Heaven Shall Burn sind nicht nur eine von Deutschlands erfolgreichsten Metalbands – sie sind auch aus Thüringen und stehen wie kaum eine andere Band für Haltung, Härte und Tiefgang. Ihr neues Album „Heimat“, das am 27. Juni 2025 erschien, schoss direkt auf Platz 2 der deutschen Charts. Im Zentrum: der Name des neuen Werkes – ein Begriff voller Spannungen, den die Band bewusst neu deutet.
Auf Tour durch Europa
2026 gehen sie mit der dazugehörigen „Heimat over Europe“-Tour auf Reisen durch Europas Metropolen – von Wien bis Barcelona. Im Interview mit Gitarrist Maik Weichert sprechen wir über Identität, politische Verantwortung, stille Held:innen – und darüber, wie man als Metalband aus der Thüringer Provinz internationale Bühnen erobert, ohne sich selbst zu verlieren.
Ihr nennt euer neues Album „Heimat“. Gab es einen bestimmten Moment, in dem dir klar wurde: Dieses ambivalente Wort muss aufs Cover?
Das war eigentlich kein einzelner Moment, sondern ein längerer Prozess. Die Idee dazu gab es schon vor ein paar Jahren, aber erst jetzt hatten wir genug Songmaterial, um ein ganzes Album daraus zu machen. Die Idee ist also gereift – wie bei einem guten Whisky. Das ist immer ein Prozess.
Letztlich fiel die Entscheidung für Heimat, weil man als Band einen Albumtitel will, zu dem jeder eine Verbindung aufbauen kann – und dafür ist dieses Wort ideal. Besonders in unserer linken Blase verursacht es ein gewisses Kratzen im Hals. Gerade deshalb ist es ein starker Titel: Es berührt jeden auf irgendeine Weise, jeder bildet sich dazu eine Meinung.
Für uns ist das auch ein Statement: Man sollte dieses von Populisten gekaperte, eigentlich schöne Wort zurückerobern – und es nicht Menschen überlassen, die es mit identitär-rechtem Schwachsinn füllen. Es lohnt sich, sich ehrlich zu fragen, was „Heimat“ bedeutet. Und da kann und soll jeder eine eigene Meinung haben.
Was verbindest du ganz persönlich mit dem Begriff Heimat – besonders, wenn du an deine Herkunft denkst?
Ich denke dabei nicht an einen bestimmten Ort. Für die meisten ist Heimat eher ein Konglomerat aus Raum und Zeit. Für mich bedeutet Heimat: das, was ich heute bin – meine Grundüberzeugungen, meine Werte. Das wird geprägt durch meine Herkunft, meine Familie, meine Freundschaften, meinen Werdegang.
Ich betrachte eher das Ergebnis als Heimat. Oft ist Heimat für Menschen rückwärtsgewandt – ein Blick in die Vergangenheit. Aber Heimat als Gegenwart zu denken, fällt vielen schwer. Dann landet man schnell bei einem Begriff wie „Zuhause“. Aber als Vision, als Denkprozess, der einen in die Zukunft leitet – so wird Heimat noch viel zu selten verstanden. Dabei würden sich Menschen vielleicht mehr um den Ort kümmern, an dem sie gerade sind oder an dem sie gerne wären.
Der Begriff „Heimat“ wird heute stark von rechten Gruppen vereinnahmt. Wie versucht ihr, ihn musikalisch und textlich zurückzuerobern?
Das ist kein Kampf im klassischen Sinne. Es geht eher um den bewussten Umgang mit dem Begriff. Wir haben ein Privileg: Uns war es als ostdeutschen Arbeiterkindern eigentlich nicht vorherbestimmt durch die Welt reisen zu dürfen – und dafür auch noch bezahlt zu werden. Je mehr du von der Welt siehst, desto klarer wird deine Vorstellung von Heimat. Wir sagen nicht: „Wir holen den Begriff zurück“, denn das würde ja bedeuten, dass ihn andere schon besitzen. Wir behalten ihn einfach – und füllen ihn mit unseren Inhalten.
Wie politisch darf oder muss Musik heute überhaupt sein – besonders in einer Region wie Thüringen, die mit demokratiefeindlichen Tendenzen zu kämpfen hat?
Musik muss nicht politisch sein. Es ist völlig okay, wenn Kunst eskapistisch ist. Wir sind als Band sehr politisch – auch künstlerisch –, aber das fordere ich nicht von allen Künstler:innen. Wer allerdings unpolitisch bleiben will und darauf besteht, dass Kunst unpolitisch sein darf, muss auch sicherstellen, dass keine rechten Inhalte darin Fuß fassen. Unpolitisch zu sein darf nicht bedeuten, rechte Tendenzen stillschweigend zu dulden.
Ihr seid eine Band mit mehreren Mitgliedern – seid ihr euch alle einig, dass ihr politisch sein wollt? Was eint euch da?
Ja, wir sind alle mit politischer Musik und klaren Überzeugungen groß geworden. Das ist auch der Grund, warum wir Freunde wurden und zusammengefunden haben. Natürlich sind wir nicht in allem einer Meinung – das ist wie in einer Partei. Aber in den Grundüberzeugungen und Einsichten sind wir uns einig. Und da ziehen wir alle an einem Strang.
In Songs wie „A Silent Guard“ oder „A Whisper From Above“ geht es um stille Held:innen der Geschichte. Was hat euch zu diesen Themen gebracht?
In A Silent Guard geht es um Menschen, die in ihrem Beruf oder Ehrenamt für andere da sind – dabei aber traumatisiert werden. Zum Beispiel Feuerwehrleute, die schlimme Einsätze erleben. Es geht um Menschen, die ihr Leben riskieren, um anderen zu helfen – oft schlecht oder gar nicht bezahlt – und mit ihren Traumata allein gelassen werden. Der Song ist eine Art Empowerment für genau diese Berufsgruppen.
„A Whisper From Above“ wiederum hat einen historischen Hintergrund. Er handelt von der polnischen Krankenschwester Irene Gut, die im Zweiten Weltkrieg vielen jüdischen Menschen das Leben rettete. Ihre Lebensgeschichte ist unfassbar beeindruckend – man sollte sie unbedingt nachlesen.
Wie seid ihr gerade auf diese Geschichte gekommen?
Solche Themen ziehen sich durch unsere Bandgeschichte. Wir nehmen uns oft konkrete Ereignisse oder Biografien vor, um damit Aussagen zur Gegenwart zu machen. Es ist einfacher, einen abgeschlossenen historischen Prozess zu betrachten und daraus Schlüsse zu ziehen, als auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren – die sich vielleicht schon wieder verändert haben, wenn das Album erscheint. Diese dunklen Zeiten gab es schon einmal. Deswegen erzählen wir davon – als Warnung für heute.
Man kann aus solchen Geschichten ja auch vieles für heute ableiten, oder?
Absolut. Man kann daraus Inspiration für die Richtung ziehen, in die man sich entwickeln möchte. Irene Gut ist da ein gutes Beispiel. Sie ist unbeirrbar ihrem moralischen Kompass gefolgt. Als strenggläubige Frau wurde sie von der Kirche enttäuscht, hat aber trotzdem nie an sich selbst gezweifelt und das Richtige getan. Das finde ich beeindruckend.
Eure Alben enthalten immer wieder historische und philosophische Referenzen. Wie wichtig ist euch intellektueller Tiefgang im Metal – auch als Gegenmodell zum „Draufhauen“-Klischee?
Wir wollen keinen Gegenpol aufbauen. Ich mag die Heldengeschichten von Manowar genauso wie die rohe Brutalität von Cannibal Corpse. Wenn das alles Fantasy ist, ist das völlig legitim. Unser Stil ist einfach anders. Wir sind geprägt von Metalbands, die sich politisch positioniert haben. Aber das heißt nicht, dass wir etwas Besseres sein wollen. Das alles hat Platz im Metal.
Ihr spielt regelmäßig auf den größten Metal-Festivals Europas. Wie passt das zu euren Wurzeln in der Thüringer Provinz?
Wir haben in einem Keller im Weimarer Land angefangen. Und heute stehen wir zum Beispiel in Busan, Südkorea, als Headliner auf einem Festival. Das ist schon enorm. Aber: Slipknot kommen auch aus Iowa und sind Landeier. Nicht jede Band kommt aus L.A., Berlin oder Sydney. Wir haben kein übergestülptes Image – wir sind, wie wir sind, und sagen auf der Bühne einfach, was wir denken. Und so nehmen wir bei jeder Reise auch ein Stück Thüringen mit in die Welt hinaus.
Euer Song „Ad Arma“ wurde in einer kleinen Pilgerkirche in Thüringen aufgenommen. Wie kam es zu dieser sehr lokalen, fast sakralen Entscheidung?
Als Künstler musst du dich fragen: Willst du ein großes Arrangement mit 120 Musiker:innen – oder lieber Intimität durch ein Streichquartett? Vor vielen Jahren hat Olafur Arnalds diesen Sound mit Piano und Streicher:innen für uns entwickelt. Und das kommt in einer kleinen Kirche besonders gut zur Geltung – malerisch. Sven Helbig, ein unglaublich talentierter Komponist aus Dresden, hat das auch diesmal fantastisch arrangiert. Es war eine großartige Erfahrung für uns. Manchmal erzeugt ein einzelnes Cello mehr Emotion als ein ganzes Symphonieorchester.
Du bist auch Staatsrechtler. Wo siehst du aktuell die größten Gefahren für Thüringen – und vielleicht auch einen Hoffnungsschimmer?
Die größte Gefahr sehe ich in der Führungsinkompetenz. Wenn ich mir anschaue, welche Leute welche Parteien anführen – oft geht es nur noch um Klientelpolitik, ohne echte Vision. Persönlichkeiten wie Bodo Ramelow, die unabhängig von Ideologien ernst genommen wurden, fehlen zunehmend. Das ist ein großer Verlust – unabhängig von parteipolitischen Vorlieben.
Und wo liegt für dich Hoffnung?
Es fällt mir ständig etwas ein. Wer sich Veränderung wünscht, muss bei sich selbst anfangen – nicht bei anderen. Es ist leicht, anderen moralische, fachliche oder intellektuelle Mängel vorzuwerfen. Aber diese Kritik muss man zuerst an sich selbst richten. Wenn das jede*r tun würde, wären wir schon ein Stück weiter.
Was würdest du Jugendlichen in Thüringen sagen, die angesichts wachsender gesellschaftlicher Spaltung nach Orientierung suchen?
Hinterfragt jede Form von Autorität! Lasst euch keine Angst machen. Findet heraus, was euch Spaß macht, wer ihr seid – was ihr wollt. Und seid euch bewusst: Es gibt kein Lifehack-Video und keine Ideologie, die euch das Leben leichter macht. Wer sowas verspricht, will euch nur instrumentalisieren und manipulieren.
Ihr habt heute deutlich mehr kreative Freiheiten als früher. Wie wirkt sich das auf das Album Heimat aus – musikalisch und thematisch?
Mit der Zeit – und durch unseren Erfolg – sind wir erfahrener geworden und haben mehr Gestaltungsspielräume. Wir haben heute andere ökonomische und logistische Möglichkeiten, unsere Ideen umzusetzen. Das macht uns freier – auch durch unser gewachsenes Netzwerk. Wenn ich heute ein Gitarrensolo im Kopf habe, das ich selbst nicht spielen kann, kenne ich tausend Leute, die ich fragen könnte. Vor 20 Jahren hätten wir zum Beispiel nie mit Sven Helbig arbeiten können. Diese neue Freiheit spiegelt sich ganz klar auf dem Album wider.
Wenn du „Heimat“ in einem Satz zusammenfassen müsstest – musikalisch wie politisch – wie würde er lauten?
Heimat ist Raum, Zeit und Gedanken in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Hard Facts:
- Wann: 14. März 2026 | 18:30
- Wo: Sparkassen Arena | Keßlerstraße 28 in Jena
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