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Junger Verein wagt Kultur-Projekt an vermeintlichen „sozialer Brennpunkt“ in Erfurt

5. Oktober 2026 • Geschrieben von Yannick Rau
Spirit of Generations hat am Herrenberg sein Zuhause gefunden. Foto: Spirit of Generations

Wer am Rand einer Großstadt lebt, wohnt zwar noch in der Stadt, fühlt sich aber nicht zwangsläufig mittendrin. Viele Großwohnsiedlungen entstanden zu DDR-Zeiten als moderner und begehrter Wohnraum. Zentralheizung, warmes Wasser und ein eigenes Bad waren damals wichtige Argumente für die Neubauviertel.

Vom begehrten Wohnraum zum Randgebiet

Nach der Wiedervereinigung änderte sich ihre Rolle jedoch. Wer es sich leisten konnte, zog teilweise ins Eigenheim im Umland oder in sanierte innerstädtische Viertel. Zurück blieben zunehmend ältere und einkommensschwächere Menschen, während gleichzeitig neue Bewohner hinzukamen, die auf dem Wohnungsmarkt anderswo schlechter Fuß fassen konnten.

Zwischen Plattenbau und Vorurteilen

Auch der Herrenberg im Erfurter Südosten trägt die Folgen dieser Entwicklung. Großwohnsiedlungen wie diese werden schnell mit Begriffen wie „sozialer Brennpunkt“, Anonymität oder hoher Kriminalität verbunden. Die Realität ist komplizierter. Zwar konzentrieren sich soziale Herausforderungen stärker, gleichzeitig gibt es funktionierende Nachbarschaften und Menschen, die sich für ihr Viertel engagieren.

In der Tungerstraße 1 schafft Spirit of Generations einen neuen Treffpunkt. Foto: Spirit of Generations

Die Herausforderungen hängen deshalb nicht damit zusammen, wer hier lebt. Vielmehr spielen auch die Strukturen des Viertels eine Rolle: Große Wohnblöcke, breite Straßen und wenig kleinteiliges Gewerbe können dafür sorgen, dass Begegnungsorte fehlen. Cafés, kulturelle Angebote oder andere Räume, an denen unterschiedliche Menschen selbstverständlich zusammenkommen, sind weniger präsent als in einer Innenstadt.

Begegnung durch Sport und Kultur

Genau an diesem Punkt können Kultur und Sport eine andere Funktion einnehmen. Sie sind dann nicht nur Freizeitbeschäftigung, sondern schaffen einen Anlass, die eigene Wohnung zu verlassen, andere Menschen kennenzulernen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Am Herrenberg versucht der gemeinnützige Verein „Spirit of Football“ mit dem Projekt „Spirit of Generations“, genau dafür einen Raum zu schaffen.

Ein eigener Raum für Begegnungen

Für „Spirit of Football“ ist das ein neuer Ansatz. Die Organisation war zuvor bereits mit Schulprojekten und Fußballtrainings im Viertel aktiv, verfügte aber nicht über einen eigenen festen Raum. Mit der Tungerstraße 1 hat sich das geändert. Dort richtet sich „Spirit of Generations“ bewusst nicht nur an Kinder und Jugendliche, sondern an unterschiedliche Altersgruppen.

Gemeinsame Angebote verbinden die Generationen am Herrenberg. Foto: Spirit of Generations

Das Angebot geht weit über Fußball hinaus. Kunst, Musik, gemeinsames Kochen oder Bingo sollen möglichst verschiedene Menschen ansprechen. Denn Fußball könne zwar verbinden, passe aber nicht zu jedem. Sport funktioniere dabei wie eine gemeinsame Sprache: „Du musst nicht erst Deutsch lernen, um gemeinsam Fußball spielen zu können“, erklären Alina Onyshchuk und Viktoria Bybyk von „Spirit of Generation“ im Gespräch. Diese verbindende Kraft sehen sie aber genauso in Kunst und Kultur.

Wenn sich das Leben im eigenen Viertel abspielt

Dass es dafür einen festen Ort im Erfurter Südosten gibt, ist für beide entscheidend. Während die Innenstadt viele Angebote für unterschiedliche Interessen bereithalte, gebe es davon im Südosten deutlich weniger. Hinzu komme, dass manche Bewohner nur wenige Kontakte außerhalb ihres direkten Umfelds hätten. Das Leben spiele sich teilweise hauptsächlich zwischen Arbeit und Zuhause ab.

Wie aus Nachbarinnen Freundinnen wurden

Was ein gemeinsamer Ort verändern kann, zeigt eine Geschichte aus einem Malkurs. Zwei Mädchen, die schon seit Jahren im selben Haus wohnen, hatten zuvor kaum etwas miteinander zu tun. Erst bei Spirit of Generations lernten sie sich kennen. Heute seien die beiden beste Freundinnen. Für Onyshchuk und Bybyk ist genau das ein Beispiel dafür, warum sich ihre Arbeit lohnt.

Hier entstehen durch gemeinsame Erlebnisse neue Verbindungen. Foto: Spirit of Generations

Dabei stellen sie fest, dass Kinder nicht unbedingt nur mehr Freizeitangebote brauchen. Im Viertel gebe es bereits verschiedene Akteure und Programme. Trotzdem zeige sich gerade bei Kreativangeboten ein großer Bedarf. Noch wichtiger sei häufig etwas viel Einfacheres: Aufmerksamkeit. Kinder bräuchten Erwachsene, die Zeit haben, Fragen beantworten, unterstützen und einfach da sind.

Wenn Generationen zusammenkommen

Auch zwischen den Generationen entstehen solche Begegnungen. Manche Senioren hätten keine Familie in der Nähe oder sähen sie nur selten. Wenn sie gemeinsam mit Kindern kochen oder sie bei Angeboten unterstützen, erinnern sie sich an die Zeit mit ihren eigenen Kindern. Spirit of Generations könne ihnen dadurch ein Stück „Familiengefühl“ zurückgeben.

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Die Tungerstraße trägt dabei noch eine weitere Geschichte. Nach Angaben von Onyshchuk und Bybyk befand sich dort früher ein Nazi-Treffpunkt. Das Thema wollen sie nicht in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen. Gerade deshalb sei es ihnen aber wichtig zu zeigen, dass an demselben Ort heute etwas anderes entstehen kann: „Etwas Schönes für die Menschen.“

Vom Mitmachen zum Selbermachen

Spirit of Generations steht dabei bewusst für Demokratie, Vielfalt und Toleranz. Langfristig soll der Begegnungsort aber nicht nur von den Organisatoren getragen werden. Onyshchuk und Bybyk wünschen sich, dass die Kinder und Jugendlichen, die heute an den Angeboten teilnehmen, irgendwann selbst Ideen entwickeln, eigene Angebote machen und Verantwortung übernehmen. Dann wäre aus einem Raum für den Herrenberg tatsächlich ein Raum des Herrenbergs geworden.

Hard Facts:

  • Was? Spirit of Generations – Begegnungsprojekt von Spirit of Football e.V.
  • Wo? Tungerstraße 1, Kleiner Herrenberg, Erfurt
  • Für wen? Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senior:innen
  • Was gibt’s? Sport, Kunst, Musik, Kochen und weitere gemeinsame Aktivitäten
  • Worum geht’s? Begegnung und Austausch zwischen verschiedenen Generationen und Kulturen
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