Text: Lutz Granert
In den letzten Jahren nahm die Filmkarriere von Sandra Hüller ordentlich Fahrt auf. Die in Suhl geborene und Friedrichroda aufgewachsene Ausnahmeschauspielerin erhielt für Ihren Part im Kriminaldrama „Anatomie eines Falls“ (2023) eine Oscar-Nominierung. Zuletzt war sie als Konterpart von Ryan Gosling in ihrem ersten großen Hollywood-Blockbuster „Der Astronaut – Project Hail Mary“ zu sehen und voraussichtlich im Oktober startet die Komödie „Digger“, in der sie an der Seite von Tom Cruise agiert.
Sandra Hüller zeigt in „Rose“, wie komplex Rollenbilder wirklich sind
Am 30. April, also genau am 48. Geburtstag der Wahl-Leipzigerin startet das im 17. Jahrhundert spielende Historiendrama „Rose“ (Verleih: Piffl Medien) bundesweit im Kino. Darin verkörpert Sandra Hüller einen vermeintlich männlichen Kriegsheimkehrer, der in einem Dorf einen verlassenen Gutshof übernimmt und eine schwangere Frau ehelicht. Für ihre Darbietung wurde sie auf der diesjährigen Berlinale mit dem Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung ausgezeichnet. Im Interview spricht sie über aufwändiges Make-Up, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern beim Schauspiel und bedrohte Freiheit in der Gesellschaft.
Was ist das Tollste am Schauspielern?
An Orte zu kommen, an die man sonst nicht kommt. Das Schönste ist, dass es immer etwas zu lernen gibt und der Horizont erweitert wird, dass man mutig sein kann und muss. Und manchmal ist das Essen gut. (lächelt)
War das Essen denn beim Dreh von „Rose“ gut?
Ja, total.
Ging es hinter den Kulissen von „Rose“ auch archaisch und düster zu?
Nein, der Mai war sonnig. Wir haben zwar oberhalb eines Schaubergwerks gedreht mit vielen Maschinen, aber auch viel Wald, viel Platz und vielen Feldern. Es war doch sehr saftig und ein richtig reicher Sommer.
Die Figur Rose trägt eine große Narbe im Gesicht und einen regelrechten „Männeranzug“ unter der Kleidung. Wie lange dauerte es, bis du morgens drehbereit warst?
Anette Keiser (die Maskenbildnerin, Anm. d. Red.) hat morgens etwa anderthalb Stunden gebraucht für die Narbe und den Unterbau der Narbe. Damit das in Schwarz-Weiß funktioniert, musste das jeden Morgen aufs Neue hergestellt werden, es gab kein fertiges Gebilde. Die Narbe war erstmal sozusagen, „nackt“ und wurde nach und nach dem Gesicht farblich angepasst. Anette Keiser hat alle Farben vorher auf einem Blatt Papier ausprobiert. Das Anziehen des Kostüms hat auch nochmal eine halbe bis Dreiviertelstunde gedauert mit den unterschiedlichen Schichten.
Was hat dich an „Rose“ am meisten gereizt?
Das Drehbuch hat mich inhaltlich erreicht, es war wie ein sehr langes Gedicht. Auch die Erzählstimme, die im Film zu hören ist, sie ist zugleich eine Art von Regieanweisung. Das hatte ich in dieser Form noch nicht. Es war eine Herausforderung und viel schwerer, als andere Texte zu lernen, da es kein Versmaß, aber einen bestimmten Sprachrhythmus gab.
Ich kannte Markus’ Filme (Regisseur und Drehbuchautor Markus Schleinzer, Anm. d. Red.). Wir sind uns das erste Mal beim Dreh von „Sisi & ich“ begegnet, wo er den Kaiser gespielt hat mit diesem Bart…
Darüber hinaus wollte ich gern wissen: Wie geht so etwas, kann man so etwas überhaupt glaubhaft machen? Was muss man dafür aufwenden, um in dieser Verkleidung, dieser anderen Identität überleben zu können?
Ist es einfacher, eine Frau zu spielen oder einen Mann?
Ich spiele ja keinen Mann, das wäre eine andere Aufgabe gewesen – sodass man auch die Schauspielerin dahinter nicht mehr sieht. Wobei ich mich dann schon gefragt hätte: Warum fragt man nicht einen Mann? Wenn ich mir aber Figuren wie Hamlet und auch meine weiteren Rollen anschaue, fällt mir generell auf, dass die emotionale Verantwortung für Situationen ungleich höher bei den Frauen liegt. Das ist sehr viel anstrengender.

Sandra Hüller verkörperte im Historiendrama „Rose“ einen vermeintlich männlichen Kriegsheimkehrer. Foto: Schubert, ROW Pictures
Sind weibliche Charaktere komplexer?
Das weiß ich gar nicht so genau. Als Frau in Theaterstücken auf der Bühne ist es oft so, dass man mit Emotionen beglaubigen muss, was man denkt und was man will. Männer müssen das nicht. Die kommen einfach hin und sagen: „Ich will das!“ – und dann ist das halt so oder sie kämpfen dann. Aber wir Frauen müssen dann halt viel… weinen.
Wird diese „emotionale Begründung“ inzwischen als selbstverständlich vorausgesetzt?
Das ist eine Beobachtung in meiner Arbeit. Ich gehe aber nicht mit dieser Erwartung rein, sondern, dass ich entscheiden kann, wie ich spiele. Deswegen ist es am Theater einfacher: Weil wir mehr Zeit haben im Stillen zu arbeiten bevor wir etwas zeigen. Wir können diskutieren. Was passiert mit dieser Leerstelle der „emotionalen Beglaubigung“? Und dann wird es interessant. Die Zeit haben wir beim Drehen nicht.
Regisseur Markus Schleinzer meinte, in „Rose“ gehe es um den Begriff von Freiheit. Wurde das auch beim Dreh diskutiert?
Es gibt viele Dinge, die uns heute ganz selbstverständlich erscheinen – und die es ganz lange und bis vor kurzer Zeit überhaupt nicht waren. Und jetzt wird die Selbstverständlichkeit dieser Freiheiten, die wir Frauen oder auch andere gesellschaftliche Gruppen genießen, wieder sehr infrage gestellt oder zumindest soll dieses Klima erzeugt werden. Ich glaube nicht, dass man Entwicklungen von Gesellschaften zurückdrehen kann. Ich glaube, die können kurz angehalten werden oder man kann mit Gewalt dagegen vorgehen. Aber etwas, das gelernt ist, bleibt – im Körper und in der Gesellschaft.
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Denkst du wirklich, dass es keinen Rückschritt geben könnte?
Das sieht vielleicht eine Weile so aus, aber ich weigere mich, das anzunehmen. Das glaube ich nicht.
Weil du ein optimistischer und hoffnungsvoller Mensch bist?
Nein, weil ich dagegen kämpfen werde.
Das ist eine klare Ansage. Bereitet dir die politische Situation gerade in der „alten Heimat“ Thüringen deswegen Sorgen?
Ich denke viel darüber nach. Mehr möchte ich nicht dazu sagen.
Du hast beim Dreh eine Hose und einen Hornpenis getragen. Wie sehr hat dir das für die Entwicklung eines männlichen Habitus und das „Reinkommen“ in die Rolle geholfen?
Ich kann mit Begriffen wie „Reinkommen“ oder so etwas nichts anfangen. Man zieht etwas an, bekommt eine Maske – ganz praktische Vorgänge, die im Körper etwas Bestimmtes auslösen. Wenn du etwas Anderes anziehen würdest, würdest du auch anders laufen und dich anders fühlen. Genauso ist es mit meinem Kostüm, wenn ich mich entscheide, dieses Horn die ganze Zeit zu tragen, auch wenn man es nicht sieht. Es ist etwas im Weg und an mir, das nicht zu meinem Körper gehört.
Ich kann in keiner Sekunde vergessen, dass ich etwas behaupte – und das macht dann schon etwas mit dem Spiel. Ich weiß, ich tue so, als wäre ich jemand Anderes. Die Wachsamkeit und Konzentration, die das mit sich bringt und auch das Wissen um die Bedrohung empfand ich schon als wichtig.
Markus Schleinzer hat dir den Film „Albert Nobbs“ empfohlen, in dem Glenn Close ebenfalls eine Frau spielt, die vorgibt, ein Mann zu sein. Hast du dir hier etwas abgeschaut?
Ich habe sie einfach bewundert, wie sie das macht. Sie hat das fantastisch gespielt und ich habe mich sehr darüber gewundert, dass dieser Film nicht bekannter ist. Toll, schön erzählt, traurig… Ich fand es interessant, dass die Frauen am Ende, als sie in Frauenkleidern draußen unterwegs sind, viel unsicherer und unbeholfener wirken als in der Männerkleidung und den Uniformen, die sie sonst tragen. Das war für mich ein wichtiger Moment, als sie in Kleidern am Strand unterwegs sind und gar nicht wissen, wie sie sich darin bewegen sollen… Darüber habe ich auch erfahren, dass ich gar nicht weiß, wie Rose sich in der ihr von der Gesellschaft zugewiesenen Kleidung bewegen würde.
„Rose“ wurde in Schwarz-Weiß gedreht. Welche Unterschiede ergeben sich dadurch beim Dreh im Unterschied zu einem Farbfilm?
Historisch und Schwarz-Weiß sind gleich zwei technische Korsette, mit denen man zu tun hat. Darin Freiheiten zu finden, ist manchmal gar nicht so einfach. Das Licht, die Positionen und die historischen Details müssen sehr genau sein und so weiter. Ich finde das durch die Detailgenauigkeit nicht uninteressant – aber sehr anders.
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Allein dieses Jahr starten sechs Filme mit deiner Beteiligung. Wann kommst du überhaupt noch zum Theaterspielen?
Ich habe vor ein paar Monaten in Bochum nochmal Hamlet gespielt. Im März spielten wir in Paris. Ich bin Mitglied eines Theaterkollektivs und dabei habe ich festgestellt, dass ich auch gerne zusehe. Deswegen mache ich Theater jetzt eher in einer anderen Position – und das gefällt mir ganz gut.
Bist du bei diesem Arbeitspensum Gefahr gelaufen, die Lust am Spielen zu verlieren?
Ja.
Und wie ging es dir damit oder was machst du dagegen?
Ich beobachte das.
Möchtest du das weiter ausführen?
Nein. Ich kann das nur beobachten.
Bei deinem engen Zeitplan: Wie oft schaffst du es noch nach Thüringen und was vermisst du aus Thüringen am meisten?
Ich bin relativ häufig da. Und ich vermisse manchmal den Dialekt.
Vielen Dank für das Gespräch!
