Bauhaus-Design und faires Gold: Linda Hüther zeigt klare Kante in Erfurt
Reizüberflutung ist allgegenwärtig. Seit die Menschheit in den 2010ern in die Ära des Smartphones taumelte, prasselt immer mehr auf den Geist ein. Ständig ploppen WhatsApp-Nachrichten auf. Immer neue Informationen drängen in den Newsfeed. Und was wollte ich eigentlich gerade am Handy? Ach Mist, wieder mal haben mich die tausend Instagram- und TikTok-Benachrichtigungen abgelenkt.
Luft zum Wirken
Die moderne westliche Welt hat ein Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Da erscheint ein Besuch im Atelier von Linda Hüther fürwahr heilsam, denn die Welt der Erfurter Künstlerin besteht aus klaren Formen und Kanten. Ihre Schmuckstücke wirken durch ihre Zurückhaltung und Qualität – ähnlich wie Linda selbst. Jedes Wort, das sie im Interview mit unserer Zeitung benutzt, ist wohlüberlegt. Gedankenpausen verschaffen ihren Aussagen Luft zum Wirken.
Ein Ding der Unmöglichkeit
Das geflügelte Wort „Weniger ist mehr“ erhebt sie zum Prinzip. Ganz in der Tradition des Bauhaus sind ihre Objekte auf den Kern reduziert. Es sind geradlinige Armreifen, Anhänger oder Ringe, die nur auf den ersten Blick einfach erscheinen. Wer schon mal versucht hat, einen geraden Strich ohne Lineal oder einen vollkommenen Kreis ohne Zirkel auf ein Blatt Papier zu bringen, weiß, wie schwer es ist, wirklich gleichmäßig zu zeichnen. Ein Ding der Unmöglichkeit.
Ähnlich – und noch weitaus diffiziler – gestaltet sich die Sache bei der Schmuckherstellung. Schnörkel und Rundungen kaschieren Fehlerchen in der Genauigkeit. Geradlinige Formen verzeihen kein Abrutschen, kein Danebenschleifen, kein Zittern. Fragt mal den Gefäßchirurgen eures Vertrauens.
Doch wie entwickelte sich Lindas Liebe zu den geraden Formen? Wie sie selbst erzählt, wurde sie in die Welt der Materialien und des Entwerfens hineingeboren: „Mein Vater ist Architekt, meine Mutter hat einen technischen Studiengang abgeschlossen und Architekturmodelle gebaut. Es war bei uns alles sehr modellbauaffin.“ Familienurlaube fanden „in irgendwelchen Architekturmuseen“ statt, wo sie „überall mit durchgeschleift“ wurde. Prägender aber war das Basteln zu Hause: Als der Vater an der Erfurter FH sein erstes Studienprojekt – einen Badesteg – als Modell umsetzte, baute die kleine Linda daneben ihren eigenen.
„Das hat mir die Augen geöffnet.“
Nach dem Gymnasium in Bad Salzungen war klar: Es sollte in die künstlerische Richtung gehen. Ein Jahr lang pendelte sie jeden Samstag zur Kunstschule Meiningen, acht Stunden, mit wechselnden Künstlern und Künstlerinnen. „Das hat mir die Augen geöffnet.“ Nur deshalb, sagt sie, habe sie es direkt an die renommierte Hochschule Burg Giebichenstein in Halle geschafft – Industriedesign, dreitägige Eignungsprüfung mit über 200 Bewerbern. „Vier Wochen später kam der Brief: aufgenommen.“ Halle war „die schönste Zeit“ – 21 Leute im Jahrgang, Werkstätten für Holz, Kunststoff, Metall. Vom Stuhl bis zum Automobil, alles wurde tatsächlich als Modell gebaut.
„Ich habe mich menschlich nicht so wohlgefühlt.“
Nach dem Abschluss folgte, was viele Designerinnen für eine Ehre halten: ein Praktikum bei Thonet. Der hessische Möbelbauer erfand mit dem berühmten Wiener Kaffeehausstuhl das industriell gefertigte Möbel und arbeitete später mit Bauhaus-Größen wie Marcel Breuer und Mies van der Rohe. Linda saß in der Produktentwicklung – dem Scharnier zwischen Entwurf und Fertigung. Fachlich außergewöhnlich: „Das Expertenwissen in der Fertigung war beeindruckend.“ Hierarchisch hingegen: eine Umbruchsphase, alte Strukturen. „Ich habe mich menschlich nicht so wohlgefühlt.“

Vor Thonet gab es Zürich, ein Designbüro, wertschätzende Chefs. Danach Hamburg, viel Grafik als Brotjob, wenig Möbel: „Die Firmen beauftragen lieber bekannte Namen. Das war frustrierend.“ Als Ausgleich zum Bildschirm belegte sie abends VHS-Goldschmiedekurse. Aus dem Feierabendhobby wurde eine Berufung. Sie bewarb sich an der Staatlichen Zeichenakademie Hanau, gegründet 1772 und eine der ältesten Schulen für edelmetallgestaltende Berufe in ganz Europa. Drei Wochen später begann sie mitten im zweiten Lehrjahr. „Beim Arbeiten mit Gold und Silber ist das Schöne, dass man im Kern eigentlich wenig Platz braucht. Ein Tischlein mit Gasflasche reicht aus, um sehr, sehr viel herzustellen.“
Schicksalhafter Zufall
Nach dem Ende der Ausbildung in Hanau ging es für Linda zurück nach Hamburg, wo sie freiberuflich in einer Ateliergemeinschaft mit einer Taschen- und einer Modemacherin arbeitete. Doch das „lief einfach nicht.“ Kurz nach Weihnachten dann der schicksalshafte Zufall: Bei einem Heimatbesuch in Erfurt erblickte sie bei einem Spaziergang mit ihren Eltern im Schaufenster ein Schild: „Zu vermieten“. Vier Wochen später war sie stolze Mieterin und eröffnete ihr Atelier in der Michaelisstraße. „Ich habe nicht wirklich überlegt – hätte ich überlegt, hätte ich es nicht gemacht.“
„Das wäre unehrlich.“
Linda ist angekommen. Und mit ihrer Goldschmiedewerkstatt hält sie es seitdem wie mit ihren Objekten: Sie ist das ästhetische Gegenstück zum allgegenwärtigen digitalen Grundrauschen. „Warum soll ich auf eine klare Form noch etwas draufschnörkeln?“, fragt sie. „Ich finde es schön, wenn ein Merkmal herausgestellt wird und nicht fünf.“ Ringe mattiert sie oft, weil „Glanz die Kanten schluckt“. Bei einem 3D-gedruckten Ring blieb die Druckstruktur bewusst sichtbar: „Warum sollte man den technischen Hintergrund verbergen? Das wäre unehrlich.“
Ehrlichkeit gilt auch dem Material. Linda arbeitet mit Recyclinggold und ist seit einem Jahr Fairmined-lizenziert. „Gold ist eigentlich etwas Schmutziges“, sagt sie und verweist auf Quecksilber im Silberbergbau und Kinderarbeit in den Minen. Ihr Nachhaltigkeitsgedanke und ihre Design-Ideen tragen sich. Seit einem Jahr steht ihr deshalb Elisa zur Seite, verantwortlich für die Social-Media-Ästhetik mit ihren fast meditativen Nahaufnahmen – ganz im Gegenteil zur allgegenwärtigen Reizüberflutung: „Man soll mitverfolgen können, in welcher Feinheit wir arbeiten.“
So viel zum Thema Weniger ist mehr
Es sei wichtig, dass Menschen verstehen, wie Dinge hergestellt werden. „Gerade bei minimalistischen Objekten fehlt das Verständnis oft – die wirken so technisch, dass man nicht denkt, sie seien mit der Hand gemacht“, sagt die Goldschmiedin. Dabei ist die Schwierigkeit hinter einer klaren Kante enorm. Da darf die Hand nicht einmal abrutschen. Und welches Schmuckstück liebt Linda selbst am meisten? Einen winzigen Ring aus dem ersten Reststück Gold, das sie je verarbeitet hat. „Den habe ich eigentlich immer an. Den lege ich auch nicht ab.“ So viel zum Thema „Weniger ist mehr.“
Hard Facts:
- LINDA HÜTHER – Designerin und Goldschmiedin
- Michaelisstraße 8, 99084 Erfurt-Altstadt
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