TikTok trifft auf Videokassette, Spotify auf CD, Generation Z auf Nino de Angelo – zwei Welten, ein Gespräch. Nino de Angelo ist ein Musiker der alten Schule. Mit dem Song „Jenseits von Eden“ landete er 1983 einen Hit, der heute wohl als „viral“ gelten würde – über 500.000-mal wurde die Single verkauft und hielt sich wochenlang ganz oben in den deutschen Charts.
„Irgendwann im Leben“ in Jena, Erfurt & Suhl
Heute blickt Nino de Angelo auf ein Leben voller Höhen und Tiefen zurück, die er in seinem neuen Album „Irgendwann im Leben“ auf persönlichste Art verarbeitet und gleichzeitig mit optimistischem Blick nach vorne schaut. Auf seiner gleichnamigen Tour bringt er seine Geschichten nach Thüringen, mit Stopps in Jena, Erfurt und Suhl.
Zusammentreffen zweier Generationen
Was passiert, wenn zwei völlig verschiedene Generationen aufeinandertreffen? Unsere 20-jährige Reporterin hat zum Album-Release mit Nino de Angelo gesprochen und herausgefunden, wie der Sänger zu einem „Jenseits von Eden“-TikTok-Trend steht, welcher seiner neuen Songs Gen-Z-Potenzial hat und an welchen Werten die neue Generation unbedingt festhalten sollte.
Dein neues Album heißt irgendwann im Leben. Ich bin 20. Kannst du mir eine ungefähre Timeline geben, ab wann das Leben so richtig ernst wird?
Ab 60 (lacht)! Seit ich 60 bin, hab ich das Gefühl, dass die Uhr wirklich tickt. Da wird es plötzlich ernst. Man fragt sich: Was will ich noch haben vom Leben? Was will ich noch tun? Wie viel will ich noch tun? Das wird dann wichtig. Wenn man es bis 60 geschafft hat, sollte man sich überlegen, wie man den Rest seiner Zeit verbringt.
Meine Generation hört vor allem Musik in Richtung Pop, Indie und Hip-Hop. Deine Musik konnte ich jetzt nicht so richtig darin verorten. Wie würdest du mir deine Musik beschreiben?
Schwer zu sagen. Gerade die neuen Songs, besonders auf dem neuen Album, klingen nach Rock, Pop und Country. Ich bin ein großer Fan von Bruce Springsteen, Neil Diamond und Elton John. Meine Lieblingsmusiker sind alles tolle Musiker und tolle Sänger und die haben alle unheimliche Tiefe in ihren Songs.
Genau das ist mir auch wichtig: meine Texte sollen etwas ausdrücken. Wenn man sagt, dass man Künstler ist, dann muss man auch Kunst machen und ein bisschen in die Tiefe gehen – sonst ist man nur Interpret.
Bei acht Stunden Bildschirmzeit entdeckt Generation Z alte Songs meist nur über TikTok. Wie wahrscheinlich ist es, dass ich „Jenseits von Eden“ bald in einem Tanztrend sehe – und wenn es passiert, würdest du mittanzen?
Auf keinen Fall (lacht)! Ich kann nicht tanzen. Ich bin da echt untalentiert. Deswegen meide ich Shows wie „Let’s Dance“ – ich würde mich da fürchterlich blamieren. Wenn ich tanze, dann nur für mich alleine.
2011 hast du zusammen mit Eko Fresh deinen Song „Jenseits von Eden“ neu aufgenommen. In letzter Zeit haben Otto und Udo Lindenberg mit typischen „Gen-Z-Künstlern“ gemeinsame Sache gemacht. Wenn du dich heute mit einem berühmten Gen-Z-Künstler für einen Song zusammentun müsstest – Wer wäre das und warum?
Mit Apache 207 würde ich auf jeden Fall einen Song machen. Der Junge hat eine unglaubliche Reichweite – und er ist ein richtig guter Musiker, ein starker Sänger. Ich bin ja immerhin Professor des Gesangs (lacht). Der hat was und berührt mich mit seiner Musik. Ich würde echt gern mit ihm zusammenarbeiten, aber er hat ja jetzt schon mit einem anderen Opa was gemacht. Ich bezweifle, dass er sich noch einen zweiten ins Boot holt.
In meiner Generation sagt man oft „Main Character Energy“ – also der Hauptcharakter in seiner eigenen Lebensgeschichte sein. Wenn dein Leben ein Film wäre, welches Genre hätte er? Tragikomödie, Action-Drama oder doch eher eine Netflix-True-Crime-Doku?
Ganz klar: Drama und Action. Ein Action-Drama, yeah! Bei mir passiert immer irgendwas. Mein Leben ist eine einzige Mischung aus Drama und Action. Das ist einfach so. Ohne Action kann ich nicht leben und ohne Drama anscheinend auch nicht.
Dein neues Album wird als dein bisher persönlichstes Werk beschrieben. Was hat dich dazu bewogen, jetzt so tief in deine eigene Geschichte einzutauchen?
Mein Leben. Ich nehme kein Blatt vor den Mund – schon lange nicht mehr. Ich sage, was ich denke, auch wenn ich damit manchmal furchtbar anecke. Es ist wichtig ehrlich zu sein. Das würde ich auch der neuen Generation mitgeben: Seid ehrlich. Baut euer Leben nicht auf Lügen, sondern auf das, was euch wirklich erfüllt. Tut, was euch Spaß macht – nicht nur, weil man damit Geld verdient.
Gibt es einen Song auf dem Album, bei dem du dir vorstellen kannst, dass auch eine jüngere Generation sagt: „Okay, das fühle ich“?
Dämonen, zum Beispiel. Das ist ein Song, der glaub ich generationsübergreifend ist. Und auch Kollision hat definitiv das Potenzial, ein jüngeres Publikum zu erreichen. Zumindest kann ich mir gut vorstellen, dass der bei der Gen Z ankommt.
Ich habe auch mal ins Album reingehört und tatsächlich haben für mich „Dämonen“ und „Zu Spät“ heraus gestochen.
Zu spät auch, echt? Der Song ist natürlich sehr, sehr persönlich. Ich habe ihn für die Mutter meiner Kinder geschrieben – die Trennung damals war hart. Aber es musste so kommen, wie es gekommen ist, das lag an mir. Ich habe viel zu spät versucht alles zu retten. Man sollte das, was man liebt, gut behandeln. Sonst ist es irgendwann zu spät.
Nach so vielen Jahren in Musikgeschäft. Was treibt dich immer noch an, weiterzumachen?
Die Liebe zur Musik. Musik und ich ist eine Liebe, die unendlich ist. Ich habe diese Stimme nicht umsonst in die Wiege gelegt bekommen. Ich glaube, ich muss Singen. Musik machen ist sehr Sinn meines Lebens.
In einem Pressetext sagst du „Meine Fans wollen mehr Nino – sie bekommen mehr Nino!“ – wie viel mehr Nino geht überhaupt noch, wenn man meinen könnte, dass du schon dein ganzes Leben 100 Prozent Nino bist?
(Lacht) Meine Fans bekommen wahrscheinlich jetzt die beste Version von Nino. Ich glaube, ich bin jetzt hier und heute die beste Version von mir selbst. Davon bin ich überzeugt.
In deinem neuen Album blickst du auf ein turbulentes Leben zurück. Wie turbulent wird es, wenn du in Zukunft schaust?
Überhaupt nicht turbulent. Es wird immer ruhiger. Es ist wie so ein See, der ganz flach ist oder das Meer, wenn es keine Wellen gibt. Es wird immer ruhiger werden und das ist gut so.
Wenn du dich in deine 20er zurückversetzt: Was hättest du damals über einen Typen wie Nino de Angelo von heute gedacht?
Wahrscheinlich würde mich überhaupt nicht interessieren, was der alte Mann da macht (lacht). Die junge Generation ist eigenständig, die lebt ihr eigenes Ding. Ich glaube nicht, dass sie sich groß mit Künstlern beschäftigen, die in den Achtzigern oder Neunzigern erfolgreich waren. Diese Generation tickt einfach anders. Ich hoffe nur, dass sie dabei nicht vergisst, dass Familie und Liebe das Größte ist, was es gibt.
Ich glaube, wir gehen das alles einfach ein bisschen aus einer anderen Perspektive an.
Ihr seid ein bisschen zu locker, so nach dem Motto „Nach mir die Sintflut“. Irgendwie kommt mir das so vor. Ich glaube, Familie, Zusammenhalt und Freundschaft sind Werte, die anscheinend momentan verloren gehen.
Wäre das so auch dein Rat an die neue Generation? Diese Werte nicht zu verlieren? Was würdest du jemanden in meinem Alter noch mitgeben wollen?
Jeder will irgendwas erreichen, und Social Media bietet natürlich viele Chancen, sich zu zeigen und etwas zu tun. Wenn du Glück hast, wirst du damit sehr erfolgreich. Aber irgendwann, später im Leben, wirst du dir vielleicht wünschen, dass du dich mehr um deine Familie gekümmert hättest – um deine Mama und deinen Papa. Ich habe das Gefühl, das passiert heutzutage immer weniger.
Familie ist das Stärkste, was es gibt. Zusammenhalt ist das Stärkste und das Schönste. Erfolg und materielle Dinge sind vergänglich. Das Einzige, was bleibt, ist Familie und die Liebe.
Hard Facts:
- Nino de Angelo in der Sparkassen Arena Jena: 9. April
- Nino de Angelo in der Messe Erfurt: 4. Mai
- Nino de Angelo im Congress Centrum Suhl: 10. Dezember
- Tickets: www.ticketshop-thueringen.de
