„Richtig ekligen Baller-Techno“ – das können die Besuchenden laut eigener Definition von einem prominenten Quereinsteiger beim SonneMondSterne Festivals (SMS) 2026 erwarten. Felix Lobrecht, den meisten wohl bekannt als Comedian und Autor, wagt einen ungewöhnlichen Schritt: Unter dem Pseudonym Azzle 447 startete er 2025 seine Karriere als Techno-DJ und bespielt ohne Umwege die größten Festivalbühnen. Neben dem Hive-Festival in Sachsen steht er im Sommer 2026 auch erstmals beim SMS in Thüringen auf der Bühne – als Teil des sogenannten „Label Takeovers“ der Berliner „44 Label Group“.
Lobrecht legt beim SonneMondSterne Festival als Azzle 447 auf
Am 7. August legt er im Main Circus auf – dem größten Indoor-Floor des SMS. Ein steiler Aufstieg für einen Techno-Neuling. Es ist ein Schritt, der in der Szene Aufmerksamkeit erzeugt und heiß debattiert wird: ein Comedian auf einer Mainstage eines großen Techno-Festivals, unterstützt von einem der renommiertesten Techno-Kollektive Deutschlands. Das erlebt man nicht alle Tage.
Hier ist der Name ist Programm
Dabei ist der Name „Azzle 447“ Programm. Ursprünglich scherzhaft als „Assel“ in Lobrechts Podcast „Gemischtes Hack“ geboren, wurde daraus das weltmännische „Azzle“. Der Wurmfortsatz „447“ verweist auf das Berliner Techno-Label „44 Label Group“, dessen Gründer der international gefeierter DJ Kobosil ist eng mit Lobrecht befreundet. Beide teilen eine ähnliche Biografie: Aufgewachsen in Neukölln, schwieriger Hintergrund, großer Drang nach oben, heute extrem erfolgreich in ihren jeweiligen Branchen und privilegierter weißer Mann.
Wie Lobrecht im Podcast „Hotel Matze“ berichtet, bezeichnet er seine Produktionen selbst als „richtig ekligen Baller-Techno“. Seine Debüttracks wie „Quietsch“ oder „Komm“ feat. Juju unterstreichen diesen Anspruch – treibender, harter Sound, gelegentlich unterlegt mit Rap-Elementen.
Techno-Kollektiv und High-End-Mode
Das passt ganz gut zum Sound der 44 Label Group, die mehr ist, als „nur“ ein Musiklabel. Es handelt es sich um ein Hybrid aus Techno-Kollektiv und High-End-Modelabel, das seine Kleider auf internationalen Fashion Weeks zeigt und den Sound harter, industrieller Berliner Clubs transportieren will. Die Zahl „44“ im Namen referiert auf den Berliner Postbezirk Neukölln, Heimat von Kobosil und Lobrecht.
Techno als Lifestyle-Marke
Ein T-Shirt des Labels kostet schon mal schlappe 170 Euro und gibt den Ravern weltweit eine Uniform, die sich natürlich nicht jeder leisten kann. Kritiker:innen werfen der Label Group deshalb unter anderem die „Kommerzialisierung des Undergrounds“ vor, da sie Techno als Lifestyle-Marke verkauft. Da passt der Influencer- und Promi-Faktor von Lobrecht ganz gut, denn die Einbindung des Comedian bringt dem Label eine enorme Reichweite außerhalb der Techno-Blase. Das ist kommerziell lukrativ, wird in der Szene aber als Ausverkauf wahrgenommen.
Lobrechts Einstieg in den Techno-Zirkus ging schnell: Premiere hatte er 2025 beim Festival der 44 Label Group im Karlsruher Club Gotec. In seinem Podcast „Gemischtes Hack“ gestand er damals, er habe „panische Angst“ vor der Technik gehabt. Damals und auch derzeit spielt er Back-to-Back (b2b) mit DJ-Kollege „Ueberrest“. Das Auflegen im Team ist eine Praxis, die ihm einerseits Sicherheit gibt, andererseits Fragen aufwirft, wie viel von seinem Set wirklich von ihm stammt.
Lobrecht auf der Mainstage sorgt für Diskussion
Die Kritik ist vielfältig: Einige sehen in Lobrecht einen Promi, der sich Abkürzungen verschafft, statt wie andere DJs jahrelang in Clubs zu spielen, bevor die großen Bühnen folgen. Wenn zudem ein „Hobby-Projekt“ eine Mainstage eines großen Festivals besetzt, verdrängt es einen Profi-DJ, der davon seine Miete zahlt. Die Aussage von Lobrecht „Es ist nur ein Hobby“ wirkt auf jemanden, der sich Gage und Standing hart erarbeiten musste, wie ein Schlag ins Gesicht.
Ego-Projekt mit höchstem Anspruch
Gleichzeitig betont der Comedian selbst, dass sein Musikprojekt ein „Ego-Ding“ sei, das er mit professioneller Unterstützung ernsthaft handwerklich umsetzt. Durch seine Freundschaft zu Kobosil ist er zudem in einem Umfeld gelandet, das für maximale Professionalität steht. Dort „halbe Sachen“ zu machen, würde nicht zum Image des Labels passen.
Rave und große Gefühle: Newcomer und Star-DJs prägen SonneMondSterne 2026
Am schwersten wiegt jedoch der Antifeminismus-Vorwurf gegen Lobrecht, da er die Werte der Techno-Szene direkt angreift. Denn die Szene rühmt sich ihrer Wurzeln in der LGBTQ+-Bewegung und legt Wert auf Awareness und Inklusivität. Kritiker:innen werfen Lobrecht vor, durch seine Comedy (die immer wieder frauenfeindliche Witze enthält und oft mit Stereotypen arbeitet) genau die Klientel anzuziehen, vor der Techno-Raves eigentlich ein Schutzraum sein wollen. Wenn die Crowd auf einem Festival plötzlich zur Hälfte aus „Fans“ besteht, die seine Witze über Frauen oder Minderheiten feiern, ändert das die Energie des gesamten Events.
Fragen zur Authentizität der Szene
Authentizität vs. Kommerz, Handwerk vs. Reichweite, Patriarchat vs. Diversität – die Debatte um Azzle 447 bedient noch viele weitere Spannungsfelder der modernen Popkultur: Lobrecht ist dabei nur ein Beispiel unter vielen – ein prominentes Gesicht, das diese Widersprüche publikumswirksam sichtbar macht. Das SonneMondSterne-Festival, bei dem die 44 Label Group die Main-Circus-Bühne übernimmt, wird zum Testfeld: Bringt ein Comedian frischen Wind in die Techno-Szene, oder wird die Subkultur durch den Promi-Bonus weiter kommerzialisiert und ausgehölt?
SMS Thüringen erlebt Lobrechts Wandel
Eines steht fest: Felix Lobrecht als Azzle 447 ist kein gewöhnlicher DJ. Ob mutiger Quereinsteiger oder Symbol für die Vermischung von Techno, Popkultur und Kommerz – der Auftritt beim SMS wird diskutiert werden. In der Szene, bei den Fans und von allen, die kommerziellen „Baller-Techno“ feiern oder den Tot der Rave-Kultur unken.
Hard Facts:
- Wann: 7. August 2026
- Wo: Main Circus | SonneMondSterne Festival | Bleilochtalsperre Saalburg
- Mehr Infos gibt’s hier
