maria steckt in dir?
Maria ist streng genommen meine Arbeitgeberin – sie bezahlt meine Miete und meine Brötchen. Aber für mich ist sie eine Rolle, wie das ein Schauspieler auch erlernen würde. Privat bin ich eher spießig, fast langweilig. Maria dagegen ist Rampensau (lacht). Sie redet viel, ist laut, genießt die Bühne. Ich privat genieße es, im Urlaub eine Woche lang am Strand mit einem Buch zu liegen und mal gar nicht zu reden.
Wie bist du überhaupt zum ersten Mal zu Maria gekommen?
Wie die Jungfrau zum Kind. Ich habe schon in der Schule gesungen und Theater gespielt. Mit 16 nahm mich eine Freundin in eine Travestieshow mit – ich wusste gar nicht, was mich erwartet. Ich saß im Publikum und hab mich weggeschmissen. Ich musste sogar noch auf die Bühne, durfte assistieren – und dachte: Das ist es, das will ich machen!
Ich fing in einer Hobbytruppe ganz stümperhaft an. Da würde ich heute kein Geld mehr für verlangen (lacht). Ich tingelte dann neben der Schule mit denen rum. Später erlernet ich den Beruf als Erzieher, aber irgendwann ließ sich das mit den Wochenendterminen nicht mehr vereinbaren. Also hab‘ ich meinen sicheren Job gekündigt – damals dachte ich: Jetzt kommt die große Karriere! Naja, so einfach war’s natürlich nicht (lacht).
Gab es damals Vorbilder?
Ja, zwei: Leslie Anderson – eine große Nummer in Deutschland, leider vor zwei Jahren verstorben – und Marcel Bijou, der bis heute spielt. Einmal Zirkuspferd, immer Zirkuspferd. Beide machten Livegesang und Stand-up. Sie inspirierten mich. Wie bei den beiden war mir war von Anfang an wichtiger, dass die Leute lachen, als dass ich großen Applaus bekomme.
Und wie würdest du selbst Maria Kron beschreiben?
Eine alternde Diva, ein bisschen verpeilt, tritt in jedes Fettnäpfchen – und kann über sich selbst lachen. Sie kokettiert mit ihrem Übergewicht, erzählt von Affären mit jungen Männern und trinkt gern ein Gläschen Sekt. Aber sie bleibt gelassen, nimmt sich selbst nicht zu ernst – und schafft so Nähe zum Publikum.
Rutschst du auch mal im Alltag in die Rolle?
Ja, kann passieren. Die Schlagfertigkeit bleibt hängen. Wenn mir Personen nicht sympathisch sind, dann rede ich manchmal erst und denke hinterher. Im Supermarkt oder beim Arzt rutscht mir manchmal etwas raus, wo ich hinterher denke: Oh Gott, was hast du da wieder gesagt?
Du schreibst gerade neue Texte. Wie läuft das?
Übers Jahr sammele ich Gags, bei denen ich selbst lachen muss. Im Sommer, wenn weniger Shows sind, schreibe ich. Die Texte merke ich mir auch ganz schnell. Schwieriger sind die Choreografien – mein Choreograf sage immer, ich bin kein Tänzer, sondern ein „Mover“. Ich bewege mich halt (lacht). Da brauche ich tägliches Üben.
Was macht Travestie für dich unverwechselbar – wenn man das mit anderen Theaterformen vergleicht?
Die Vielfalt der Darstellung. Man darf schrill, bunt, laut sein, aber auch still und berührend. Ein weites Feld, auf dem ich mich austoben kann. Parodie, Gesang, Comedy – jeder Künstler hat seinen Schwerpunkt. Gemeinsam ergibt das ein facettenreiches Bild.
Und wie schafft ihr den Spagat zwischen Humor und emotionaler Tiefe?
Mit Gegensätzen, die perfekt gesetzt sind. Erst Lachen, dann eine ruhige Ballade. Es gibt Lichtwechsel und Stimmungsänderungen. So holst du die Leute ab und lässt sie mitschwingen.
Travestie spielt ja auch mit Rollenbildern. Kann sie Gesellschaft verändern?
Ja, subtil. Schon die Tatsache, dass ein Mann in eine Frauenrolle schlüpft, bricht Erwartungen. Wenn du die Leute erst zum Lachen bringst, hören sie auch zu – dann kannst du Botschaften im Subtext platzieren. Zudem spielen wir sehr mit Rollenbildern.
Was macht das mit den Menschen? Gibt es da Hass im Netz?
Ja. der hat zugenommen. Manchmal kommen schon sehr heftige Aussagen. Von dummen Kommentaren bis hin zu Morddrohungen war alles dabei. Das hat definitiv zugenommen. Der Ton wir rauer. Vor zweieinhalb Jahren standen sogar Vermummte mit Bannern vor einer Show und wollten die Gäste der Veranstaltung warnen. Auf dem Banner stand: „Für euch ist es Spaß, aber denkt auch an eure Kinder“. Ich kommentierte das dann in der Show und sagte: „Also wenn die Kinder hier bei uns sind, sind die garantiert besser aufgehoben als in der Katholischen Kirche (lacht).“ Aber vor Ort erlebe ich selten direkte Anfeindungen – im Gegenteil, das Publikum ist sehr herzlich.
Wie fühlt es sich an, wenn Fans Fotos mit dir wollen?
Ja. das ist immer sehr schön. Und ich muss sagen, uns wird eindeutig mehr Wohlwollen und Freude entgegengebracht. Besonders, wenn Familien mit Kindern in die Show kommen und lachen. In der Tat ist das immer sehr rührend. Es besuchen uns auch immer Stammgäste. In einer kleinen Stadt im Ruhrpott besuchten uns über Jahre ein Schwesternpaar. Das ist quasi mit uns alt geworden.
Eines Tages rief mich die eine der beiden an und sagte mir, sie haben bereits Karten, aber ihre Schwester kann wohl nicht mehr mitkommen, weil sie im Sterben liege. Sie fragte mich, ob ich in voller Montur ins Krankenhaus kommen kann. Das habe ich natürlich gemacht und mich bemüht im Krankenzimmer den Komiker raushängen zu lassen. Sie lachte noch einmal herzlich – danach saß ich im Bus zurück und hab geheult wie ein Schlosshund. Da dachte ich: Jetzt hast du wirklich mal etwas Sinnvolles gemacht und der Frau noch einen schönen Nachmittag beschert.
Wenn Travestie eine Botschaft hat – welche wäre das?
Gelassenheit. Probleme gibt es immer. Jede Generation hat ihr Päckchen. Aber mit Humor lassen sich Dinge leichter lösen. Travestie kann Dinge entschärfen und uns daran erinnern: alles nicht so schrecklich ernst nehmen. Lachen hilft!
Am 30. Oktober kommt ihr nach Eisenach. Warum sollten die Menschen hingehen?
Weil sie für einen Abend den Alltag vergessen können. Lachen, genießen, mit einem Lächeln nach Hause gehen. Mehr wollen wir gar nicht – aber auch nicht weniger. Wenn sie mit einem Lachen nach Hause gehen, dann bin ich glücklich.
Du sagtest vorhin so schön, ein Zirkuspferd bleibt ein Zirkuspferd. Das musste ich sofort an Hape Kerkeling denken.
Witzig, dass du auf Hape kommst. Der hat ganz großen Vorbildcharakter für mich. Er ist etwa 10 Jahre älter als ich und bin mit seiner Kunst aufgewachsen. Manchmal hab ich das Gefühl, ich bin auf der Bühne eine Mischung aus Hape Kerkeling und Dame Edna. Beide haben mich sehr geprägt. Und natürlich bin ich ein Zirkuspferd, das sich nicht so ernst nimmt und laut sein kann. Aber im Privaten kann ich sehr nachdenklich sein. Ich brauch beide Seiten.
Auf der Bühne trägst du dann auch immer Paillette wie Uschi Blum?
Natürlich! Sehr viel. Es muss glänzen und glitzern – Hauptsache es lenkt vom Gesicht ab (lacht).
Taylor Swift hat gerade ihr neues Album „Life of a Showgirl“ veröffentlicht. Welchen Tipp – von Showgirl zu Showgirl – würdest du ihr mit auf den Weg geben?
Die braucht keinen Tipp mehr von mir. Glamour und Glitzer bringt sie mit. Das Ganze dann noch mit einem Augenzwinkern verpackt, ein bisschen frech und keck. Das bekommt sie schon ganz gut hin die Gute.
Festival der Travestie in Thüringen
- 30. Oktober | Eisenach | Bürgerhaus, Ernst-Thälmann-Straße 94
- 14. Februar | Gotha | Kulturhaus, Ekhofplatz 3
- 28. März | Saalfeld | Meiniger Hof, Alte Freiheit 1
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