Konzertkritik: Erobique bringt den Italien-Urlaub in den Erfurter Herbst
Der Sommer ist vorbei? Erobique hat davon offenbar nichts gehört. Während draußen der November vor der Tür steht, wird im Kalif Storch geschwitzt, getanzt und gejubelt. Der Club ist restlos voll, die Stimmung euphorisch. Erobique, bürgerlich Carsten Meyer, liefert am Sonntagabend, dem 1. November, den Soundtrack für einen Italien-Urlaub im Herbst – ganz ohne Kofferpacken. Veranstaltet wurde das Konzert von der Franz Mehlhose, die den Hamburger Musiker bereits mehrfach nach Thüringen geholt hat. Dass der Auftritt lange im Voraus ausverkauft war, überrascht an diesem Abend jedenfalls niemanden mehr.
Dolce Vita zwischen Synthesizern und Improvisation
Erobique ist kein Mann für musikalische Fließbandarbeit. Seine Konzerte leben davon, dass er spontan entscheidet, wohin die Reise geht. Im Kalif Storch wird daraus ein leicht jazzig angehauchter Funk-Abend mit treibenden Disco-Grooves, elektronischen Sounds und jeder Menge Spielfreude. Meyer improvisiert, variiert und sucht immer wieder den direkten Draht zum Publikum. Seine Musik klingt dabei weniger nach perfekt durchgetakteter Show als nach einer Party, die sich im Moment selbst erfindet.
Wenn die Klassiker kollektiv aufs Handy wandern
Auch verbal bleibt der Musiker in Bewegung. Mehrfach besingt er den Sonntagabend in Erfurt und erklärt kurzerhand, wie großartig dieser sei – mal mehr, mal weniger unabhängig davon, welcher Song gerade läuft. Der Witz liegt in der beiläufigen Selbstverständlichkeit, mit der Meyer solche Einfälle in seine Musik einbaut. Große Gesten braucht er dafür nicht. Das Publikum versteht den Spaß und dankt es ihm mit Jubel.
Natürlich dürfen die Hits nicht fehlen. Bei „Easy Mobeasy“, „Urlaub in Italien“, „Rave Dave“ und „Finsterwalde“ zücken die Menschen ihre Smartphones, um die besonderen Minuten für später festzuhalten. Ein vertrautes Konzertbild, das an diesem Abend aber gut zur kollektiven Euphorie passt: Alle wollen diesen Moment mitnehmen. Gleichzeitig bleibt die Musik in Bewegung, statt sich bloß auf den Wiedererkennungseffekt ihrer bekanntesten Stücke zu verlassen.
Virtuos an der Harmonika
Besonders virtuos zeigt sich Meyer auch an seiner Harmonika, mit der er laufend durchs Publikum musiziert. Spätestens hier scheint die Menge endgültig auf hochsommerlicher Betriebstemperatur zu sein. Als Erobique dann noch bei Blondies „Heart of Glass“ die Fans zum kollektiven Händeschwingen und „uhh, ahh“ singen animiert, ist die kalte Jahreszeit vollends vergessen. Die Wärme im Club, die ausgelassene Stimmung und der funky Sound verschmelzen zu einem Abend, der den Sommer noch einmal in die Ohren holt. Erobique macht aus dem Herbst keinen grauen Übergang, sondern eine Einladung zum Tanzen.
Ausverkauft ist eben ausverkauft
Dass die Franz Mehlhose das Konzert in den größeren Kalif Storch verlegt hat, erweist sich als sinnvoller Schachzug. Selbst dort ist die Veranstaltung bereits lange vor Beginn ausverkauft. An der Bar kommt es zwar zeitweise zu Engpässen, doch die Feierlaune lässt sich davon kaum bremsen. Schon vor dem Auftritt bringt ein DJ mit Klassikern und Discohits das Publikum in Stimmung; auch danach bleibt die Musik Teil des Abends.
Die Franz Mehlhose hat Meyer über die Jahre mit unterschiedlichen Projekten nach Thüringen gebracht und damit eine Verbindung geschaffen, die weit über einen einzelnen Konzerttermin hinausgeht. Der Auftritt im Kalif Storch zeigt, wie gut Erobiques Mischung aus Improvisation, Humor und Groove auch im Erfurter Herbst funktioniert. Und wenn der letzte Italien-Urlaub noch nicht lange genug her ist, darf man sich ruhig schon auf den nächsten freuen: Ein Wiedersehen mit Erobique in Thüringen dürfte jedenfalls auf offene Ohren treffen.
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