Housemusic 4 ever: Vom flucS in Weira zur Thüringer DJ-Legende
Interview: Dirk Petermann
Vom DDR-Schuldisco-Pult bis zu Nächten in Australien: Ein Thüringer DJ erzählt, wie Vinyl, White Labels und ein abgelegener Club die Szene prägten – und warum das nachhallt. Jörg Hanf wird nur den wenigsten Musikfans der elektronischen Musik etwas sagen. Doch wenn sein Künstlername “The Mighty Yo” fällt, wissen die meisten, um wen es geht. Anfang der 70er in Rudolstadt geboren, schon früh elektrisiert von elektronischen Rhythmen: erste Bookings, dann die umliegenden Discos.
Vom Vinyl-Junkie zum Vater des flucS
Aus dem Vinyl-Junkie wird der Vorreiter einer ganzen Szene: Gründer und „Vater“ eines Clubs, der zur Legende reift, das flucS in Weira. Beim spektakulären Closing Anfang der 200er zeigten rund 5.000 Fans und viele Tränen, was dieser Ort bedeutete und warum er bis heute nachklingt.
Von Weira in die internationale Clubszene
Danach folgten unzählige Gastauftritte in bekannten Clubs und auf Festivals, unter verschiedenen Namen, wie “DJ yO” aka “Jörg Goldmann” aka „Soulectrique“. Nicht zuletzt als Teil der Boogie Pimps machte er sich auch international einen Namen. Heute zieht er die Fäden von der spanischen Costa Blanca als erfolgreicher Veranstalter des Lovelee Day. Mit seiner „Flucsliebe“ spekuliert er auf ein einmaliges Comeback an alter Wirkungsstätte, über das er mit uns spricht.
Wann hast du eigentlich mit Musik angefangen?
Tatsächlich schon in der Schule. Zu DDR-Zeiten gab’s ja Schuldisco. Da hab ich mit Kassettenrekorder und dem, was man eben hatte, improvisiert und aufgelegt.
Also hast du schon in den frühen 80ern begonnen?
Ich bin ’71 in Rudolstadt geboren, mit sechs, sieben in die Schule – ja, Anfang der 80er passt.
Was hast du ursprünglich gelernt, bevor du mit Musik dein Geld verdientest?
Baufacharbeiter – gibt’s so heute nicht mehr. DDR-Betrieb: ganze Häuser gebaut, Hochbau, Tiefbau, alles.
Und wie ging’s von der Schuldisco weiter in Richtung Musik?
Ich habe zu DDR-Zeiten diese sogenannte „Einstufung“ gemacht. Man brauchte so eine Art DJ-Lizenz. Um öffentlich Musik zu machen. Es gab ja Regeln – Westmusik nur in bestimmten Anteilen. Das wurde kontrolliert. Ganz genau weiß ich’s nicht mehr, aber ich hatte diese Lizenz.
Spannend, weil freie Musikauswahl scheinbar nicht selbstverständlich war, richtig?
Nee, auf keinen Fall. Das wurde staatlich überwacht.
Wie bist du musikalisch groß geworden – was hat dich zum DJ werden lassen?
Ich hab früh gemerkt: Musik gibt mir viel – ich spüre die Musik. Das können nicht alle, bei mir ist das stark. Ich krieg den Kopf frei, es inspiriert mich. Musik ist meine Droge, schon immer, auch heute noch. Mich zufriedenstellen ist nicht leicht, ich bin musikalisch verwöhnt. Aber wenn Musik läuft, ist das wie ein Magnet.
Wo bist Du in den ersten Jahren Deiner Karriere aufgetreten?
Eigentlich überall, wo Musik möglich im näheren Umkreis zu finden war. Es gab damals in Schwarza Nord I und Nord II. ja die Da standen unter anderem die Disko „Chico“ und später der „Miami Park“.

Dann kam die Wende und wie ging‘s für dich danach weiter?
Genau. Erstmal ein großes Loch – die Dorfdiscos waren plötzlich Vergangenheit. Alle wollten weg. Dann kamen die ersten Diskotheken, das ging zügig. Meine große Inspiration war in Apolda der Club Le Baron. Da hat ein DJ richtig mit Vinyl aufgelegt, sauber gemixt, cooler Laden. Wir sind jedes Wochenende hin – bei Wind und Wetter. Das war überragend. Es gab sogar ein Bistro, man konnte was essen – völlig neu. Und die Musik: House, Clubsound. Da hab ich gedacht: Mit Platte auflegen – das ist es.
Mit Vinyl?
Genau. Dann hab ich geschaut: Welche Plattenspieler? Woher? Das war schwierig und teuer. Ein Technics hat damals 1.200 Mark gekostet. Das war heftig viel Geld. Aber ich hab immer viel gearbeitet, zwischen Lehre und Beruf alles vom Mund abgespart. Plattenspieler, Mixer, Platten – gekauft. Jeden Tag zu Hause Mixen geübt: Takt anpassen, Übergänge. So ist das entstanden. Dann kam ich nach Bad Blankenburg die Diskothek „Display im Schwarzeck“.
Wie kam es dazu?
Ich hatte mich beworben – 20 bis 30 DJs standen da. Dachte mir: Tu dir das nicht an und bin wieder gegangen. Die hatten eh ihren Resident, die Veranstalter kamen aus dem Westen. Ein paar Wochen nach der Eröffnung bin ich abends unter der Woche hin. Türsteher packt meinen Arm: „Du bist doch DJ!“ Ich: „Klar!“ Er: „Kannst du nächsten Dienstag spielen?“ Ich: „Wie?“ Ich hatte fast nichts – viel zu wenig Tonträger für einen ganzen Abend. Hab mir dann Platten und CDs von Kumpels zusammengesucht. So ist das gewachsen: erst dienstags, irgendwann jeden Freitag. Es gab zwei Floors, ich war auf dem kleinen, wollte natürlich auf die große Bühne. Immer gefragt: „Kann ich mal?“ – „Nee, wir haben unseren Resident.“ Eines Tages war der krank: „Jo, du musst heute auf dem großen Floor spielen.“ Das ging runter wie Öl. Ich hab so abgerissen, dass sie sagten: Ab jetzt spielst du hier jeden Abend.
Wie ging’s nach der Zeit in deinem vertrauten Umfeld weiter?
Parallel gab’s „die Seele“, die große Diskothek – entweder schon offen oder zeitgleich geöffnet. Ich bin vom Schwarzeck in die Seele, hab dort zwei, drei Jahre gespielt. Danach Miami Park in Schwarza, dann B88 in Jena, dann die Fabrik in Zella-Mehlis. Und dann kam der Club in Weira – das flucS. Aber dazu später mehr.
Ab wann hattest du das Gefühl, dass Leute raffen: Du und deine Musik sind was Besonderes?
Das war schon in der Diskothekenzeit, auch mit eher kommerzieller Musik. Jeder DJ hat seine Handschrift – wie ein Maler oder ein Koch. Ich hab die Läden vollgemacht. In der B88 hat mich der Programmchef angeworben, weil der Resident nicht mehr passte. Beim Miami Park war’s ähnlich. In der Fabrik gab’s Managementprobleme, die anderen Clubs haben mitbekommen, dass es bei mir läuft – die Gespräche starteten. Die Fabrik war riesig – allein im Flur 2.000 Menschen. Früh war klar: Wenn der Yo spielt, brummt die Hütte. Ich hatte schon immer volles Haus.
Also schon vor Weira.
Auf jeden Fall. Weira war dann ein anderer Sound – und wie Phönix aus der Asche. Erste Party vielleicht 500 Leute, zweite 1.200 – 14 Tage später. Obwohl Weira so abgelegen liegt. Aber da konntest du 12, 24 Stunden in Ruhe feiern – drinnen wie draußen, es hat niemanden gestört.

Welche DJs haben dich in den Jahren des flucS geprägt?
Andrew von Lanetik aus Halle – leider verstorben. Für mich der DJ-Gott. Seine Performance, sein Style – hat mich immer abgeholt. Außerdem ein herzensguter Mensch. Andrew ist meine absolute Nummer eins. Mira, Rek – das war eine Clique, fast Familie.
War Andrew bei euch in Weira?
Ja, klar. Wie gesagt: er war fast wie Familie.
Wer ist heute für dich präsent – in Medien und persönlich?
Schwer zu sagen, der Sound ist heute sehr bunt. Ich hab den Fokus auf authentische DJs von früher: Tom Novy, Phil Fuldner, Marusha, Westbam – diese Dinosaurier, zu denen ich ja auch gehöre. Die New Generation hat ihren Sound und macht das gut, aber die hatten früher unsere elektronischen Hilfsmittel nicht – das ist der Unterschied.
War’s zu deiner Anfangszeit mehr Handarbeit?
Es ging nicht anders – es gab nur Vinyl. Ich bin inzwischen auch digital, hab eine Konsole zu Hause, mache mit meinen Jungs Musik. Die Arbeit ist anders: Du hast heute viel mehr Musik dabei – auf einem Stick fünf Tage Musik. Früher zwei Plattenkoffer, begrenzte Auswahl, in drei Stunden die komplette Performance. Heute ist die Vorbereitung entscheidend: Auswahl, Reihenfolge. Handwerklich ist es nicht mehr wie früher – viele spielen mit Sync, du startest den Track, Pitchen entfällt. Es ist mehr Kopfarbeit in der Selektion.
Wo legst du heute auf?
Viel auf Revival-Partys, deutlich weniger, es ist mehr zum Hobby geworden. Zuletzt im Sky-Club in Leipzig – da war ich gefühlt zehn Jahre nicht. Mein eigenes Festival, der Lovely Day, natürlich auch. Und die Clubs sind oft die gleichen wie früher.
Da sehen wir uns wahrscheinlich. Kommst du dafür extra in Deutschland?
Ich bin aktuell noch in Spanien, aber für Freunde, Familie, Hochzeiten, und Gigs komme ich immer wieder gerne nach Deutschland.
Warum bist du eigentlich nach Spanien ausgewandert?
Spanien war immer unser Wunschland. Im Urlaub sind wir oft dahin. Wir haben auch Kroatien, Italien und die Türkei probiert – Spanien ist unseres.
Wenn du nach Thüringen zurückblickst – vermisst du deinen alten Club in Weira oder ist das Kapitel abgeschlossen?
Man schaut mit einem weinenden Auge zurück. Wenn ich Leute treffe, Lovely Day, die alten Gesichter – das hat was. Aber meine Söhne sind groß, der Große ist jetzt 18, macht Musik, Ausbildung in Spanien – das ist auch toll. Jede Zeit hat gute und schlechte Seiten. Früher war nicht alles Gold: geile Partys, aber arbeitstechnisch nicht immer cool. Heute ist vieles anders, handwerklich finde ich’s heute oft besser.
Du gehörst also nicht zu den typischen Thüringer Schwarzmalern?
Nein. Politische Themen sind noch mal was anderes. Aber grundsätzlich: Selbst wenn heute die gleiche Musik laufen würde, es wäre nicht das gleiche Publikum. Die Wahrnehmung hat sich verändert: Heute sind Songs 2:30, Extended 4 Minuten. Früher ging die Extended 6–7 Minuten – da fing der Track gerade erst richtig an. Man hat anders aufgelegt und präsentiert – die Gäste haben es genossen. Heute ist vieles zack, zack, zack. Und die Musikproduktion ist enorm: Jede Woche neue Tracks, die Shops sind voll – das ist kaum zu sichten.
Und beim Produzieren?
Ich selbst habe nur ein einziges Lied produziert – und auch nicht wirklich selbst. Das hab ich mit Mirko Jakob gemacht. Er hatte was auf dem Rechner, fand’s nicht so nice. Ich sagte: „Das ist ein totales Brett – machen wir schick, ich nehm das.“ Dann haben wir daheim einen Bootleg draus gemacht – ein White Label. Zweimal nachgepresst. Produzent war ich nie. Ich hab mit Marcus von den Boogie Pimps noch etwas gemacht – Produktionen hat Marcus alleine gemacht, ich stand mit Remix-Name dabei, war ein paar Mal im Studio, aber das ist nicht mein Ding. Ich bin am Computer technisch nicht so fit.
Du warst auch Teil der Boogie Pimps?
Ja. Nach Mirkos Ausstieg war Marcus Rudloff allein. Nach der Schließung vom flucS war ich Resident im Joue Joue. Marcus sagte: „Dann fährst du als Pimp mit.“ War ’ne coole Zeitreise, etwa zwei Jahre, vielleicht 2004 bis 2006 – müsste ich genau nachsehen. Wir hatten auch Auftritte in Australien. Das war cool.
Warum sind ab 2012/13 so viele Clubs ausgestorben?
Das liegt vielleicht an geburtenarmen Jahrgängen. Auüerdem hat sich Musik geändert, das Weggehverhalten auch. Es war eine Mischung. Auf einmal waren die Läden nicht mehr voll, rechneten sich nicht. Clubs und Diskotheken haben reihenweise zugemacht – wie der Witch Club von Christian Otto in Engerda. Es war nicht mehr wirtschaftlich.
Wenn du dir was wünschen könntest – wo würdest du gern noch mal auflegen?
Wenn möglich, noch einmal im flucS am DJ-Pult. Das ist unerreicht bis heute. Egal zu welcher Uhrzeit – du stellst dich hin und hast Gänsehaut. Das ging allen DJs so, nicht nur mir.
Ich hörte, die Hütte soll bald abgerissen werden. Stimmt das?
Das ist seit Jahren im Gespräch. Ich hab viel versucht, dort noch mal ein Event zu machen – war nicht möglich.
Vielleicht hilft dieser Artikel ein bisschen.
Lassen wir uns überraschen.
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