Text: Sophia Maureen Klefisch
„Wenn der Fußballtrainer, den alle kennen und toll finden, der Täter ist: Was macht das mit der Gemeinde?“, stellt Friederike Theile in den Raum. Sexuelle Übergriffe, Gewalt in Beziehungen – keine neuen Themen für die Geschäftsführerin des Landesfrauenrats Thüringen. Aber seit dem vergangenen Jahr setze der Verband den Fokus vermehrt auf ländliche Gegenden, da hier ein wenig anders an die Probleme herangegangen werden müsse.+
Gewalt in Beziehungen und Sexismus im Alltag in Thüringen
Auf dem Land sind die sozialen Verknüpfungen oft enger als in einer größeren Stadt. Da falle es teils schwerer, sich nach einem Übergriff zu öffnen. Gerade Gewalt in Beziehungen sei weiterhin ein tabuisiertes Thema. „Manchmal kann es schwierig sein, sich Hilfe zu suchen, gerade weil man alle kennt“, betont Theile, „etwa wenn die Frau in der Beratungsstelle auch die Mutter eines ehemaligen Klassenkameraden ist.“
Landesfrauenrat über feministische Projekte in Thüringen
Beim Fachtag „Alles gut auf dem Land?“ haben sich daher im Oktober 2025 Akteur:innen aus verschiedenen Bereichen versammelt, um über geschlechtsspezifische Gewalt im ländlichen Raum zu sprechen. In diesem Bereich mangele es bisher an Projekten, aber das hohe Interesse beim Fachtag habe den Bedarf mehr als deutlich gemacht. Eine grundlegende Frage, die diskutiert wurde: „Passen die Konzepte und Angebote, die man schon hat, auch auf diesen Raum?“
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Ein großer Aspekt ist die Mobilität. Teilweise ist es schwierig, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Ziel zu kommen. Und selbst wenn ein Auto vorhanden ist, kann dies in Beziehungen nicht immer uneingeschränkt genutzt werden. Als Beispiel für eine niedrigschwellige Lösung ist beim Fachtag das Projekt der Land-Grazien aus Schleswig-Holstein vorgestellt worden, die mit einem Handwerkerbus durchs Land fahren und an unauffälligen Orten beraten: „Zum Beispiel auf einem Supermarktparkplatz. Falls der Partner den Handy-Standort kontrolliert, kann man dort gut eine Weile stehen.“
Thüringer haben klare Meinung
Generell seien antifeministische Haltungen, Theiles Auffassung nach, in den vergangenen Jahren in Thüringen lauter geworden. Diskussionen darüber, geschlechtergerechte Sprache – das sogenannte Gendern – zu verbieten, kämen immer wieder auf. Und ob Frauen nun keine Kinder wollen oder „zu viele“ haben – auch dazu haben einige Thüringer eine klare Meinung.
Landesfrauenrat plane gezielten Austausch
Es müsse auch Aufgabe anderer Verbände und staatlicher Akteure sein, sich mit den Gefahren antifeministischer Meinungen auseinanderzusetzen. Der Landesfrauenrat plane dazu einen gezielten Austausch mit seinen 29 Mitgliedsorganisationen: Wie ist die aktuelle Lage in Thüringen, und wie können die Menschen hier konkret erreicht werden?
„Sexuelle Belästigung ist ein riesiges Thema“
Aktuell läuft ein Projekt zu Sexismus im Alltag. Über hundert Personen haben auf eine Umfrage reagiert, etwa fünfzig erzählten anonym von ihren Erlebnissen. „Viele haben geschrieben, dass sie noch nie darüber gesprochen haben“, erzählt Theile. Andere seien seitdem in Therapie, meiden nach Vorfällen bestimmte Orte. „Sexuelle Belästigung ist ein riesiges Thema, sei es auf Partys, im öffentlichen Raum, am Arbeitsplatz. Einige Frauen haben deshalb den Job gewechselt. Es hat einen Einfluss auf Karrieren, auf Lebenswege.“
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Gemeinsam mit einigen am Projekt Beteiligten hat Theile alle Einreichungen gelesen – „sehr bedrückend, aber so ist die Realität“. Schlussendlich haben sie sechs Erfahrungsberichte ausgewählt, die ab März thüringenweit mit Plakaten und Postkarten auf die Aktion hinweisen. So sollen möglichst viele Menschen erreicht werden.
Patriarchalen Strukturen in der Gesellschaft
„Man braucht auch Männer, um echte Gleichstellung zu erreichen“, sagt sie mit Verweis auf die patriarchalen Strukturen in der Gesellschaft. Männer, die selbst ihr Verhalten reflektieren. Die bei dummen Sprüchen im Freundeskreis etwas sagen. Zwar sei diese Sensibilisierung nicht direkt Aufgabe des Landesfrauenrats, aber dessen Veranstaltungen seien, wenn nicht anders gekennzeichnet, für alle offen. Vor allem bei dem Fachtag zur Gewalt im ländlichen Raum seien „gar nicht so wenige Männer“ dabei gewesen.
Alltag von Menschen in Thüringen
„Sexismus, unfaire Bezahlung, häusliche Gewalt, das prägt auch den Alltag von Menschen hier in Thüringen“, sagt Theile. Am 8. März finden zum Weltfrauenkampftag in vielen Städten Veranstaltungen und Demonstrationen statt – sie selbst wird in Weimar eine Rede halten. Gemeinsam auf die Straße zu gehen und sich für mehr Gleichberechtigung in der Gesellschaft einzusetzen, könne für Betroffene bestärkend wirken und zeigen: „Ich bin nicht allein mit meinem Erleben, mit meiner Wut.“
Hard Facts – Aktionen zum Frauenkampftag am 8. März:
- Feministische Blicke auf die Stadt: Photowalk in Erfurt, 11-12:30 Uhr, Treffpunkt Vilniuser Str. 18
- Kreatives Chill Out: Workshops, Livemusik und Kinderdisko, 14 Uhr, Jazzclub Erfurt
- „Wir sind anders. Wie die DDR Frauen bis heute prägt“: Lesung mit Annette Schuhmann, Haus Dacheröfen, 19:30 Uhr
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