Text: Lisa Hilpert
Mit Anorrack Records hält Tobias Winkler seit einem Jahrzehnt an seiner Vision von Techno fest – gegen die Schnelllebigkeit kurzer Erfolge, Corona-Auswirkungen und Provinzrealitäten. Zum Jubiläum bringt er die Szene zurück nach Gebesee und holt mit Colin Benders einen internationalen Namen nach Leipzig.
Wie Anorrack Records die Szene in Thüringen prägt
Im Gespräch mit Tobias Winkler fällt schnell auf: Hier brennt jemand für Musik. Er hat die Hoch-Zeiten der Thüringer Technoszene miterlebt und mitgestaltet, ist als DJ und Veranstalter auf der Bienstädter Warte groß geworden. Vielleicht kennt man ihn noch aus einer Zeit, in der er unter dem Namen „Crazy-T“ auflegte. Diese Ära liegt lange zurück, doch seine Leidenschaft für die Szene, für das Nachtleben und vor allem für die Musik ist nie abgebrochen.
Was dir fehlt, das musst du selbst machen
Nach der Schließung des legendären Clubs in Bienstädt will Tobias 2015 etwas von dieser Zeit wieder aufleben lassen, diesmal jedoch anders. Er startet eine Veranstaltungsreihe, die gleichzeitig den Auftakt für sein eigenes Musiklabel markieren sollte. Zu dieser Zeit ist er viel in Amsterdam und Ibiza unterwegs, inspiriert vom dortigen Gesamtkonzept „Party“. Es geht ihm nicht nur um Musik, die Events sollen visuell gestaltet sein, ein Erlebnis schaffen.

Von einem Schirm schwebend über das Publikum bis zur DJ-Kunst. Mit Anorack Records trotzt Tobias Winkler den Herausforderungen für Künstler und Veranstalter. Foto: Anorack Records
Die erste Veranstaltung „Techno ist Gold“ findet im November 2015 im damaligen Erfurter Stadtgarten statt. Ein Highlight seiner Erfahrungen in Amsterdam will Tobias auch nach Erfurt holen: Eine Akrobatin, die, mit einem riesigen Schirm bekleidet, von der Decke herabschwebt, unter ihr das feiernde Publikum. Die DJs stehen nicht auf der Bühne, sondern davor, umhüllt von einem Gerüst, begleitet von einem durchdachten Lichtkonzept. Alles ein bisschen anders, alles ein bisschen besonders.
Technobeats und große Pläne
Doch schon hier merkt Tobias, dass Theorie und Erfurter Feierkultur nicht immer zusammenpassen. Viel Geld und Aufwand fließen in die Umsetzung. Der Abend ist gut, die Leute feiern den Slogan „Techno ist Gold“, nur so euphorisch wie in Amsterdam verläuft die Performance an diesem Abend leider nicht.
All in one – Ein Einzelkämpfer vom ersten Tag
Schon 2015 lebt Tobias nach einer Devise, die heute wieder mehr Menschen für sich entdecken: Wenn es das hier nicht gibt, dann mache ich es selbst. Wenn er als DJ also keine passende Agentur findet und genug von einer teils unfairen Labelwelt hat, gründet er eben sein eigenes Label.
Der Name ist schnell gefunden. Das fast vergessene Wort „Anorrack“ bringt genau die richtige Prise Nostalgie mit und spiegelt den Wunsch nach der lebendigen Szene der späten 90er und frühen 2000er wider, der Tobias bis heute begleitet. Sein Bruder entwirft Logo und Design. Anorrack Records ist geboren.
Mit Leidenschaft und Beats
Zunächst veröffentlicht Tobias vor allem seine eigenen Tracks. Schnell wird ihm klar: „Es liegt alles in meiner Hand.“ Er kümmert sich um Mastering, Grafik, Remix-Anfragen und alles, was rund um ein Label anfällt. Mit der Zeit folgen weitere Künstler, Tobias entdeckt junge Talente aus Thüringen und gibt ihnen eine Plattform. Damit wachsen auch die Aufgaben, von Planung der Releases bis hin zur Begleitung der Artists. Doch der Weg zu Sichtbarkeit und Erfolg ist steinig.
Flexibel trotz Pandemie
Entscheidend in seiner Szene ist der DJ-Streamingdienst Beatport und damit ein Platz in den Top 100, ein erfolgreicher Remix oder der Support durch bekannte Künstler:innen. Erfolge, die möglich sind, aber ihren Preis haben und oft nur kurz anhalten. „Es ist wirklich schwer, da mitzuhalten“, ordnet Winkler ein.
Vor Corona brachte er dennoch 31 Releases heraus und verzeichnete kleinere, wenn auch oft nur temporäre, Erfolge. Auch die Veranstaltungsreihe etabliert sich langsam. Tobias ist es immer wichtig, die Region zu stärken und mit lokalen Talenten zu arbeiten. „Techno ist Gold“ wird zunehmend bekannter, die Partys in Gebesee 2018 und 2019 sind für ihn ein Höhepunkt. Es scheint, als würde alles seinen Weg finden.
Die Pandemie trifft Veranstaltungs- und Musikkultur
Was dann kommt, wissen wir alle. Die Pandemie legt nicht nur weite Teile des öffentlichen Lebens lahm, sondern trifft auch die Veranstaltungs- und Musikkultur hart. Für viele Künstler:innen, deren Haupteinnahmequelle Live-Gigs sind, bricht die Existenzgrundlage weg. Auch Tobias teilt die Geschichte seines Labels klar in zwei Phasen: die Zeit vor Corona und die danach. Denn danach ist alles anders. Vorher passiert viel, es gibt Feedback, Bewegung. Danach Stillstand. Und das über eine lange Zeit. Viele regionale Künstler:innen hören auf, orientieren sich neu oder ziehen weg. Die wenigen, die bleiben, wechseln zu größeren Partnern.
Colin Benders zum Jubiläum
Nur langsam findet Anorrack Records zurück, mit kleineren Outdoor-Raves im Sommer oder eben mit Highlights wie dem zehnjährigen Jubiläum. Dass dieses eigentlich schon im letzten Jahr hätte stattfinden sollen, erklärt Winkler einmal mehr mit seinem Hang zur Liebhaberei. Es sollte kein beliebiges Line-up werden. Er wollte Colin Benders, der in Deutschland bislang nur im Berliner Berghain gespielt hat. Als dieser zum ursprünglich angefragten Zeitpunkt nicht konnte, die Zusage für Artist und Location aber für dieses Jahr kam, verschob der Labelchef das Jubiläum kurzerhand. Frei nach dem Motto: Man muss die Dinge nehmen, wie sie kommen.
Ravegeschichte in Thüringen: Auf der Bienstädter Warte lebt Techno weiter
Auch bei den Jubiläumspartys bleibt Tobias diesem Anspruch treu. Das Visuelle soll erneut eine zentrale Rolle spielen: Für die Veranstaltungen arbeitet er gezielt mit Visual Artists zusammen, die den DJ bewusst in Szene setzen. „Der DJ soll nicht einfach in einer dunklen Ecke stehen“, sagt Winkler. „Es soll gezeigt werden, dass das DJ-Kunst ist, dass da jemand zwei Stunden lang ein Live-Set spielt.“ Solche Entscheidungen sind Teil eines Weges, der selten geradlinig war.
Gebesee wird zur Bühne
So scheint Tobias all die Jahre gearbeitet zu haben: flexibel reagieren, neue Ansätze finden, sei es bei Veranstaltungen, DJ-Gigs oder Merch-Artikeln. Und trotzdem lässt er nie das Band aus den Ursprungsjahren der Thüringer Technokultur abreißen. Umso wichtiger ist es ihm, die Pre-Party in Gebesee stattfinden zu lassen. Hier, in Thüringen. Dort, wo einst das Technoherz pulsierte und wo Tobias mit seinem Label bis heute versucht, diesen Herzschlag aufrechtzuerhalten.
Hard Facts:
- COMBAT b2b Rave: 21. März | Wo: Heizhaus Gebesee
- 10 Years of Anorrack Records: 24. April | Wo: Distillery Leipzig
- Hier geht es zur Homepage
