Der Musiker frytz gehört zu den spannendsten neuen deutschen Stimmen zwischen Indie-Rap, Pop und Clubkultur. Einst Produzent für andere, fand er vor zwei Jahren den Mut, seine eigenen Ideen auf die Bühne zu bringen – ohne Plan, aber mit vollem Erfolg. Aus dem spontanen Sprung ins Rampenlicht wurden innerhalb kürzester Zeit dutzende Konzerte. Heute steht er als One-Man-Show für eine Musik, die zwischen Melancholie und Ekstase pendelt und genau in dieser Spannung ihre Kraft entfaltet.
Von Beats zu Bühnen: frytz erzählt seine Geschichte
Am 5. Oktober 2025 spielt frytz im Kalif Storch in Erfurt. Im Interview spricht er über seine unerwartete Reise vom Studio ins Rampenlicht, den Wert von Authentizität, Nähe zu seinen Fans – und verrät, warum er sich selbst augenzwinkernd als „Fliegengewicht“ bezeichnet.
Du hast ja als Produzent angefangen, bevor du selbst ins Rampenlicht getreten bist. Wann war der Punkt, an dem du gesagt hast: Jetzt gehe ich als Künstler auf die Bühne?
Der Drang, etwas Eigenes zu machen, hat sich so ca. vor zwei Jahren entwickelt. Gleichzeitig habe ich auch gemerkt: Die Dinge, an denen ich mitgearbeitet habe, sind bei anderen Künstlern durch die Decke gegangen. Da dachte ich mir: das kann ich doch auch! Also hab ich’s ausprobiert – ohne großen Plan, ohne dass ich eigentlich vorhatte, selbst auf der Bühne zu stehen. Mir war lange nicht klar, ob ich mich dort überhaupt wohl fühle. Aber dann habe ich gemerkt: Live zu spielen erfüllt mich mindestens genau so sehr, wie Musik im Studio zu machen. Und im gleichen Jahr waren es dann plötzlich 55 Konzerte. Es war nicht geplant, es ist einfach passiert.
In deiner Ankündigung heißt es, du bringst frische Impulse in die Musikszene. Welche Impulse sind das konkret?
Mir ist wichtig, die Musik zugänglich zu machen. Sie soll nicht musikalisch super komplex oder verkopft sein, sondern so, dass man leicht reinkommt und dann die Dinge für sich entdecken kann. Für mich geht es immer viel um Soundästhetik: Wie genau klingt etwas? Auf welche Art sage ich etwas? Ich würde nicht sagen, dass ich komplett neue Themen reinbringe oder die Musik neu erfinde. Aber mir ist wichtig, dass die Klangfarbe frisch bleibt und dass das, was ich sage, authentisch ist – aus meiner eigenen Sicht. Ich glaube, wenn man niemanden kopiert, sondern sich selbst ausdrückt, ist es automatisch frisch und interessant.
Deine Musik wird als künstlerisch raffiniert und vielseitig beschrieben. Woher kommt diese Vielseitigkeit?
Das liegt sicher daran, dass ich früh angefangen habe, Schlagzeug zu spielen. Später hat mir mein Bruder Gitarre beigebracht, damit hab ich mit 15 oder 16 angefangen – und bis heute spiel ich. Dieses Multiinstrumentale schwingt immer mit: Schlagzeug, Gitarre, ein bisschen Bass. Dazu kommt, dass ich über viele Jahre Beats gebaut habe, auch beruflich, für Produktionen, Jingles und so weiter. Ich hab dadurch unzählige Dinge ausprobiert. Das ist wie ein großer Werkzeugkasten, aus dem ich jetzt schöpfen kann. Ich hab ein breites Repertoire an Möglichkeiten, die ich je nach Lust einsetze.
Dein neuer Song heißt „Fliegengewicht“. Was steckt hinter dem Titel und welche Geschichte möchtest du mit dem Song erzählen?
Ich bin 1,88 Meter groß und wiege 67 Kilo, das sagt, glaube ich, das meiste. Für den Rest: hört euch den Song gerne an!
Viele deiner Songs wirken gleichzeitig melancholisch und super tanzbar. Ist das für dich ein Widerspruch oder genau die Stimmung, die du erzeugen willst?
Genau das ist gewollt. Ich finde es spannend, wenn Musik in mehrere Richtungen zieht. Wenn der Körper tanzen will, der Kopf aber gleichzeitig träumen und in Melancholie schwelgen möchte, entsteht eine Spannung, die reizvoll ist. Kunst sollte nicht nur in eine Richtung gehen. Ein Konzept, das man fünfmal in der gleichen Form durchzieht, wird langweilig. Durch Widersprüche entstehen neue Räume, und das hält die Musik lebendig.
Auf der Bühne überzeugst du als One-Man-Show, egal ob im Club oder auf Festivals. Was macht diese Art der Performance für dich besonders?
Es ist tatsächlich selten, dass jemand bei größeren Konzerten komplett allein auf der Bühne steht. Ich war mir anfangs unsicher, ob das fürs Publikum spannend genug ist – schließlich schaut man nur einer Person zu. Aber genau dieser Fokus macht es interessant: Ich bewege mich ständig zwischen Rollen – mal Gitarrist, mal Drummer, mal Sänger – und dadurch passiert immer etwas. Die Energie bündelt sich auf mich, und die Leute fokussieren sich gemeinsam auf diesen einen Punkt. Das schafft eine Verbundenheit, die bei fünf, sechs, sieben Leuten auf der Bühne oft anders verteilt ist. Es ist komprimierter, fokussierter.
Natürlich ist es nur auf der Bühne eine One-Man-Show. Drumherum habe ich ein großes Team, das organisiert, bucht, beim Auf- und Abbau hilft und mir seelischen Support gibt. Ohne die läuft gar nichts.
Hattest du Vorbilder für diese Art von Performance?
Nicht direkt. Eher das Gegenteil. Ich habe gemerkt: Wenn man mit drei, vier, fünf Leuten unterwegs ist, ist es einfach wahnsinnig schwierig, das ernsthaft durchzuziehen. Fünf Leute müssen davon leben können, Zeit haben, proben, Konzerte spielen – das ist organisatorisch und finanziell schwer. Deshalb bin ich auch aus praktischen Gründen dankbar, dass es allein funktioniert.
Deine Fanbase wächst stetig. Wie erlebst du den Kontakt zu den Fans?
Ich hab das Gefühl, dass das, was man rausgibt auch wieder zurückkommt. Die Leute, die mit meiner Musik resonieren, „ticken“ ähnlich. Nachrichten und Begegnungen sind meistens sehr herzlich, nah und auf einer Wellenlänge. Besonders bleiben mir die Momente, in denen Menschen sich öffnen und mir ihre Geschichten erzählen – wenn meine Musik dabei eine Rolle gespielt hat, berührt mich das. Und ja, es gibt tatsächlich Leute, die sich Songzeilen tätowiert haben. Das ist krass, weil es etwas für die Ewigkeit ist.
Streaming hat dich inzwischen in große Playlists gebracht. Welche Bedeutung haben Streams für dich im Vergleich zu Live-Auftritten?
Streaming ist ein Multiplikator. Man wird sichtbar, neue Leute entdecken einen über Spotify, Insta-Reels oder TikTok. Das ist wichtig. Aber Klickzahlen allein bedeuten nicht, dass deine Musik wertvoll ist. Für mich muss es eine Ebene tiefer gehen. Live ist viel intensiver. Klar, es sind nicht Tausende oder Millionen, sondern ein kleinerer Kreis. Aber die Menschen sind präsent, es berührt sie unmittelbar. Das ist viel echter.
Gab es einen Moment, in dem du dachtest: „Jetzt hab ich’s geschafft“?
Naja, so ein bisschen hatte ich das beim Festival „Sound of the Forest“. Das war eins der ersten Konzerte, bei dem die Leute richtig ausgerastet sind. Diese Ekstase – das war wie im Traum, wie ich’s mir ausgemalt hatte. Aber eigentlich gibt es viele solcher Momente. Oft hab ich vor Shows Zweifel: Kommen überhaupt Leute? Und dann stehst du auf der Bühne, und es ist voll, die Stimmung ist stark, das Feedback überwältigend. Bisher waren alle meine rund 70 Konzerte schön, und ich bin nie mit einem schlechten Gefühl von der Bühne gegangen.
Am 5. Oktober spielst du im Kalif Storch in Erfurt. Was verbindest du mit Thüringen?
Ich war schon mal da, weil die Schwester eines Freundes dort wohnt. Aber ehrlich gesagt ist Thüringen für mich noch Neuland. Genau das macht’s spannend. Eine erste große Tour ist immer etwas Besonderes, weil man so viele Ecken und Landstriche neu entdeckt. Dadurch hab ich in der letzten Zeit ein anderes Bild von Deutschland bekommen – wie schön es überall ist, landschaftlich und kulturell. Und auf Thüringen freu ich mich sehr, weil dort die Schönheit für mich noch wartet (lacht).
Wo siehst du dich in fünf Jahren – Independent oder mit Major-Label im Rücken?
Ich hab ein kleines Label, und das passt perfekt. Major ist nicht der Plan. Am wichtigsten ist, gute und authentische Musik zu machen. Es bringt nichts, wenn man dich ins Fernsehen pusht und riesige Touren bucht, wenn du nichts zu erzählen hast. Meine Wunschvorstellung: Dass ich immer weiter Zugang zu mir selbst finde, meine Geschichte weitererzählen kann und Menschen interessiert bleiben. Ich seh mich in einem Studio irgendwo im Grünen, mit großem Fenster, meinen Instrumenten, und ich mach den ganzen Tag Musik.
Gibt’s noch etwas, das du den Leuten in Thüringen mitgeben möchtest?
Ja. Thüringen ist für mich noch ein unentdecktes Gebiet – da war ich einfach noch nicht oft, deswegen sind die Shows auch kleiner. Aber genau das reizt mich: Ich komme vorbei, sage Hallo, und vielleicht sind’s beim nächsten Mal schon dreimal so viele. Und ganz ehrlich: auf die Menge kommt’s nicht an.
Hard Facts
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Wann: 5. Oktober 2025, Beginn 20:00 Uhr (Einlass ab 19:00)
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Wo: Kalif Storch, Zum Güterbahnhof 20, 99085 Erfurt
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Tickets gibt es hier
