Unserer Autorin Lisa Hilpert blickt in ihrem Blog „Freiraum Ost“ in regelmäßigen Abständen auf die vergangene, gegenwärtige und zukünftige Clubkultur in Thüringen und Mitteldeutschland. Diesmal spricht sie mit DJ Tobias Winkler über die Bienstädter Warte, die über viele Jahre hinweg die Ravekultur in Mittelthüringen geprägt hat.
Thüringens verlorene Technoszene: Raven auf der Bienstädter Warte
Thüringen war lange Zeit ein unentdecktes Pflaster für elektronische Musik – ein Geheimtipp für alle, die „den Beat“ suchten. Versteckte Locations, improvisierte Raves und eine eingeschworene Community prägten die Szene. Einer, der diese Entwicklung Ende der 1990er, Anfang der 2000 hautnah miterlebt und mitgestaltet hat, ist Tobias Winkler.
DJ Tobias Winkler blickt auf Technoszene in Thüringen zurück
Bis heute ist er als DJ und Veranstalter aktiv. Doch seine Wurzeln liegen in einer Ära, in der es kaum Clubs gab und elektronische Musik noch ein absolutes Nischenphänomen war. Alles begann mit improvisierten Partylocations, alten Industriehallen und einer Generation, die bereit war, für die Musik weite Wege zu gehen.
Seinen Einstieg in die Szene fand Tobias durch das TMAG-Magazin, das in Thüringen als eine Art Bibel für elektronische Musik galt. Neben Platten-Reviews und Eventberichterstattung war das Magazin auch als Veranstalter aktiv – besonders in den alten Kühlhallen von Gierstädt. Die Hallen gehörten der Fahrner Obst GmbH, die sie an die Veranstalter zu guten Konditionen vermietete. „Es war wie eine andere Welt. Man kannte elektronische Musik sonst nur aus vereinzelten Clubs, aber die Kühlhallen waren etwas Besonderes“, erinnert er sich.
Erfurt und Bienstädt: Vom Geheimtipp zum Rave-Magneten
Dort erlebte er mit 17 Jahren seinen ersten großen Moment hinter den Plattentellern. „Ich bin Sonntagfrüh mit meinem Moped durch die Plantagen gefahren, mit einer kleinen Plattentasche dabei, um aufzulegen. Es war episch.“ Doch wie so oft in der Clubszene änderten sich die Dinge schnell. Nachdem die Kühlhallen 2000 wegen Verkauf des Geländes schließen mussten, wurde bald eine neue Heimat in der Nähe gefunden: Die Bienstädter Warte.
Zentrale Abhörzentrale des Ministeriums für Staatssicherheit
Zu DDR-Zeiten wurden in der Nähe der Warte Gebäude für eine zentrale Abhörzentrale des Ministeriums für Staatssicherheit errichtet. Dieses Gelände verwandelte sich ab 1999 in einen der beliebtesten Veranstaltungsorte Thüringens. „Es war ein unglaubliches Gelände – riesig, mit alten Lagerhallen, einem Funkturm und einer ehemaligen Stasi-Abhörstation. Dort war eine ganz eigene Energie“, erzählt Tobias.

Bienstädter Warte // Techno in Thüringen // Elektronische Musik // Partylocation Anfang der 2000er Jahre // Foto: Patrick Krug
Die ersten Partys fanden noch unter freiem Himmel statt, später wurde die große Lagerhalle genutzt. Die Veranstaltungen zogen Besucherinnen und Besucher aus ganz Thüringens an. „Damals war die Szene noch klein, aber sehr reisefreudig. Man traf die gleichen Leute an verschiedenen Orten – ob in Eisenach, Nordhausen oder Schmalkalden.“
Bienstädter Warte wurde zu Magneten für die Techno-Szene
Mit der Zeit wurde die Bienstädter Warte zu einem echten Magneten für die Techno-Szene, auch über Thüringens Grenzen hinaus. Große Namen wie Sven Väth, Dave Clarke und Green Velvet traten dort auf. Es war eine Blütezeit, aber auch eine Zeit, in der sich alles veränderte.
Die Geschichte eines Techno-Mythos bei Erfurt
Während die frühen Jahre von einem eingeschworenen Gemeinschaftsgefühl geprägt waren, kam mit dem steigenden Erfolg auch die Kommerzialisierung. „Plötzlich wollte jeder DJ sein, jeder eine eigene Party machen. Es gab ein regelrechtes Überangebot. Das Besondere ging verloren“, berichtet Winkler aus der Zeit. Die Clublandschaft in Thüringen wuchs, aber die Qualität war oft nicht mehr die gleiche.
Als weiteres Problem beschreibt der damalige Veranstalter die zunehmenden Polizeikontrollen. „Anfang der 2000er wurde es extrem. Gerade in Bienstädt gab es keine öffentlichen Verkehrsmittel, also mussten alle mit dem Auto kommen. Die Polizei wusste das und stellte sich morgens direkt an die Ausfahrten. Wer gefahren ist, musste zittern. Viele haben ihren Führerschein verloren, andere sind gar nicht mehr gekommen.“
Die Bienstädter Warte schloss 2009
Tobias ist einer der wenigen, die der Szene treu geblieben sind – als DJ, Veranstalter und mit eigenem Label. In der Landeshauptstadt Erfurt organisiert er bis heute Events. Doch vom Musikmachen allein zu leben, ist für ihn gerade nach der Corona-Pandemie kaum möglich.
„Viele haben in der Lockdown-Zeit aufgehört oder sich umorientiert“
„Es fehlt oft an Mut“, sagt er. „Viele haben in der Lockdown-Zeit aufgehört oder sich umorientiert. Außerdem sind die Leute bequemer geworden – früher fuhr man für einen guten Rave durch ganz Thüringen, heute entscheidet man sich spontan, ob man überhaupt noch losgeht.“ Trotz allem hat Tobias nie ans Aufhören gedacht. „Es ist einfach ein Teil von mir. Ich kann nicht anders, als weiterhin Musik zu machen und Events zu planen.“
Und es gibt Hoffnung: Eine neue Generation entdeckt den Reiz der elektronischen Musik für sich. Social Media und Streaming-Plattformen erleichtern den Einstieg für junge Talente – und auch erfahrene Veranstalter sehen neue Chancen. „Es geht nicht mehr nur um große Namen“, sagt er. „Wichtig ist das Gefühl, die Atmosphäre. Wenn wir das hinbekommen, kann Thüringen wieder das werden, was es einmal war – ein echter Geheimtipp für elektronische Musik.“
