Es ist noch gar nicht so lange her, da verwandelte sich das Gelände rund um die Bleilochtalsperre bei Saalburg alljährlich nach dem SonneMondSterne-Festival in eine Art post-apokalyptische Mülllandschaft. 2014 türmten sich zwischen Landesstraße und Seeufer meterhohe Abfallberge. Kühlschränke, ausrangierte Pavillons und Sperrmüll aus dem Baumarkt – einfach alles blieb liegen. Der Dosenfriedhof nach dem Festival war ebenso legendär wie fatal.
Thüringens Festivalmacher denken Nachhaltigkeit neu
Heute hat sich vieles verändert. Müllpfand, Glasverbot, Shuttlebusse und Solartankstellen sind mittlerweile Teil des Konzepts. Nachhaltigkeit ist für viele Veranstalter längst kein optionales Feigenblatt mehr – sondern ein zentraler Bestandteil der Organisation. Doch auch wenn sich einiges getan hat, ist der Weg zu einem wirklich umweltverträglichen Festivalbetrieb noch weit.
Wenn Festivals auf Verantwortung statt Exzess setzen
„Unsere Müllpfand-Regelung ist sehr transparent“, sagt Philipp Helmers, Sprecher des SonneMondSterne-Festivals, das Anfang August in Saalburg an der Bleilochtalsperre stattfindet. „Du bekommst einen Müllsack am Einlass, in den du bitte den Müll einwirfst, der an deinem Camp anfällt. Wenn du diesen Sack abgibst, bekommst du dein Pfand direkt zurück.“
Das klingt einfach – ist aber nicht immer effektiv. Denn noch immer bleibt zu viel Müll zurück, bestätigt Helmers. „Trotz unserer Bemühungen konnten wir noch nicht zu jedem durchdringen. Die rückstandslose Beseitigung sehen wir natürlich als unsere Pflicht an, kostet uns aber jedes Jahr erhebliche Summen.“
Die grüne Wende auf Thüringens Festivalwiesen
Hinzu kommt: Ein Festival auf einer Wiese ist logistisch komplizierter als eine Veranstaltung in einer festen Location. „Wir können Konzepte immer nur Stück für Stück in Angriff nehmen und soweit umsetzen, wie es Lösungen am Markt gibt“, erklärt Helmers. Eine dieser Lösungen: das strikte Glasverbot auf dem gesamten Festivalgelände. Nicht nur Behördenauflagen spielen dabei eine Rolle – es geht auch um Sicherheit und Reinigung.
Schnittverletzungen durch Glasscherben gehören laut Veranstalter zu den häufigsten Verletzungsarten. Doch selbst mit funktionierendem Pfandsystem, Müllsäcken und Aufklärung bleiben viele Herausforderungen bestehen – vor allem, wenn das Umweltbewusstsein der Festivalbesucher zu wünschen übrig lässt. Eine aktuelle Studie der IST-Hochschule für Management mit Sitz in Düsseldorf zeigt: Weniger als zehn Prozent der Gäste empfinden Nachhaltigkeit beim Festivalbesuch als besonders wichtig.

Besucher des Elektro-Festivals „SonneMondSterne“ in Saalburg-Ebersdorf (Thüringen) gehen am 14.08.2016 über das Gelände. Foto: Sophia Kembowski
„Deshalb versuchen wir, über unsere Kanäle in der Vorbereitungszeit zu sensibilisieren“, sagt Helmers. Dazu zählen Hinweise zur Müllvermeidung, Tipps zur Bildung von Fahrgemeinschaften und die Bewerbung kostenloser Shuttlebusse für Bahnreisende. Es sind kleine Schritte – aber immerhin Schritte in die richtige Richtung.
Auerstedt zeigt, wie Festivals umweltfreundlich werden
Während große Festivals wie die SMS vor allem an der Müllfront kämpfen, geht das Auerworld-Festival bei Weimar einen radikal anderen Weg – und wird dafür immer wieder als nachhaltiges Vorzeigeprojekt genannt. In Auerstedt wird nicht nur auf Müllvermeidung gesetzt, sondern auf eine umfassende ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit.
Bereits die Essensstände arbeiten ausschließlich mit regionalen, biologischen und fair gehandelten Produkten – und komplett ohne Einweggeschirr. Wer etwas essen möchte, bringt einfach sein eigenes Geschirr mit. Backstage gibt’s ausschließlich Bio-Lebensmittel, das Solarkino läuft mit Sonnenenergie und Smartphones werden an der „Solarqualle“ geladen – ganz ohne CO₂.
Toiletten kommen aus der Nachbarstadt
Das Festivalgelände ist nicht nur naturbelassen, sondern wird auch konsequent müllfrei gehalten. Toiletten kommen aus der Nachbarstadt, werden vor Ort fachgerecht entsorgt und das Trinkwasser gibt’s direkt aus der Leitung. Wer Plastikflaschen sucht, wird hier lange suchen. „Uns ist es ein Anliegen, Nachhaltigkeit in allen Bereichen zu erfüllen“, heißt es aus dem Organisationsteam. Dabei geht es nicht nur um Umweltfragen, sondern auch um soziale Aspekte: Lokale Künstler statt Star-DJs, faire Gagen und gemeinschaftliche Werte. Selbst bei der Anreise wird bewusst auf CO₂ geachtet – am liebsten kommen die Gäste per Fahrrad, Bahn oder in Fahrgemeinschaften.
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Auch das Heidewitzka-Festival, das ebenfalls in Thüringen stattfindet, hat sich der Müllreduktion verschrieben. Auf dem gesamten Gelände gibt es Pfandboxen und Pfandpapierkörbe – der Clou: Das gesammelte Pfandgeld wird komplett an den Naturschutzbund NABU gespendet. Ein kleiner Anreiz mit großer Wirkung.
Müllsack gegen Pfand: Was am Stausee schon funktioniert
Zurück am Stausee von Saalburg bleibt die Erkenntnis: Die gute Absicht allein reicht nicht aus. Müllvermeidung, Aufklärung und logistische Maßnahmen sind wichtig – aber oft nicht genug. „Wir sehen mit Freude, dass das Thema vielen Gästen wichtig ist“, sagt Helmers. „Aber klar ist auch: Wir sind noch nicht am Ziel.“
Immerhin: Das Thema Nachhaltigkeit ist nicht mehr wegzudenken. Festivals wie Auerworld zeigen, was möglich ist – und die großen Veranstaltungen wie SMS tasten sich Schritt für Schritt voran. Müllpfand, Glasverbot, Shuttles und Kommunikation sind Bausteine eines neuen Verständnisses vom Feiern – eines, das nicht auf Kosten der Umwelt geht.
Festival-Besucher:innen müssen Verantwortung übernehmen
Vielleicht liegt die Zukunft der Festivals irgendwo zwischen den ekstatischen Bässen am Stausee und der leisen Magie unter den Weiden in Auerstedt. Entscheidend ist: Wer feiert, sollte dabei nicht vergessen, wem der Platz gehört, auf dem er tanzt. Die Festival-Besucher:innen müssen Verantwortung übernehmen. Denn Nachhaltigkeit und Umweltschutz geht alle an!
Hard Facts:
- SonneMondSterne-Festival: 8. bis 10. August
- Mehr zum SMS-Festival gibts hier
- Mehr zum Auerworld-Festival gibts hier
