„Wir dachten, es kommen nach dem ersten Aufruf etwa 30 Menschen. Und auf einmal standen bei der ersten Probe 120 Leute vor der Tür“, erinnert sich Junia von den Rotkehlchen in Erfurt. Die JederKann-Galerie platze aus allen Nähten. „Es war total krass, das hatten wir nicht erwartet“, ergänzt sie freudig. Die vorbereiteten Abläufe mussten improvisiert werden, irgendwo zwischen Einsingen, Aufregung und überfüllten Stuhlreihen sangen sie dann einfach den ersten Song: „Wehrt euch“. „Es war ein unglaublich positiver Moment, die Energie war fantastisch, das hat uns so motiviert!“
Der antifaschistische Chor Rotkehlchen aus Erfurt
Jule, Junia und Katrin erinnern sich noch lebhaft an diese erste Probe der „Rotkehlchen“, Thüringens erstem antifaschistischen Chor, Ende Januar 2026. Doch entstanden ist die Idee zu dem Projekt schon einige Zeit zuvor. Und zwar nicht in einem Kulturzentrum oder bei einem politischen Treffen, sondern in der Straßenbahn. Genauer gesagt: beim Vorbeifahren an einem AfD-Infostand auf dem Erfurter Anger.
„Das müsste ein Chor sein“
„Ich dachte mir: Wie genial wäre es eigentlich, wenn man schnell 20 Leute auftreiben könnte, die einfach dorthin kämen und ein demokratisches Lied mit klarer Botschaft singen würden“, erinnert sich Jule, die gemeinsam mit Junia die Organisation der Rotkehlchen stemmt. Erst habe sie eine Art politischen Flashmob im Kopf gehabt. „Aber je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir: Das müsste ein Chor sein.“
Die Idee fiel in eine Zeit, in der viele politisch engagierte Menschen erschöpft waren, wie die drei im Zoom-Call erzählen. Demonstrationen, Diskussionen, Daueranspannung. Gerade mit der Ankündigung des AfD-Bundesparteitages in Erfurt. Junia beschreibt es so: „Viele politisch aktive Menschen sind oft Dauerbrenner, stehen kurz vorm Ausbrennen, weil sie sich für ihr Engagement zerteilen.“ Der Chor sollte deshalb bewusst etwas anderes sein. Kein weiterer Krisenmodus, sondern ein Ort, „an dem wir jede Woche zusammenkommen, singen und uns gegenseitig Kraft geben“.
ARD-Sommerinterview mit Alice Weidel
Dass Musik dabei mehr sein kann als bloße Begleitung von Protest, wurde für die Gruppe schnell zum Kern der Sache. Junia erinnert sich an das ARD-Sommerinterview mit Alice Weidel, bei dem lauter Gegenprotest die chorale Tonspur dominierte. „Ich dachte: Wow, wie cool wäre es, wenn wir das sogar übertreffen könnten.“
Aus einer Idee wurde plötzlich ein reales Projekt
Nur: Ein Chor braucht jemanden, der ihn leitet. Genau daran drohte die Idee zunächst zu scheitern. Weder Jule noch Junia hatten darin Erfahrung. Ein Problem, das ein zufälliges Gespräch lösen sollte: “Katrin, die ich eigentlich nur zum Mitsingen begeistern wollte, konnte sich vorstellen, sich dieser Aufgabe anzunehmen.“ Kurz darauf war auch Anna dabei – und aus einer spontanen Idee wurde plötzlich ein reales Projekt.
Für Katrin begann damit eine ziemlich unerwartete Aufgabe. Eigentlich arbeitet sie im Gesundheitsbereich, Chorleitung hatte sie sich selbst angeeignet. Die erste Probe beschreibt sie heute noch als „wahnsinnig überwältigend“. Vor allem wegen der Mischung der Menschen: erfahrene Chorsänger:innen neben völligen Anfänger:innen, Jugendliche neben Rentner:innen.
Eine gemeinsame Energie schaffen
„Als ich gefragt habe, wer Noten lesen kann, gingen überraschend viele Hände hoch“, erzählt sie. Gleichzeitig seien Menschen dabei gewesen, die zum ersten Mal überhaupt in einem Chor standen. Genau darin liege heute aber auch die besondere Dynamik der Gruppe. „Es geht nicht darum, dass jede Note makellos sitzt“, sagt Katrin. „Viel wichtiger ist, alle mitzunehmen und eine gemeinsame Energie zu schaffen.“
Erfurt singt gegen Rechts
Diese Energie ist inzwischen das eigentliche Fundament der „Rotkehlchen“. Geprobt wird wöchentlich, immer sonntags, inzwischen mit einer festen Gruppe von etwa 50 bis 60 Menschen. Gesungen werden antifaschistische, feministische und politische Songs – allerdings bewusst niedrigschwellige. Keine komplizierten Szenelieder, sondern Stücke, die Menschen kennen und spontan mitsingen können.
Im Repertoire stehen deshalb „Bella Ciao“, „Schrei nach Liebe“ von Die Ärzte oder der Kanon „Wehrt euch“. Auch Songs wie „Drei rote Pfiffe“ gehören dazu – ein Lied über Erinnerung an die NS-Zeit und die Frage, wie schnell sich Geschichte wiederholen kann. „Wir wollen anschlussfähig sein“, erklärt Junia. Entscheidend sei, dass Menschen mitgerissen werden. Gerade bei Demonstrationen funktioniere das nur mit Liedern, die emotional direkt zugänglich seien.
Wie die „Rotkehlchen“ eine Bewegung starteten
Dass daraus längst mehr geworden ist als ein Freizeitprojekt, merkt man im Gespräch. Immer wieder fällt das Wort „Gemeinschaft“. Die Proben bestehen nicht nur aus Musik, sondern auch aus Kennenlernrunden, Gesprächen und Pausen zum Austausch. „Man fühlt den Stolz und die Freude“, sagt Jule über Momente, in denen der ganze Chor plötzlich mitschwingt, wenn schwierige Passagen plötzlich funktionieren. „Das ist so ein richtiger ‚Ja, Mann!‘-Moment.“
Der Chor, der Erfurt mit Protestmusik bewegt
Natürlich gab es auch Gegenwind. Plakate an der Fachhochschule Erfurt wurden mit Stickern der AfD und Jungen Alternative überklebt. Eine Überlegung war außerdem, ob sie sich die Gruppe tatsächlich als „antifaschistisch“ bezeichnen sollte. Die Entscheidung fiel schließlich bewusst dafür. „Faschismus ist das genaue Gegenteil von Demokratie“, sagt Jule. „Das muss man eben auch so benennen.“
Und warum antworten die „Rotkehlchen“ ausgerechnet mit Musik auf politische Entwicklungen? Die Antworten der drei fallen unterschiedlich aus – und ergänzen sich gerade deshalb exzellent.
„Musik kann enorm viel bewirken“, sagt Katrin. „Vorher hatte ich zwar klare Überzeugungen, aber nie wirklich den Zugang zu aktiven Strukturen. Musik war für mich der Einstieg, und ich denke, es gibt viele Menschen wie mich. Musik verbindet, und sie kann diesen ersten kleinen Schritt bieten, durch den langfristig viel bewegt werden kann. Und natürlich schafft sie safer Spaces – für Menschen, die sich sonst unsicher fühlen.“
Thüringens neuer Chor setzt Zeichen
Für Jule steht vor allem die Lebensfreude im Mittelpunkt: „Beim Singen geht’s einem einfach besser. Diese positive Kraft nehmen wir und stellen uns damit der AfD entgegen. Das ist es, worum es geht: für ein Leben einzutreten, das von Zusammenhalt und Unterstützung geprägt ist.“
Der Weg des Erfurter Chors „Rotkehlchen
Vielleicht ist genau die eigentliche Botschaft der „Rotkehlchen“: Politischer Protest will hier nicht nur laut sein, sondern auch Gemeinschaft stärken und Energie geben. Oder wie es Junia beschreibt: „Antifaschistisches Engagement braucht ein großes Mosaik aus Aktionsformen, und der Chor ist ein wichtiger Teil davon. Er allein reicht nicht aus, aber er bietet Menschen Zugang zu politischem Aktivismus, verbindet sie und gibt ihnen einen Ort, um wieder aufzutanken. Das ist genauso wichtig wie das Kämpfen in anderen Strukturen.“
Hard Facts:
- Chroprobe: jeden Sonntag | 16 Uhr
- Proben für den AfD-Parteitag: 31. Mai | 14. Juni | 28. Juni (immer 16 Uhr)
- JederKann Galerie | Leipziger Platz 9 in Erfurt
- Mehr Infos zu den Rotkehlchen gibt es hier
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