Der Umbruch steckt bereits im Titel: Mit „Kluft“ legt der aus dem Eichsfeld stammende Komponist Martin Kohlstedt am 22. Mai sein neues Album vor. Im Interview verrät er, wie die aktuelle gesellschaftliche Lage und Nachwuchs seine Arbeit beeinflusst haben.
Du beschreibst deine Art des Arbeitens als „modulares Komponieren“. Das heißt, dass die einzelnen Stücke sich miteinander kombinieren lassen – aber auch kombinieren lassen sollten. Wie wirkt sich das aufs Schreiben der Musik aus?
Das kann man am einfachsten mit freiem Sprechen vergleichen. Man hat einzelne Floskeln oder Bausteine, die wir im Laufe einer Konversation miteinander verbinden zu einem Satz. So muss man sich das musisch auch vorstellen: Ich entwickle immer mehr Vokabeln, komme immer weiter und tiefer, so dass ich Zugriff auf diese Zustände und Worte habe und sie neu mixen oder an andere andocken kann. Eins geht mal unter, eins teilt sich in zwei – es ist eine Prozessdarstellung. Es sind keine Werknamen, sondern die Stücke sind nie fertig.
In einer Sprache gibt es aber auch eine Grammatik: Sätze können nicht nur aus Substantiven bestehen. Wie übersetzt du das in deine Musik?
Das folgt einer technischen Linie: Es gibt Melodien oder Begleittechniken, die in allen Ton- oder Taktarten fungieren, so dass Stücke in einer Form wiedererkannt werden können, so dass sie das Zentrum sind, aber organisch verkoppelbar. Trotzdem nehme ich auch mal Module, die nicht so nah beieinander liegen, um einen Diskurs zu starten. Für das Argument braucht es dann auch wieder eine musische Herangehensweise.

Nach einer Tour durch 13 Länder mit insgesamt 70 Konzerten gab der Pianist und Komponist Martin Kohlstedt zum Jahresabschluss am 12. Dezember 2023 ein Konzert im ausverkauften Erfurter Theater. Foto: Frank Karmeyer
Dein neues Album „Kluft“ ist dein bislang experimentellstes mit den bislang meisten elektronischen Einflüssen. Wie fügt sich das in deine bisherige musikalische Syntax ein?
Das Klavier ist das Grundsätzliche, das Vergangene und Erzählende, aus dem ich dann live oder in den Alben mit Elektronik mehr herausgeholt habe. Als ich 2023 die Stücke für „Kluft“ geschrieben habe, befand ich mich in einer Art schwer greifbarem Zwischenraum von mir selbst, einer kompletten Neuordnung mit neuen Ansätzen – wobei ich nicht weiß, ob es einfach nur eine brutale Midlife-Crisis war. Ich habe musikalisch verschiedene Perspektiven ausprobiert, um das Thema zu umreißen. So war es bei mir schon immer in der Musik: Bevor ich es überhaupt ausdrücken und darüber sprechen kann, kommt musisch eine Art Vorbote.
Und das waren dann elektronische Einflüsse?
Das allerwichtigste war für mich, dass „Kluft“ echt entstanden ist. Man kann am Computer auch viel konstruieren oder Sehnsüchten nacheifern, die zwar cool klingen, aber nicht das sind, worum es geht. Die zwölf Stücke haben sich als Essenz herauskristallisiert. Ich habe dabei nicht auf die Instrumentierung geachtet. Aber im Nachhinein merke ich jetzt schon: Auweia, da habe ich mich tatsächlich weit vom Ursprung entfernt.
Gab es einen Auslöser für diese Neuordnung, die du in „Kluft“ musikalisch verarbeitet hast?
Absolut. Es ist keine wirkliche Midlife-Crisis, sondern die Zeit, die wir allgemein als Gesellschaft gerade erfahren: Die gefühlte Unsicherheit, die sich breit macht und der Kampf gegen ein loseres, fast schon depressives Umfeld. Ich möchte es eigentlich gar nicht in dieser Dunkelheit umreißen, aber ich brauchte eine Position in dieser neuen Welt.

Konzert von Martin Kohlstedt zusammen mit den Percussionisten Aline Patschke, Dave Daniel und Michael Nagler im Rahmen des Kunstfestes 2025 in Weimar. Foto: Candy Welz
Wir sind in den 90er-Jahren aufwachsen mit dieser Aufbruchsstimmung und der Hoffnung, dass alles besser wird – und nun schlagen die Bomben ein: Corona, Kultur, Industrie… Ich habe Tagebuch geschrieben mit den Musikstücken: Es geht ums Klarkommen und da habe ich mir verschiedene besonnene, aber auch selbstbewusste und weirde Stücke zusammengesucht, die wie Freunde agieren, mit denen ich diese Zeit durchstehe.
Das klingt wenig greifbar. Gibt es ein konkretes Ereignis, was „Kluft“ in Gang gebracht hat?
Da ist noch mehr dahinter. Als Enddreißiger geht man ins wahre Erwachsensein über und kommt immer mehr in Verantwortung für die Welt. Ich bin vor acht Monaten Papa geworden, es dreht sich etwas – und in diesem Drehen, das dem Abgrund nahe ist, besteht auch eine Chance: Wir sind jetzt die, die übernehmen.
Ein Kind verändert natürlich alles. Wie vereinbarst du deinen Beruf mit Familie?
Mein Beruf ist mit vielen Projektionen belegt – etwa, dass man viel unterwegs ist. Wenn man sich die Termine aber genau anschaut, kann ich zehn Monate am Stück zuhause sein und viel besser Papa sein als mit einem 9-to-5-Job. Ich habe es ins Zentrum gerückt und lange Zeit schon ersehnt. Dabei bin ich besonnener und langsamer geworden, was ich nicht vermutet hätte. Es ist eine andere Ruhe reingekommen. Es lässt sich besser vereinbaren als man vermutet.
Babygeschrei beim Komponieren stelle ich mir schwierig vor …
Ja, so habe ich einen Film-Soundtrack komponieren müssen. Zu dem Zeitpunkt haben wir noch in einem Loft gewohnt und das heißt: durch die Kopfhörer hindurch hat sich mein kleines Töchterchen gemeldet. Ja, das ist extrem – aber man ist eh voller Gefühle in dem Beruf und man muss es handhaben können. Man muss Ordnung schaffen – wie es „Kluft“ auch getan hat.

Mit „Kluft“ legt der aus dem Eichsfeld stammende und in Weimar lebende Komponist Martin Kohlstedt am 22. Mai sein neues Album vor. Foto: Martin Kohlstedt
Was muss ein Filmprojekt für dich mitbringen, damit es interessant ist?
Ich glaube, es sind Erfahrungen, die man selbst gemacht hat. Man hat ein eigenes Regal erschaffen an Gedanken und Möglichkeiten, mit denen man das Leben angeht. Wenn das mit der dargestellten Person übereinstimmt, kann ich musikalisch fast empathisch wirksam sein. Daher kommt dann auch die Motivation, dass man der Richtige dafür ist. Bei mir muss es etwas sehr Menschliches sein.
Noch einmal zu „Kluft“: Auf deinem YouTube-Kanal gibt es ein kurzes Video mit Markus Kavka, der das epische und auch sehr filmische Stück RAH als tollen Auftakt beschreibt. Warum ist es auf dem Album erst Track Nummer drei?
Eine sehr wichtige Frage – und dafür geht die meiste Zeit für mich drauf. Ich lasse der Anordnung auf dem Album fast ein halbes Jahr Zeit, um sie richtig zu machen. RAH entwickelt sich aus einem Zweifel heraus, was man dem Stück aber nicht ansehen kann, weil es mit einem Rückgrat dasteht und glaubt, alles begriffen zu haben. RAH ist der falsche Optimismus, den die ganze „Heldenreise“ in „Kluft“ durchmacht. Damit RAH Sinn ergibt, ist es sehr wichtig, vorher den Konflikt aufzumachen – und das ist CON.
CON ist der versteckte Partner in einer Beziehung, der von hinten antippt, dem man aber oft nicht zuhören will und der zwei Seiten von einer Sache aufmacht. RAH kann noch eine Weile das Gegenteil behaupten, im Schrebergarten sitzen und sein kaltes Bierchen trinken, aber es hilft nichts: Es ist nicht ganz echt. Deswegen darf es so episch sein, so durch die Sterne fliegen. Es glaubt an dieser Stelle des Albums, dass danach Schluss sein könnte. Würde es so anfangen, hätte das komplette Album dieses falsche Verständnis.
Das klingt äußerst durchdacht.
Es ist ein Konzeptalbum: Die Reihenfolge ist wichtig, um die Ideen zu verstehen, warum das eine dem anderen folgt. Erst die zweite Hälfte des Albums ist dann der ehrliche Umgang mit dem Hier und Jetzt. Das war die spannendste Reise für mich: Was war ich wirklich und was wollte ich sein? Genau in diesem Raum spielt „Kluft“ die ganze Zeit Ping Pong.
Auf deiner Homepage findet sich seit 2024 kein Update mehr zu deinem Waldprojekt. Was ist hier der aktuelle Stand?
Es geht mehr ab denn je. Wir haben nur leider nicht immer die Chance, alles zu dokumentieren. Es sind mittlerweile sieben Waldareale, von denen dieses Jahr eins komplett bepflanzt wird – die Pflege der anderen wird über den Sommer durchorganisiert. Wir haben die 5.000 Bäume-Grenze erreicht – alle haben ein Zuhause gefunden. Es werden auch weiterhin Spenden gesammelt, bei den Konzerten wird auf das Thema und damit subtil auch auf den Klimawandel aufmerksam gemacht. Es wächst mehr denn je – weswegen ich mir überlegen muss, wie ich das künftig bewerkstellige.

Martin Kohlstedt pflanzt in Blankenhain einen Zukunftswald. Foto: Karine Bravo
Auf deiner Tour wirst du mit einem Auftritt auf der Landesgartenschau in Leinefeld auch in deine Heimat zurückkehren. Ist das etwas Besonderes für dich?
Sich selbst dort neu zu präsentieren, wo man herkommt, ist die aufregendste Psychodynamik. Man begegnet den bereits bekannten, alten Persönlichkeiten, zugleich aber auch den Anderen. Da gibt es viel Reibungen und Erkenntnisse – und ich gehe immer gern an den Ort, wo es am meisten brodelt und zugleich sprudelt.
Hard Facts:
- 8. November 2026 | 19 Uhr | Volkshaus Jena
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