Wir schreiben das Jahr 1999. Der Kosovo-Krieg dominierte die internationalen Schlagzeilen, während zugleich eine unverkennbare Millennium-Stimmung die Welt erfasste. Das herannahende Jahr 2000 weckte globale Zukunftseuphorie. In Thüringen konzentrierte sich jedoch vieles noch auf den Aufbau Ost und den Strukturwandel in den neuen Bundesländern. Die Folgen der Nachwendezeit waren weiterhin spürbar: Arbeitslosigkeit, Abwanderung junger Menschen und der Wandel ehemaliger Industriestandorte prägten den Alltag vieler Regionen.
Radio Electronica feiert die elektronische Szene Jenas
Dennoch etablierte sich Thüringen als ein kultureller Hotspot. Clubs, Konzerte und Jugendkultur waren bedeutende Ankerpunkte für eine Generation im Aufbruch. Besonders die Hip-Hop- und Techno-Szene spiegelten diesen Wandel wider. Die Treuhand hinterließ viele ungenutzte Flächen und Orte, die mit neuem Leben gefüllt werden wollten.
DJ Marchos Plattenladen prägte Jenas Weg in die Elektro-Musik
In Jena wurde das Kassablanca zum Zentrum der elektronischen Musikszene der 90er- und 00er-Jahre. Laut Nicola Candelaria, einem Mitbegründer von Radio Electronica Jena, waren aber auch kleinere Orte wie die „Kleine Quelle“ (aka „Joh“ in der Johannesstraße), das „Uma Carlson“ und der „Manga Club“ wichtige Treffpunkte der Szene.
Motor für die elektronischen Musikszene waren damals noch keine Online-Musikplattformen. Es waren die Plattenläden. Sie waren die Sammelstelle der Szene, um sich mit neuer Musik zu versorgen bzw. Szene-News auszutauschen. „Am wichtigsten war da der Plattenladen von DJ Marcho, der damals direkt auf dem Markt war, wo heute das ‚Alt Jena‘ drin ist. Man musste durch einen Klamottenladen gehen und hinten eine Wendeltreppe in eine Art Speicher, wo es dunkel war und immer nach Zigarettenqualm gerochen hat. Dort war zu der Zeit bestimmt jeder einkaufen“, erinnert sich der DJ.
Jena feiert 25 Jahre Radio Electronica
Partys fanden laut ihm jedes Wochenende statt, sei es im Kassablanca, der Muna in Bad Klosterlausnitz, dem Joue Joue in Erfurt oder im legendären FLUCS in Weira. Mitte der 2000er-Jahre erlebte die Szene dann einen regelrechten Boom: Das Kassablanca füllte sich selbst an Wochenabenden mit über 800 Raver:innen, und die Partys gingen am Wochenende nahtlos weiter.
Ein musikalisches Zeitdokument der Szene in Thüringen erleben
Ein fruchtbarer Boden für Radio Electronica, das 1999 von Jan Hobrack, DJ Mikk, Robert Cutter und Nicola Candelaria gegründet wurde. Inspiriert von Radiosendungen wie hr3-Clubnight, Rave Satellite (DT64) und House Music Factory (Jam FM), wollten die Jenaer eine Plattform schaffen, um ihre Leidenschaft für elektronische Musik einem breiten Publikum zugänglich zu machen.
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Anfangs hatte die Sendung kein festes Konzept, wie die Gründer:innen rückblickend erzählen: „Wir haben einfach unsere Lieblingsplatten gespielt und etwas dazu gesagt. Aber dann merkten wir durch Anrufe während der Live-Sendung, dass uns tatsächlich Menschen zuhören.“ Mit der wachsenden Resonanz entwickelte sich Radio Electronica zur zentralen Plattform für die lokale elektronische Musikszene. DJs, Live-Acts, Veranstalter:innen und Club-Betreiber:innen wurden regelmäßig eingeladen, um die Vielfalt der Szene widerzuspiegeln.
Radio Electronica feiert die Szene Jenas
Ein Konzept, das offenbar aufgeht. Nicht ohne Grund gibt es die Sendung mittlerweile seit 26 Jahren. Laut Reiner Von Vielen, der seit 2015 Teil bei der Radio-Show mitmischt, liegt das auch daran, dass Radio Electronica nie ein Trendformat sein wollte. „Wir sind nicht den Moden hinterhergelaufen, sondern bei unserem Kern geblieben: ehrliche Liebe zu elektronischer Musik, Offenheit für Experimente und eine Community, die mit uns gewachsen ist.“
Wie Jena und Thüringen den Sound neu formen
In einer Zeit, in der Musik oft schnell konsumierbar wird, hebt sich Radio Electronica bewusst ab. „Wir setzen auf Tiefe. Wir erklären die Musik, ordnen Künstler:innen ein und beleuchten Zusammenhänge. Das schafft Bindungen, die einen Algorithmus überdauern“, sagt Von Vielen. Und diese Bindung soll nun mit einer ganz besonderen Veröffentlichung gefeiert werden.
„The Sound of Jena – 25 Years Radio Electronica“ heißt die auf 150 Exemplare limitierte Vinyl, die ein klingendes Zeitdokument der Szene ist und Zukunft sowie Vergangenheit der elektronischen Szene in Thüringen und Jena feiert. „Wir wollten etwas schaffen, das bleibt – etwas, das man anfassen kann, auflegen kann, vererben kann. Radio Electronica begleitet die Szene seit Jahrzehnten im Radio, aber wir wollten der Stadt und den Künstler:innen etwas zurückgeben, dass über eine Sendung hinausgeht“, erklärt Reiner Von Vielen feierlich.
Alles vertreten, was die Szene ausmacht
Der Sampler vereint zehn Tracks aus Genres wie Deep-Techno, Ambient und House und zeichnet ein vielfältiges Bild der Szene. „Auf der Platte sollte alles vertreten sein, was die Szene ausmacht – aber es sollte sich trotzdem wie ein geschlossenes Werk anhören. Eine Reise, kein Mixtape“, sagt der DJ und fügt an: „Für mich klingt die Platte wie ein Spaziergang durch Jena – aber einer, der bei Sonnenuntergang beginnt und irgendwo am nächsten Mittag endet.“
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Ein Ende soll es bei Radio Electronica Jena jedoch noch lange nicht geben. Denn die Zeiss-Stadt ist laut Reiner Von Vielen klein genug, dass sich alle kennen – und groß genug, dass ständig neue Impulse entstehen. „Dieses Gleichgewicht ist selten. Hier konkurrieren die Leute nicht gegeneinander, sondern bauen aufeinander auf.“
Dinge möglich machen, die sonst keiner erwartet
Die beiden DJs sehen optimistisch in die Zukunft. Radio Electronica soll ein Ort bleiben, an dem Menschen in der Szene wachsen, experimentieren und sich austauschen können, blicken die beiden DJs nach vorne. Die beiden hoffen zudem, dass in Zukunft noch mehr regionale Künstler:innen ihre Demos an die Radio-Crew senden. Denn: „Wir wollen in den nächsten 25 Jahren überraschen, Dinge möglich machen, die sonst keiner erwartet und die Szene so lebendig halten, dass man gar nicht anders kann, als sich treiben zu lassen.“
Hard Facts:
- Die nächste Sendung: 10. Januer | 10 bis 17 Uhr
- Radiostation: OKJ 103.4 Mhz | und im Onlinestream
- Den Anniversary Vinyl Sampler gibt es auf Bandcamp
