Wenn Romano am 3. März im Kassablanca in Jena aufschlägt, ist das kein gewöhnlicher Tourhalt. Thüringen ist für ihn kein x-beliebiger Punkt auf der Karte, sondern ein Ort voller Erinnerungen, Geschichten und familiärer Wurzeln. Zwischen Gera, großen Familienfesten und Mythen aus dem eigenen Leben spannt sich ein persönlicher Bogen, der bis in seine Musik reicht. Romano ist ein Künstler, der Grenzen lustvoll einreißt: musikalisch zwischen Hip-Hop, Metal, Schlager und Performancekunst – und menschlich zwischen Absurdität, Tiefgang und großer Wärme.
Romano erzählt von Gera, Geschichten und Goldherzen
Wir haben uns mit ihm über sein neues Album „Körper“ gesprochen, das genau das ist: verspielt, schräg, tiefgründig und überraschend zärtlich. Das Gespräch wanderte von Zungen, die auf kulinarische Reise durch Thüringen gehen, über Ohren, die zu kleinen Religionsgründern werden, bis hin zu morbiden Kinderspielen und Wahlversprechen voller Nächstenliebe. Ein Gespräch über Körperteile, Kindheitserinnerungen und dieses eine Gefühl, das bleibt, wenn man den Kopf kurz ausschaltet und einfach mitten im Chaos landet.
Du spielst am 3. März im Kassablanca in Jena – was verbindest du persönlich mit Jena oder Thüringen, gibt’s da Erinnerungen oder Mythen aus dem Romano-Kosmos?
Jena war für mich schon früh ein Teil meiner Geschichte. Irgendwann um 2000 hatte ich dort meinen ersten Club-Auftritt – ich weiß zwar nicht mehr, wie der Laden hieß, aber ich war auf jeden Fall schon da. Ein großer Teil meiner Familie kommt aus Gera, das ist sozusagen meine persönliche Thüringen-Verbindung. Als Kind war ich oft dort, wir sind durch die Altstadt gelaufen, haben die Familie besucht, Zeit miteinander verbracht.
Große Familienfeiern waren normal – mein Vater ist das älteste von neun Geschwistern, da kam einiges zusammen. Dazu gab es immer diese verrückten Geschichten: Ein Onkel von mir wurde Maskenbildner, ist nach Hollywood gegangen und hat dort gearbeitet. Wenn er nach Gera kam, saßen wir alle im Kreis und haben gelauscht – er brachte Autogramme mit, einmal sogar von Michael Jackson. Für mich steht Gera für Familie, Geschichten und Zusammenhalt. Ich war lange nicht mehr da, aber jetzt freue ich mich riesig, wieder nach Thüringen zu kommen.
Deine Shows bringen oft sehr unterschiedliche Menschen zusammen – wie nimmst du das Thüringer Publikum wahr im Vergleich zu Berlin oder anderen Stationen?
Ich glaube ehrlich gesagt, es gibt gar kein klassisches Thüringer oder Berliner Publikum, sondern eher ein Romano-Publikum. Meine Musik zieht Menschen an, die Lust haben, über den Tellerrand zu schauen. Und das ist überall gleich. Egal ob Hamburg, München oder Jena. Im Publikum stehen Metalheads neben Gothics, Techno-Leute neben Hip-Hop-Fans. Alle reißen Grenzen ein und haben gemeinsam zwei Stunden Romano-Gewitter.
Wenn ein Körperteil aus deinem Album einen Thüringen-Ausflug machen würde: Welches wäre es – und was würde es hier erleben?
Ich glaube, es wäre die Zunge. Die würde direkt nach Thüringen reisen und sich kulinarisch komplett verlieren. Thüringer Klöße, alles durchprobieren, Restaurants, Cafés abchecken. Die Geschmacksnerven wären auf jeden Fall voll im Einsatz. Im Kloß- oder Bratwurstmuseum würde die Zunge völlig ausrasten. Die hüpft vor Freude, schleicht sich sogar ohne Eintritt rein und genießt alles, was Thüringen kulinarisch zu bieten hat.
Dein neues Album heißt Körper und Lieder drehen sich um Körperteile. Was beschäftigt dich oder ist für dich besonders am Thema “Körper“?
Alles begann mit der Zunge. Ich liebe dieses Wort – Z, U, N, G, E – allein das sieht schon absurd aus. Ich fing an, darüber zu schreiben, und merkte irgendwann: Das kann größer werden. Erst dachte ich an eine kleine EP, am Ende sind es zehn Songs und zwei Gedichte geworden. Ich habe mir die Körperteile fast wie ein Biologielehrer angeschaut: Wo bin ich drin? Wie fühlt sich Romano im Ohr, im Fuß, im Auge? Ohren zum Beispiel hören alles, können sich nicht wehren, manchmal sind sie sogar genervt von mir. Der Fuß brachte mich nach Sizilien, zu Kirchen, Reliquien – Körperteile in Gold und Silber. Beim „Polyesterherz“ ging es ums Märchen „Das kalte Herz“: ein Herz tauschen für Erfolg, aber was verliert man dabei? Polyester ist billig, bunt, austauschbar – Schutz und Distanz zugleich. Die Augen hören nicht nur, sie starren, kontrollieren, wirken fast bedrohlich. Und das Penis-Thema wollte ich auch nicht aussparen – Tabus brechen auf meine Art: absurd, fantasievoll, irgendwo zwischen Horror, Lovecraft und Märchen.
Im Song „Finger“ greifst du das alte Kinderspiel-Motiv auf – „Der letzte Finger liegt jetzt auf dem Küchenbrett. Meine Mutter schneidet Speck, schneidet mir den Finger weg!“ Was können wir da interpretieren?
Tja, die Frage ist: Was kann man darin alles sehen? Für mich ging es vor allem darum, den Tod auf eine absurde und skurrile Weise darzustellen. Stell dir vor, diese Finger erleben die verrücktesten Abenteuer, jeder für sich. Und dann gibt’s am Ende sogar zwei Finger, die sich zusammennähen, weil sie nicht allein sein wollen. Es sollte morbide sein, aber auf eine humorvolle Weise. Auf dem Album spielt die Thematik Tod sowieso immer wieder eine Rolle – das Sterben durchzieht alles wie eine Art roter Faden. Am Ende freue ich mich einfach, dass ich noch zehn Finger Zehen habe! Mit denen könnte ich
schließlich noch die wildesten Geschichten erleben und wer weiß, vielleicht schreibe ich irgendwann noch einen Song darüber. Aber diesmal waren die Finger erst mal dran!
In ‚Ohren‘ wirst du von dir selbst zum Anführer deiner neuen Religion gewählt – mal angenommen, es gäbe eine echte Kandidatur: Mit welchen Wahlversprechen würdest du überzeugen?
Meine Wahlversprechen müssten vor allem ehrlich und umsetzbar sein – authentisch eben. Am wichtigsten wäre für mich Liebe, aber nicht nur zur Familie oder zum Partner, sondern echte Nächstenliebe, die sich durch den Alltag zieht. Mal jemandem über die Straße helfen, die Bäckerin freundlich grüßen – auch wenn man nur ein müdes Brummen zurückbekommt. Man weiß nie, was die andere Person gerade durchmacht. Vielleicht sollten Wahlversprechen eigentlich eher Lebensversprechen sein. Mir liegt zum Beispiel das soziale Jahr am Herzen: Ich habe mein eigenes Zivildienst damals auf der Krebsstation in der Charité gemacht und erlebt, wie sehr uns solche Erfahrungen verbinden – viel mehr als irgendwelche Regeln oder Unterschiede. Generell geht es mir darum, mehr miteinander statt gegeneinander zu leben: zuzuhören, Verständnis zu zeigen und die Grautöne zwischen Schwarz und Weiß zu erkennen. Wohnmodelle, bei denen Studierende günstig bei Senioren leben, finde ich großartig – beide Seiten profitieren, echte Verbindungen entstehen, und die Geschichten, die man dabei hört, sind einfach unbezahlbar.
„Körper“ wird als Märchen für große Kinder beschrieben: Was glaubst du, verliert man auf dem Weg zum Erwachsen werden – und was kann Musik zurückholen?
Man verliert oft das Träumen. Die Naivität, die Offenheit. Dieses Unvoreingenommene, ohne sofort zu wissen, wie etwas endet. Je mehr man denkt, man kennt den Weg, desto enger wird er. Musik hat mir geholfen, etwas Kindliches zu bewahren – diesen Entdeckergeist. Wissenschaft kann viel erklären, messen, berechnen. Aber Liebe, Glaube, Magie? Das lässt sich nicht messen. Es gibt diese Zwischenwelt, wie Rauch nach einer ausgepusteten Kerze. Und genau diese Faszination macht das Leben spannend. Wenn wir alles erklären könnten, wäre es furchtbar langweilig.
Wenn du heute auf dein Album „Jenseits von Köpenick“ aus dem Jahr 2015 zurückblickst: Was hat sich an Romano am meisten verändert – und was ist trotz allem gleichgeblieben?
Der kindliche Blick ist geblieben. Geändert haben sich die Spielarten. Mal Punk, mal „Edel-Pop“, mal „Vulkano Romano“. Humor, Wortwitz und Lebensbejahung sind konstant. Ich zeige nicht mit dem Finger auf andere. Jeder lebt sein Leben. Ich schöpfe aus meinem eigenen Erfahrungsschatz. Die Muse entscheidet mit – manchmal küsst sie dich, manchmal versteckt sie sich. Wenn man zu sehr will, kommt sie nicht. Wenn man offen bleibt, flüstert sie einem irgendwann Ideen zu.
Deine Live-Shows gelten als rauschhaft und verbindend: Wie gehst du mit der körperlichen Seite des Tourens um – Erschöpfung, Adrenalin, Wiederholung?
Vor der Tour mache ich viel Sport, Joggen, Fitness, mentale Vorbereitung. Gesangsunterricht habe ich sowieso – bei einem Opernlehrer, ganz klassisch. Und dann ist Tour wie eine Klassenfahrt mit Freunden. Das ist das Wichtigste. Auf der Bühne zu stehen und mit den Fans gemeinsam meine Lieder zu singen, danach am Merch zu quatschen, einen Sekt zu trinken – ohne das wäre das Künstlerleben nur halb. Die Wiederholung kann verfeinern. Und wenn etwas schiefgeht – Mikro fällt aus, Technik spinnt – entstehen oft die besten Momente. Das ist wie Theater. Menschen mögen es, wenn etwas menschlich bleibt, wenn jemand stolpert oder improvisiert. Vor der Show wird sich eingesungen, auch wenn’s schräg klingt. Dann kurz vorm Auftritt im Kreis stehen, Hände zusammen – und los. Nach der Show: Sekt und Zeit mit den Fans.
Hard Facts:
- Wann: 3. März 2026
- Wo: Kassablanca, Jena
- Weitere Romano-News gibt es auf seiner Instagram-Seite oder Homepage
