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Wer auf die Bühne darf – und wer daran verdient: futurebae über Macht in der Musikbranche

9. Oktober 2026 • Geschrieben von Dunja Froriep
Vor ihrem Konzert in Erfurt spricht futurebae mit uns über Frauen in der Musikbranche. Foto: Jan-Uwe Zehner

Auf ihrer jüngsten Tour, bei der sie auch in Thüringen Halt machte, stand Lina aka futurebae vor einem Bühnenbild, das mit ihren eigenen Instagram-Memes gestaltet war. Ein visueller Gag – aber auch ein Statement: Denn was sie online anspricht, bringt sie auch auf die Bühne. Dabei äußert sie auf witzige Art und Weise Gesellschaftskritik.

Wie sieht die Realität in der Musikbranche aus?

Im Interview nach ihrem Konzert in Erfurt rechnet die Musikerin mit Festivalpostern ohne Frauen ab, mit KI-Musik als Bedrohung für unabhängige Musiker:innen und mit einer Branche, in der am Ende selten Geld übrigbleibt. Ihre Kritik führt uns zu der Frage: Wie sieht die Realität in der Musikbranche aus?

Erstaunlich wenig Frauen zu sehen

Das Problem beginnt bereits bei der strukturellen Benachteiligung von Künstlerinnen auf Festivals. Sie würden nicht gebucht, weil auf dem Line-up bereits eine andere Frau spiele, kritisiert futurebae in einem Post. Im Interview erinnert sie sich an Backstages und an Poster, „auf denen erstaunlich wenig Frauen zu sehen waren“.

Die Festivalplanung entsteht häufig in männlich dominierten Strukturen: Eine Studie des europäischen Club-Verbands Live DMAzeigt, dass Programmverantwortliche und Booker:innen mehrheitlich Männer sind. Zugleich bestehen die Line-ups und insbesondere die Headliner vorwiegend aus Männern. Wenn Buchungsteams, Leitungen und Netzwerke überwiegend männlich sind, können sich männlich geprägte Kontakte, Routinen und Vorstellungen davon, wer als „passender“ Act gilt, fortführen.

Frauen in den deutschen Charts

Einmal habe sie gespürt: „Ich bin hier, um eine Quote zu erfüllen – nicht, weil irgendjemand meine Musik richtig geil findet“, sagt Futurebae. Das mache sie wütend. Dabei, sagt sie, seien die größten deutschen Stars gerade Frauen: „Ikkimel, Nina Chuba, alles, was gerade im Kommen ist.“ Nina Chuba landete mit „Ich lieb mich, ich lieb mich nicht“ auf Platz eins der offiziellen Deutschen Charts.

Der Frauenanteil in der Musikbranche liegt unter 20 Prozent

Eine Auswertung der Musikjournalistin Rike van Kleef kommt für Rock am Ring in diesem Jahr auf 92 Prozent rein männlich besetzter Acts – unter den Headlinern war keine einzige Frau. Genau diese Faktenlage nennt futurebae „völlig absurd“. Die bislang umfassendste Untersuchung stammt von der MaLisa Stiftung mit der GEMA und Music Women* Germany. Untersucht wurde die Geschlechterverteilung in drei Bereichen der deutschen Musikbranche: in den Charts, bei den kreativen Urheber:innen von Musikwerken und auf Festivalbühnen. Ihr Befund: In keinem untersuchten Bereich der Branche liegt der Frauenanteil bei über 20 Prozent. Auf Festivalbühnen hat sich der Frauenanteil seit 2010 zwar mehr als verdoppelt, von Gleichstellung ist er aber weit entfernt.

Bewegung gibt es trotzdem, vor allem im Kleinen: Kleinere Festivals schneiden in derselben Auswertung deutlich besser ab. Auch das deckt sich mit futurebaes Eindruck. Bei alternativen Festivals, sagt sie, passiere diverses Booking „einfach organisch“ – „aber bei den ganz Großen, wo ordentlich Cash drinsteckt, ist es nach wie vor so.“

Und in Thüringen?

Wir haben das zum Anlass genommen, einen genaueren Blick auf die Geschlechterverteilung auf Thüringer Festivals und Bühnen zu werfen. Beim Erfurter Krämerbrückenfest vom 19. bis 21. Juni 2026 waren Frauen auch auf der großen Domplatz-Bühne präsent. Allein für den Samstag waren vier von sechs Acts weiblich: Caems und Lori, welche vom Veranstalter als Gewinnerinnen von Nachwuchswettbewerben angekündigt werden. Am Nachmittag folgte die Solokünstlerin CATT und den letzten Konzertslot des Abends übernahm die Berliner Band MiA., die aus drei Männern und der Sängerin Mieze Katz besteht.

Das Problem mit der „Frauenpower“

Die Auftritte von MiA. und CATT bewarb die Stadt ausdrücklich unter der Überschrift „Frauenpower auf dem Domplatz“. Darüber lässt sich streiten: Es ist meist als Kompliment gemeint, hat aber einen Haken. Der Begriff lässt Stärke und Kompetenz bei Frauen wie eine Besonderheit erscheinen – bei Männern gelten sie als selbstverständlich. So wird aus dem Lob schnell die Erwartung, Frauen müssten besonders viel leisten, um Anerkennung zu bekommen. Dabei sollten sie nicht mehr leisten müssen als Männer, um genauso ernst genommen zu werden. Auf Bühnen klingt das schnell so, als sei schon die Tatsache bemerkenswert, dass dort Frauen stehen. Dabei sollten ihre Ideen, ihr Können und ihre Auftritte im Mittelpunkt stehen – nicht ihr Geschlecht.

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Deutlicher wird es bei den großen Genre-Festivals: Beim Party.San Metal Open Air in Schlotheim steht von rund 50 Bands nur eine komplett weiblich besetzte Band auf der Bühne. Beim SonneMondSterne am Saalburg Beach tauchen Künstlerinnen vor allem im DJ-Programm auf, die Headliner-Slots gehen hauptsächlich an Männer. Besser schneiden die öffentlich geförderten Veranstaltungen ab, etwa die Kulturarena Jena oder das Rudolstadt-Festival mit einem grob geschätzten Frauenanteil von 30 bis 40 Prozent.

Bühne statt Gage

Wer seltener auf den großen Bühnen steht, verdient auch weniger: Für futurebae und ihre Kolleginnen geht es neben der Sichtbarkeit auch um die Finanzierung. Also startete sie Aufrufe in ihrer Community: Wer näht ein Outfit, wer macht Content, wer eröffnet die Show? Ehrlich und ohne falsche Versprechen: „Ich habe kein Cash, aber ich habe die Bühne“. Für sie bleibt trotzdem ein zwiespältiges Gefühl: „80 Prozent Freude, 20 Prozent immer noch Schmerz darüber, dass ich es einfach nicht anders machen kann.“

Unpolitisch zu sein, ist keine Option

Dass die Rechnung für kleine Acts kaum aufgeht, liegt auch an den Jahren davor. Laut Live DMA fielen im ersten Corona-Jahr rund 284.000 Veranstaltungen aus oder wurden verschoben, die Einnahmen der Spielstätten brachen um knapp zwei Drittel ein – und mit ihnen die Budgets für Künstlerhonorare. Seither sind Miete, Energie, Technik und Personal teurer geworden, während das Publikum aufgrund der Inflation weniger Tickets kauft und an der Bar weniger ausgibt. Für futurebae endet die Rechnung aber nicht bei Gagen und Ticketpreisen. Wer auf der Bühne steht und wer dafür bezahlt wird, ist für sie eine politische Frage: „Solange wir in einem Patriarchat leben, ist keine Frau in der Öffentlichkeit jemals nicht politisch.“

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