Mine vor Erfurt-Konzert: „Ich habe geheult, dabei bin nicht die Heulfrau“
Anspruchsvoller Pop trifft klassische Orchestermusik: Die Singer-/Songwriterin Mine kommt mit ihren vielschichtigen Songs samt Streicher-Einlagen und tiefgründiger Texte im November nach Erfurt.
Mine: Im November in Erfurt
Die Sängerin Mine spielt am 11. November in Erfurt. Vor dem Konzert im Central Club sprach sie mit uns über ihr neues Album, über die Emanzipation von alten Rollenbildern und über ihre Liebe zu Franz Mehlhose.
Zu Beginn muss ich sagen, dass ich ehrlich gesagt unglaub lich neidisch bin. Denn du warst bei Robyn – wie war es?
Oh, es war der Wahnsinn. Ich habe geheult. Dabei heule ich auf Konzerten eigentlich gar nicht so oft und bin nicht die Heulfrau. Aber ich kenne Robyn, seit ich 17 bin – da habe ich zum ersten Mal etwas von ihr gehört. Vorher hatte ich sie erst einmal live gesehen, weil ich immer selbst auf Tour war. Es war total emotional. Ich fand es ganz großartig. Und richtig schön fand ich auch, dass sie so ein tolles Publikum hat. Das war ergreifend.
Man kann durchaus Parallelen zwischen deinen Songs und denen von Robyn ziehen.
Das hat mir gestern auch schon jemand gesagt. Es war das schönste Kompliment, das mir je gemacht wurde.
Sie hat diese tollen elektronisch komponierten Sounds und unverwechselbare Themen, die sie sehr poetisch rüberbringt. Wo würdest du selbst Parallelen sehen?
Ich kann auf keinen Fall leugnen, dass sie immer eine ganz, ganz krasse Inspiration für mich war. Und ich glaube ja, dass Geschmack immer Hörerfahrung ist. Das hat mein Songwriting sicherlich sehr beeinflusst, weil ich sie einfach so toll finde – gerade die Produktion. Aber ich bin zu nah dran an meinem eigenen Projekt, als dass ich die Parallelen wirklich aktiv erkennen könnte.
Im November trittst du in Erfurt auf, du warst aber auch schon vorher hier. Was kommt dir in den Sinn, wenn du derzeit an unser Bundesland denkst?
Wenn ich an Thüringen und vor allem an Erfurt denke, muss ich immer an das Franz Mehlhose denken. Als ich meine allererste Tour gespielt habe, habe ich die selbst gebucht – damals wollte mich noch niemand booken. Und das Franz Mehlhose war der einzige Club, in dem wir richtig spielen durften, ein echter Live-Club. Deswegen habe ich eine emotionale Beziehung zu Erfurt. Das war damals einfach etwas ganz Besonderes: in einem Club zu spielen, wo es eine richtige Bühne gab.
Ich fühle mich der Stadt recht nah, und meine beste Freundin kommt auch aus Thüringen. Politisch ist es gerade schwierig im ganzen Osten – aber das ist in ganz Deutschland so. Deshalb kann ich nicht sagen, dass mir das als Erstes einfällt, wenn jemand über Thüringen spricht, denn das fällt mir bei ganz Deutschland ein. Natürlich denkt man aber auch ein bisschen an rechte politische Strukturen, wenn man über Thüringen nachdenkt.

Du hast das Franz Mehlhose schon erwähnt – Philipp ist ja dafür bekannt, Musik nach Erfurt zu holen, die man erst noch entdecken kann. Hast du außer dem Club noch eine lustige oder traurige Geschichte, die du mit Thüringen verbindest?
Eine lustige oder traurige Geschichte – da fällt mir spontan gar nichts ein. Ich weiß nur, dass der Weihnachtsmarkt dort immer super schön ist. Aber dafür ist Erfurt ja bekannt: für diese wunderschöne, verwinkelte Altstadt mit dem schönen Weihnachtsmarkt. Das ist jetzt nicht lustig, das ist einfach so. Wenn wir in der Adventszeit touren und ich weiß, wir gehen nach Erfurt, freue ich mich immer.
Lass uns auch über dein lang erwartetes Album sprechen – dein achtes, wenn ich richtig gezählt habe.
Sieben sind es, glaube ich. Also – okay, wenn du Live-Alben mitzählst, dann schon.
Hattest du eine Grundidee für das aktuelle Werk, oder wie läuft das bei dir?
Meistens habe ich keine Idee, bevor ich ein Album mache. Ich denke nicht: „Okay, ich will, dass das Konzept so und so ist.“ Dadurch, dass ich alles alleine mache, ergibt sich aber automatisch eine Überschrift. Dieses Mal war es vor allem analoge Synthesizer – und die Themen, mit denen ich mich in den letzten eineinhalb, zwei Jahren auseinandergesetzt habe. Da geht es viel darum, sich aus verschiedenen Charaktereigenschaften zu emanzipieren, die ich mir angeeignet habe oder die mir angeeignet wurden. Dieses Herausarbeiten aus diesen Charakterstrukturen hat für mich in den letzten eineinhalb Jahren eine sehr große Rolle gespielt.
Und musikalisch eben: Ich habe die analogen Synthesizer für mich entdeckt und bin darauf total steil gegangen, voll hängen geblieben und habe ganz viel ausprobiert. Für mich war das eine völlig neue Welt, und es hat super viel Spaß gemacht. Es ist immer geil, wenn man etwas findet, wovon man noch keine Ahnung hat, und Anfängerin ist – dann ist es so unmittelbar emotional. Ich habe dann immer dieses Gefühl: „Boah, das habe ich noch nie gehört.“ Darin bin ich dieses Mal total aufgegangen.
Das merkt man. Du spielst auch mit Stimmenverzerrungen und Überlagerungen, das klingt super interessant und schön. Wenn man den Sound mit den Vorgängeralben vergleicht – auch mit dem direkten Vorgänger, der schon elektronisch angehaucht war –, würde ich das eine konsequente Weiterentwicklung in Richtung Art Pop nennen, vielleicht sogar Hyperpop, wie es die Pressemitteilung tut. Wie würdest du deine Entwicklung zum Vorgänger beschreiben?
Auf jeden Fall viel elektronischer und eben analoger. Vorher habe ich sehr viel in the box gearbeitet. Ich hatte zwar viele elektronische Elemente, aber das waren alles Plug-ins – und das ist im Aufnahmeprozess viel weniger committed. Wenn man mit digitalen Sounds arbeitet, hat man MIDI-Dateien, die man immer wieder ganz neu klingen lassen kann, indem man einfach neue Versionen davon nimmt.
Arbeitet man analog, ist das eine Art von Commitment, die mir sehr gut gefallen hat: Man nimmt eine Spur auf, und dann bleibt sie so. Vielleicht kann man ein bisschen Hall drauflegen, aber es ist eine ganz andere Herangehensweise und Entstehung – teilweise ein bisschen roher. Obwohl die Sounds an sich ein bisschen spannender sind, klingt es nicht so maschinell – wenn man analog arbeitet, ist nicht alles im Raster. Es klingt ein bisschen mehr nach Anfängerton, irgendwie. Und das gefällt mir sehr gut.
Dein Song „Oxytocin“ beginnt wie eine schnelle Dance-Nummer und entwickelt sich dann zu einer streichergeladenen Dubstep-Nummer. Das ist bemerkenswert – was inspiriert dich, wenn du Klänge und Sounds so komponierst?
Andere Musikerinnen, in den meisten Fällen. Ich höre irgendetwas, das mich inspiriert, und das fließt dann mit ein. Bei „Oxytocin“ war das dieser Breakbeat, der am Schluss noch reinkommt. Ich weiß gar nicht mehr, wie es passiert ist, weil ich den Song schon vor eineinhalb Jahren geschrieben habe. Meistens passiert so etwas eher im Prozess: Ich probiere Sachen aus und denke: „Oh, das klingt cool, das gefällt mir.“ Aber die Initiative, einen Song überhaupt zu schreiben, kommt meistens daher, dass ich etwas gehört habe, was ich voll geil fand. Diese Idee nehme ich mir heraus und fange von da aus an zu schreiben.
Und wird das dann automatisch immer so komplex? Der Sound klingt ziemlich komplex.
Das passiert einfach. Ich empfinde das tatsächlich gar nicht als komplex. Es ist eher so: Ich gehe der Nase nach und mache das, was mir gut gefällt. Ich habe nie den Anspruch zu sagen: „Oh, ich möchte etwas Kompliziertes.“ Und ich glaube, es kommt auch darauf an, aus welcher Richtung man guckt. Leute, die Free Jazz hören, werden das nicht als komplex verstehen, für die ist das cheesy Pop. Aber wer eher Radio-Pop gewohnt ist, für den ist es vielleicht ein bisschen komplexer, weil die Struktur manchmal nicht die typische Popsongstruktur ist.

Wenn man dir zuhört – auch bei dem, was du über die Weiterentwicklung gesagt hast und darüber, dass du dich gerade aus gesellschaftlichen Bildern herauskämpfst –, könnte man sagen: Du bist bei dir angekommen und kannst dich deshalb so gut lesen und weiterentwickeln. Würdest du das so sehen?
Ich glaube, es gibt gar kein Ankommen, ehrlich gesagt. Als ich 30 geworden bin, dachte ich: „Ah, jetzt bin ich angekommen, jetzt verstehe ich mich, jetzt bin ich bei mir.“ Und jetzt bin ich 40 und habe gemerkt, dass im letzten Jahrzehnt eben auch noch mal sehr, sehr viel passiert ist. Ich glaube, das ist immer dynamisch. Man entwickelt sich immer irgendwohin, man kann selbst daran arbeiten und man kann es passieren lassen. Aber man entwickelt sich immer weiter, würde ich sagen.
Das merkt man auch in deiner Musik. Dein Song „Bild“ beschreibt, dass eine Familie einem ein Bild vorzeichnet, dem man folgt – und von dem man sich dann emanzipiert, weil man merkt: Das ist gar nicht das Leben, das man führen will. Könnte man das auch gesellschaftlich lesen, dass sich die aktuelle Generation von den Wunschbildern des Patriarchats entfernen möchte? Um beim Bild des Vaters zu bleiben. Oder ist das zu viel hineininterpretiert?
Nein, das ist gar nicht zu viel. Genauso habe ich es auch gemeint. Es geht natürlich explizit auch um gewisse Situationen, aber es ist auf jeden Fall auch gesamtgesellschaftlich gemeint. Man nimmt sehr viel auf, ohne es überhaupt zu hinterfragen, und nimmt es als gegeben hin. Dann hat man, wenn man erwachsen wird, die Möglichkeit, sich diese Dinge einmal anzuschauen und zu prüfen, ob das überhaupt kongruent ist mit dem, was man selbst empfindet oder für sich möchte. Und dann kann man anfangen, daran zu arbeiten, sich von diesen Dingen zu entfernen.
Ist es dir wichtig, dafür auch deine Stimme zu nutzen? Ich finde es super, dass Feminismus präsent ist, dass Frauen sich immer mehr emanzipieren. Wenn dann eine starke Frau wie du da steht und genauso weitermacht – ist dir das ein Anliegen, deine Vorbildrolle bewusst zu nutzen? Oder kommt das ganz natürlich aus dir heraus? Oder ist es eine Mischung?
Ich finde, alle in unserer Gesellschaft haben eine gewisse Mitverantwortung dafür, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt. Man kann diese Verantwortung annehmen oder eben nicht. Mir geht es dabei nicht darum – klar habe ich eine größere Machtposition, weil mir mehr Leute zuhören und ich inzwischen eine gewisse Reichweite habe, die ich nutzen kann. Aber ich glaube, diese Verantwortung liegt bei allen.
Gerade in diesen gefährlichen Zeiten, die vor allem Leute betreffen, die nicht ich bin: queere Personen, Schwarze Personen, Personen mit psychischen Erkrankungen, Menschen mit Behinderung. Das sind alles die Leute, die es als Erstes treffen wird, wenn die AfD über 30 Prozent rutscht, wenn die AfD mitregieren wird. Das sind Leben, die direkt bedroht sind. Ich glaube, es ist super wichtig, jetzt laut zu sein und auch etwas zu sagen – und eben nicht zu denken: „Ach, mich betrifft das nicht“, oder: „Mir ist das alles zu viel, ich ziehe mich zurück, weil es mir zu anstrengend ist.“
Mal so gesehen: Ich will am Ende nicht sagen, dass ich es nicht gewusst habe. Denn es ist sehr sichtbar, was gerade in unserer Gesellschaft passiert. Entweder man guckt hin oder man guckt weg. Aber niemand kann behaupten, er habe es nicht gewusst.
Du hast dafür eine ganz tolle Methode entwickelt – mit deinen Synchro-Videos triffst du einen Nerv. Dabei machst du kaum etwas, außer nachzusprechen. Warum war dir wichtig, so wenig selbst hinzuzufügen und einfach nur zu wiederholen? Und wie stehst du zu dem Anklang, den die Videos finden?
Ich habe das, ehrlich gesagt, weder geplant noch damit gerechnet. Ich habe mit einem Video angefangen, das sehr große Aufmerksamkeit bekommen hat, und dann habe ich einfach weitergemacht und versucht, diesen Moment zu nutzen. Um auf Dinge aufmerksam zu machen, die gesagt werden, einfach durchrutschen und dann unkommentiert stehen bleiben.
Ich bin keine Aktivistin und keine Gesellschaftswissenschaftlerin – deswegen habe ich gar nicht das Gefühl, kompetent genug zu sein, um noch etwas dazu zu sagen oder sagen zu müssen. Denn ich finde, die Worte, die da gewählt werden, sprechen für sich. Und wenn man sie dann noch mal mit einer nicht als weiblich gelesenen Stimme wiederholt, bekommt das einen ganz anderen Anstrich.
Zum einen fühle ich mich also nicht kompetent genug, das zusätzlich zu kommentieren. Zum anderen ist es meiner Meinung nach auch gar nicht notwendig. Ich finde es einfach gut, noch mal Aufmerksamkeit darauf zu lenken und auszudrücken: „Guck mal, was hier gesagt wurde.“ Es ist doch völlig absurd, dass das einfach so im Internet steht, so akzeptiert wird und sich niemand dazu äußert.
Wie kommst du zu diesen Videos? Oder kommen sie zu dir?
Ich muss tatsächlich recherchieren. Ich habe sehr viel Zeit damit verbracht. Einmal wurde mir ein Video zugesandt, aber die restlichen habe ich selbst gesucht. Einfach ein Video zu nehmen, das sowieso schon kritisiert wurde und in der Öffentlichkeit steht, ist gar nicht unbedingt notwendig. Ich finde es besser, Videos zu nehmen, die eben durchrutschen – das ist ja der Sinn dahinter. Sonst geht es doch schnell Richtung Clickbaiting, und das will ich eigentlich vermeiden.

Du suchst dir auch gezielt sehr unterschiedliche Themen und nicht immer nur eines. Das ist auch schön vielfältig.
Ja, es gibt genug dumme Sachen, die gesagt werden.
Sehr gut. Und damit wir die Schwermut noch mal loswerden, noch eine letzte Frage: Wie viele Sonnenbrillen hast du eigentlich in deiner coolen Sammlung?
Oh, ich habe echt viele. Ich glaube, so 80 oder 90.
Hast du dafür einen kleinen Schrank?
Ich habe drei Vitrinen, die ich in meinem Schlafzimmer übereinander aufgehängt habe. Da stehe ich dann jeden Tag davor und überlege mir, worauf ich heute Lust habe.
Hard Facts:
- Mine – Killer Tour 2026
- Wann: Mittwoch, 11. November, 20 Uhr
- Wo: Central Club Erfurt
- Tickets
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