Max Mutzke über die AfD, den Osten und warum Erfurt ihn nicht loslässt
Max Mutzke steht seit gut zwanzig Jahren auf der Bühne. Nach seinem Start beim Eurovision Song Contest 2004 hat der Sänger aus dem Schwarzwald zehn Alben veröffentlicht, das jüngste trägt den Titel „XX“ und erschien zum Doppeljubiläum. Am 29. Oktober kommt der 45-Jährige mit einem neuen Programm nach Erfurt.
Max Mutzke kommt nach Erfurt
Mit der Stadt verbindet ihn mehr als der Tourtermin: Mit Clueso ist er befreundet, in der Erfurter Altstadt begann seine Freundschaft zu Barbara Schöneberger. Im Gespräch erzählt Mutzke von seinem Verhältnis zum Osten, von seiner Haltung zur AfD und davon, wie er sich das Konzert vorstellt.
Du bist im Rahmen deiner aktuellen Tour im Oktober auch in Erfurt, also in Thüringen. Das ist nicht dein erstes Mal hier – hast du eigentlich eine persönliche Verbindung zu Thüringen oder zu dem Publikum hier?
Musik mache ich mein ganzes Leben lang, und durch dieses Unterwegssein entstehen eben nicht nur Konzerte, sondern echte Verbindungen. Gerade in Erfurt zum Beispiel – ich bin mit Clueso befreundet. Auch was Leipzig angeht, habe ich gute Freunde, in Dresden gibt es Leute, die ich gut kenne. Das alles ist über die Musik passiert.
Erfurt kenne ich schon unglaublich lange. Und in Erfurt hat sogar meine enge Freundschaft zu Barbara Schöneberger angefangen. Da haben wir uns in der Altstadt mit der ganzen Crew getroffen und hatten da drei Tage zusammen. Solche Orte bekommen irgendwann fast etwas Heimatliches, weil man so viele emotionale, warme Verbindungen und Gefühle damit verknüpft.
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Also ja, ich habe totalen Bezug zum Osten Deutschlands, gerade zu Thüringen. Die Gegend ist geprägt durch die Geschichte, und das finde ich nach wie vor spürbar und spannend. Ich bin 45 und habe den Fall der Mauer mitbekommen. Für mich ist die DDR also noch ein echter Begriff. Und trotzdem gibt es Dinge, die man als Unterschied noch immer krass wahrnehmen kann.
Kannst du das genauer benennen? Gibt es da etwas, das für dich besonders markant ist?
In erster Linie ist es gar nicht nur ein Unterschied zwischen West und Ost, sondern auch zwischen Stadt und ländlichem Raum. Im Schwarzwald beschäftigt mich zum Beispiel die Kraft der AfD, die immer mehr zum Vorschein kommt. Auch bei uns im Schwarzwald hast du, je nach Ort, fast bis zu 30 Prozent AfD-Wählerschaft. Und das ist für mich unerklärlich, weil wir im Speckgürtel der Schweiz leben. Ich kann kaum verstehen, woher dann dieses Gefühl kommt, alles müsse sich radikal ändern, obwohl man sein Leben in einem ziemlich sicheren Hafen verbracht hat.

Das macht etwas mit mir, auch weil ich aus Kunst und Kultur komme und von multikulturellem Leben geprägt bin. Ich habe fünf Kinder, vier davon mit einer Frau aus Äthiopien/Eritrea. Dadurch sind Begriffe wie „Remigration“ für mich keine abstrakte politische Vokabel, sondern ein echtes Bedrohungspotenzial. Das ist kein Problem nur im Osten, aber in den neuen Bundesländern oft ausgeprägter.
Und dann gibt es natürlich auch Dinge, die ich total liebe: Dialekte zum Beispiel. Bei uns im Schwarzwald hat jedes Tal schon wieder einen anderen Dialekt, und so ist es bei euch ja auch. Diese Dialektvielfalt in Deutschland liebe ich total – und da gehört der Osten natürlich genauso dazu.
Und kommst du, wenn du unterwegs bist, dann auch wirklich mit diesen verschiedenen Slangs und Dialekten in Kontakt?
Wenn man so viele Jahre unterwegs ist, kennt man in den Städten eben Leute. Es wäre jetzt auch nicht das erste Mal, dass Clueso plötzlich bei mir auf die Bühne springt und mitmacht, wenn er gerade zu Hause ist. Und wenn du dann noch einen freien Tag hast, dann hängst du ja nicht einfach im Hotel ab oder in deinem Nightliner, sondern triffst die Menschen auch. Gerade durch den Freundeskreis von Clueso kenne ich, was Erfurt betrifft, einfach viele Leute drumherum – Künstlerinnen und Künstler.
Du hast gerade schon die AfD angesprochen. Im Juli war der Bundesparteitag hier in Erfurt. Ist es wichtig, dass man als Künstler Position bezieht?
Für mich ist das Pflicht. Ich akzeptiere zwar, dass es Künstlerinnen und Künstler gibt – auch mit deutlich größerer Reichweite als ich –, die sich nicht äußern. Ich finde es aber auf eine Art auch verantwortungslos. Politikerinnen und Politiker haben oft eine Sprache, die viele Menschen gar nicht richtig erreicht.
Kunst hat da eine andere Möglichkeit. Sie hat in allen Ausdrucksformen die Chance, direkt ins Herz zu kommen. Deshalb finde ich, muss man diese Möglichkeit wahrnehmen und sich für Mitmenschlichkeit äußern. Es geht ja vor allem darum, sich für etwas starkzumachen, nicht nur gegen etwas. Natürlich kann ich auch klar gegen die AfD sprechen – das mache ich auch, wenn eine Wahl ganz knapp bevorsteht.
Ich spiele zum Beispiel mit einer Pianistin aus Kuba, die heute in Deutschland lebt und damals aus Kuba geflohen ist, weil es dort für junge Menschen keine Perspektive gab. Ihr Vater war extrem regimetreu, ist inzwischen gestorben, und er hat ihr das nie verziehen. Sie sagt auf der Bühne immer wieder, wie schmerzhaft es war, dass Ideologien über der Liebe zur eigenen Tochter stehen konnten.
Sie sagt selbst, dass sie das inzwischen auch in Wohlstandsgesellschaften wie bei uns sieht: Ideologien stehen immer häufiger über der Menschlichkeit. Da reicht es ja teilweise schon, ob du Fleisch isst oder nicht, einen Verbrenner fährst oder ein E-Auto. Schon bist du für das andere Lager der Unverbesserliche, mit dem man nicht mehr reden darf. Genau deshalb muss Kunst und Kultur sich äußern. Sie muss die Menschen daran erinnern, warum wir als Spezies so erfolgreich geworden sind: weil wir immer aufeinander aufgepasst haben.
Auf dem Album singst du mal auf Deutsch, mal auf Englisch. Wie entsteht das bei dir?
Meine Karriere hat ja – wenn wir mal den Tag eins in der Öffentlichkeit nehmen, und das war 2004 – mit einem englischen Song begonnen. Und der nächste Song war schon „Schwarz auf Weiß“, also ein deutschsprachiger Song. Das heißt: Ich habe eigentlich schon mit den ersten beiden Songs direkt gezeigt, dass ich mich gar nicht festlegen will. Ich habe mich entschieden, dass ich mich nicht entscheiden will.

Ich mag meine Stimme im Englischen total. Aber auf der anderen Seite fühle ich natürlich alles auf Deutsch. Ich bin Deutscher, das ist meine Muttersprache. Ich träume auf Deutsch, ich denke auf Deutsch, ich liebe auf Deutsch, ich bin auf Deutsch wütend. Das ist bei mir wie ein Pendel, das immer mal von einer Seite auf die andere schwingt. Und beim nächsten Album bin ich mir gar nicht sicher, ob es nicht wieder mehr Englisch wird.
„XX“ verrät auf den ersten Blick nicht viel über den Inhalt. Worum dreht sich das Album?
Das X steht ja römisch für 10, und zweimal X steht für 20. Ich habe das Album 2024 veröffentlicht, zum zwanzigjährigen Jubiläum meiner Karriere, und es war gleichzeitig mein zehntes Album. Ich würde aber auch sagen: Das ist jetzt schon wieder zwei Jahre her. Wir spielen auf der Tour auch gar nicht so viel aus dem Album „XX“. Dieses Jahr werden noch neue Songs erscheinen – kein Album, sondern eher Einzelveröffentlichungen.
Wir werden eine ganz neue Soundwelt aufmachen. Es wird viel, viel ruhiger. Wir werden zum Beispiel nicht so stark auf Lichteffekte setzen, und wir werden nichts vom Band abspielen. Auch als Antithese zu dem, was gerade überall passiert: KI-generierte Musik, Auftritte, die oft gar nicht mehr so viel mit dem zu tun haben, was die einzelnen Musiker auf der Bühne tatsächlich machen. Ich möchte es so handgemacht haben, dass die Leute davor sitzen und sagen: Wow. Das war alles echt.
Du engagierst dich auch sozial, unter anderem für den Deutschen Kinderverein und für Misereor. Warum ist dir das wichtig?
Wenn man eine gewisse Reichweite hat, bekommt man eigentlich wöchentlich Anfragen für Benefizgeschichten. Was mir bei der Auswahl bleibt, sind im Grunde zwei Kriterien. Das erste: Es muss total zu meinem Leben passen. Deshalb bin ich zum Beispiel inzwischen Schirmherr von NACOA – das ist ein ganz wichtiger Verein, der sich um Kinder aus suchtbelasteten Familien kümmert. Der Deutsche Kinderverein ist mir natürlich auch deshalb so wichtig, weil ich selbst fünf Kinder habe.
Und die zweite Prämisse ist, dass ich etwas über Jahre begleiten will. Ich mache kein On-off-Hopping, sondern die Leute müssen sich auf mich verlassen können. Deshalb sage ich auch vieles ab, weil es sonst meine Glaubwürdigkeit beschädigen würde. Es geht ja darum, tatsächlich etwas zu erreichen – und das gelingt besser, wenn man viele Jahre dabeibleibt.
Warum sollten sich die Thüringer dein Konzert in Erfurt auf keinen Fall entgehen lassen?
Es gibt mehrere Gründe. Aber der erste, der mir sofort einfällt: Wir erleben gerade alle um uns herum so unglaublich viel, bei dem wir das Gefühl haben, überhaupt keinen Einfluss mehr darauf zu haben. Ich glaube, was wir schaffen, ist, dass man für drei Stunden – mit der Jacke, die man draußen abgibt – auch die Welt draußen lässt. Das ist ein Geschenk, und genau das wollen wir ermöglichen.
Und dann möchte ich natürlich – gerade auch in einer Gegend, in der sich Konzerttickets oft schwerer verkaufen, und das ist für mich leider oft der Osten – noch etwas sagen: Die kulturelle Vielfalt, die unser Leben so reich macht, kann nur so lange bestehen, wie es auch ein Publikum dafür gibt. Wir haben letztes Jahr 35, fast ausverkaufte, also überwiegend wirklich volle Konzerte mit der SWR Big Band gespielt. Vier Shows mussten wir absagen – und drei davon waren in den neuen Bundesländern. Wenn wir dann absagen müssen, entsteht eine ganz blöde Abwärtsspirale.
Und wenn wir dort Konzerte spielen, dann gehen die Leute auch immer total ab und bringen eine so krasse Wärme mit rein, dass man das einfach unbedingt weiter haben will. Natürlich weiß ich auch: Man muss sich das leisten können. Aber wenn man es sich leisten kann und gerade überlegt, ja oder nein – dann im Zweifel bitte kommen.
Hard Facts:
- Wer: Sänger und Songwriter Max Mutzke mit Band
- Was: „Live Tour 2026“ Konzert mit neuemnProgramm
- Wo: Central Club, Am Wasserturm 8–10, 99085 Erfurt
- Wann: Donnerstag, 29. Oktober 2026
- Tickets gibt es hier!
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