Zwei junge Männer heizen mit dem Jeep durch die staubige Weite der Sahara. Ihr Ziel: das Auge Afrikas, ein geologisches Phänomen mitten in Mauretanien. Aus dem Sand hebt sich eine Strohhütte. Sie treten auf die Bremse. Ein alter Mann tritt aus dem Schatten. Er hebt die Hand, lächelt. Seit einer Woche habe er keinen Menschen gesehen, sagt er. Doch statt nach Wasser, Nahrung oder Geld zu fragen, lädt er sie zum Essen ein. „Er hatte fast nichts“, sagt Alex Austen rückblickend, „aber er war voller Liebe, Empathie und Menschlichkeit.“
Musiker aus Mühlhausen tourt mit Album durch Thüringen
Da ist Alex Anfang zwanzig, mitten auf einer seiner Reisen. Aus diesen Begegnungen, aus Grenzerfahrungen und Neugier entstand sein erstes Album: “Träum dich mit mir weg”. Am 9. April 2025 erschienen, tourt Alex mit seinen Songs und Geschichten derzeit durch Thüringen.
Straßenmusik von Iran bis Mühlhausen: Alex Austen erzählt
Alex Austen ist 26, Singer-Songwriter und Berufsmusiker. Nach dem Abitur zog es ihn nach Neuseeland, Südostasien, Japan, die Philippinen und Taiwan. 2019 besuchte er den Iran, im Jahr darauf Westafrika, danach zweimal Pakistan. 2023 trampte er durch Saudi-Arabien, Oman und die Emirate. 2024 folgte die bisher größte Tour: Mit dem selbst ausgebauten Camper fuhr er von Mühlhausen bis an die afghanische Grenze.
Über fünf Monate war er unterwegs, mit allem, was Reisen auch bedeutet: Warten, Zufall und Risiko. Zum Beispiel verzögerte sich die Weiterreise an der Grenze von Georgien zu Russland. Die Grenzbeamten führten den Reisenden in ein Hinterzimmer der Station und fragten ihn zu seiner Familie aus. „Sie haben mir noch ein paar Fragen zur Ukraine gestellt. Das habe ich alles verneint”, erinnert sich Alex.
Konzert im Hinterzimmer bringt besondere Atmosphäre
„Und dann wussten sie nicht so recht, was sie mit mir machen sollen. Da habe ich gesagt: Ich kann ein Lied singen. Ein kommunistisches, altes Volkslied, das heißt ‘Katjuscha’. Die Beamten meinten: ‘Echt? Dann sing’ mal. Und dann habe ich ‘Katjuscha’ gesungen, in perfektem Russisch. Daraufhin gab es Standing Ovation, man hat mir meinen Reisepass wiedergegeben und gesagt: Herzlich willkommen in Russland.”
„Er hat jeden Tag auf sein Land geblickt“
Wenig später, an der Grenze zwischen Armenien und dem Iran wird Alex krank. „Ich musste mir zu dem Zeitpunkt eine Pause nehmen, was ich sehr, sehr ungern mache. Und dann kam Mehdi in mein Zimmer und setzte sich neben mich”, erzählt Alex. Die Männer kommen per Google-Übersetzer ins Gespräch und Mehdi erzählt seine Geschichte.
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Als der Iraner versucht hatte, mit abgelaufenem Reisepass in sein Heimatland einzureisen, beschlagnahmte die Grenzpolizei seine Dokumente. Seitdem saß Mehdi für drei Monate in Armenien fest und konnte nicht zu seiner Frau und seinen Kindern zurückkehren. „Er hat jeden Tag auf sein Land geblickt, was 250 Meter Luftlinie entfernt war. Das hat mich emotional so berührt.”
Die Geschichte hat ein Happy End
Die beiden Männer liegen sich weinend in den Armen. Daraufhin schrieb der Musiker sein Lied “Komm her zu mir” auf Persisch und Deutsch. Es stößt auch in Deutschland auf gute Resonanz, meint Alex: „Ich habe in meinem Freundeskreis in Deutschland viele Iraner:innen, die diesen Song sehr lieben. Viele haben mir gesagt: Danke, dass du ein Lied geschrieben hast für die, die hier in Deutschland wohnen, aber ihre Heimat vermissen und die ihre Heimat verlassen mussten, weil das System dort vor Ort einfach unmenschlich ist.” Die Geschichte hat ein Happy End. Mehdi durfte nach drei weiteren Monaten nach Hause zurückkehren.
Singer-Songwriter erzählt in Thüringen von Fernweh und Mut
Ein anderer Track des Albums, „Manila“, stammt aus Alex’ Reise auf die Philippinen. Er sah damals auf den Straßen junge Teenager, die sich prostituierten. „Das hat mich so traurig gemacht, aber auch sprachlos und wütend”.
Musik gegen Grenzzäune: Alex Austen live
Musik trug ihn durch die Welt – wortwörtlich. Alex finanzierte sich u.a. mit Straßenmusik, sang auf Märkten, an Straßenecken, in Städten, deren Sprache er nicht verstand. „Ich habe in Russland Musik gemacht, in Usbekistan, in der Türkei und immer auf Deutsch gesungen“, sagt er. „Auch wenn die Leute nichts verstanden haben, haben sie mir zugehört.“
Ein Moment bleibt besonders: In Izmir spielt er auf der Straße. Nach dem Set kommt ein Mann auf ihn zu, mit feuchten Augen. „Er meinte: Ich habe kein Wort verstanden, aber ich habe die Liebe gespürt, die du in diesen Beruf steckst.” Für Alex ist das eine Bestätigung seines Weges als Berufsmusiker.
„Darf ich ein Lied mit dir singen?“
In Deutschland stand er bereits auf großen Bühnen. Als Vorband der Band Juli, als Überraschungsgast bei Johannes Oerding und beim Musikformat “TV Noir”. Zweimal selbst organisiert, aus dem Bauch heraus: In Nordheim 2022 hört Alex, dass Johannes Oerding ein Konzert spielt. Er holt sich das letzte Ticket, malt ein Pappschild mit der Aufschrift: „Darf ich ein Lied mit dir singen?“ und hält es das ganze Konzert hoch.
Ein Lied für 8000 Menschen
Es klappt. Der Popmusiker ruft ihn auf die Bühne, aber Alex Austen schlägt keinen Oerding-Song vor, sondern seinen eigenen. Vor 8000 Menschen spielt er „Universum“, seinen ersten Song. Bass, Gitarre und Schlagzeug steigen ein. Oerding singt die Zweitstimme. Zum Schluss gibt es ein Duett, lauten Applaus und eine feste Umarmung.

Alex Austen ist in der Welt und auf der Bühne
zuhause. Sein Ruhepol bleibt trotzdem seine
Heimat: Mühlhausen. Foto: Alexander Austen
Der Song „Universum“ habe auch Gisbert zu Knyphausen gefallen, meint Alex Austen. Das erfuhr er bei einer Aufzeichnung der “TV Noir“-Show im Admiralspalast Berlin. „Ich saß da als Gast, hatte ein Ticket von Gisbert zu Knyphausen. Das ist mein absoluter deutscher Lieblingssänger. Er ist großartig. Ich flüsterte meiner Begleitung zu: In zwei, drei Jahren würde ich gerne da vorn auf der Bühne sitzen. Eine halbe Stunde später ruft der Moderator: Jetzt hat einer von euch die Chance, runter auf die Bühne zu kommen. Da habe ich geschrien, ich mache das, und lief auf die Bühne.
Vom Admiralpalast Berlin bis zum Iran: Musikreise
Rechts von mir saß Giesbert zu Knyphausen. Ich konnte es nicht fassen. Und dann spiele ich diesen Song ‚Universum‘ in diesem wunderschönen Admiralspalast. Es war mucksmäuschenstill. Die Leute haben danach so applaudiert und Gisbert zu Knyphausen hat zu mir gesagt, es war ein richtig toller Song. Das waren zwei Auftritte, die mir persönlich als Musiker gezeigt haben, dass das, was ich mache, die absolut richtige Entscheidung war.”
Elternhaus in Mühlhausen bleibt Ruhepol
Als Alex 2024 beim Sommer-Open-Air in Mühlhausen als Vorband von Juli auftritt, ist das kein Zufall, sondern ein Deal mit seiner Heimatstadt. Kurz vor der Reise nach Zentralasien ernannte Mühlhausen ihn zum Kulturbotschafter. Am umgebauten Reise-Van klebten damals Mühlhäuser Stadtlogos als mobile Botschaft für Thüringen in der Welt. Im Gegenzug gab die Stadt finanzielle Rückendeckung. Bei allem Unterwegssein bleibt das Elternhaus in Mühlhausen sein Ruhepol. „Unter dem Kirschbaum im Garten habe ich viele Songs geschrieben“, sagt er.
Zurzeit tourt Alex mit seinem aktuellen Album durch Thüringen. Eine kommende Station ist am 12. Juli mit lateinamerikanischer Live-Band im Syndikatshof Mühlhausen. Für das Konzert in seiner Heimatstadt hat er sich die Band als Highlight dazu geholt. Denn obwohl Alex mit seinem Van gern rausfährt, führt ihn jeder Weg irgendwann zurück. Nach Mühlhausen, unter den Kirschbaum oder in seine neue Wahlheimat Erfurt. Dort, wo neue Songs entstehen und neue Reisepläne.
Hard Facts:
- 12. Juli im Syndikatshof Mühlhausen
- Mehr Informationen gibt es hier
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