Genius Loci verwandelt Weimar in eine strahlende Leinwand
Der Geist eines Ortes, der genius loci, kann spirituell verstanden werden oder als architektonisches Ambiente. In jedem Fall bezeichnet er etwas, das sich schwer greifen lässt und doch spürbar ist: die Atmosphäre, die ein Ort ausstrahlt. Vor inzwischen 14 Jahren haben die Initiator:innen des Genius Loci Weimar diesem alten Begriff eine neue Bedeutung gegeben. Seit 2012 bringt das Festival internationale Projektionskünstler:innen nach Weimar und lässt Gebäude mit flirrenden Bildern, bewegten Fassaden und leuchtenden Installationen für einige Nächte neu erstrahlen.
Vom Experiment zur festen Institution
Hendrik Wendler ist seit Tag eins dabei. „Damals galt die Idee und Durchführung als sehr Innovativ“, erinnert er sich. Das Publikum kam eher zufällig vorbei. Doch schon im Folgejahr konnten es die Besucher:innen aus Stadt und Umland kaum erwarten, die nächsten Projektionen ihren berühmten Architekturen zu betrachten. So wandert das Festival seither durch die Stadt und ist selbst zur festen Institution geworden.
100 Ideen aus 28 Ländern
Genius Loci ist ein internationaler Wettbewerb für Videomapping, bei dem Künstler:innen passgenaue Projektionen für die Fassaden und Geschichten ausgewählter Orte entwickeln. Künstler:innen aus aller Welt werden angezogen: 2026 gingen etwa 100 Einreichungen aus 28 Ländern ein.

Dieses Jahr werden das Schillerhaus, das Haus der Weimarer Republik und der Nike Tempel zum Thema „Demokratie und Gesellschaft“ angestrahlt. Die ausgewählten Arbeiten kommen aus China, Russland und Portugal. Dass Demokratie in diesem Jahr im Zentrum steht, ist dabei alles andere als eine rein lokale Fragestellung. Weltweit geraten demokratische Strukturen unter Druck, autoritäre Regierungsstile gewinnen an Einfluss, Kriege und gesellschaftliche Polarisierung prägen den öffentlichen Diskurs. Gleichzeitig wächst der Wunsch, demokratische Werte zu verteidigen und neu auszuhandeln.
Genius Loci leuchtet über die Innenstadt hinaus
Genius Loci nimmt diese Debatte nicht nur zum Anlass, sie auf historische Fassaden zu projizieren. In diesem Jahr verändert das Festival auch seinen eigenen Blick auf Weimar. Denn das kulturelle Herz Weimars schlägt traditionell im Zentrum. Genau diese Perspektive soll erweitert werden. Mit dem Humboldt-Gymnasium wird erstmals ein Gebäude in Weimar West zur Projektionsfläche. Der Stadtteil ist geprägt von Plattenbauten, jenem Gymnasium und einer vielfältigen Bewohner:innenschaft. Für Lutz Rummel, Quartiersmanager von Weimar West, liegt darin eine wichtige Chance: „Das Festival entzerrt“ die kulturelle Wahrnehmung der Stadt und macht sichtbar, dass Weimar mehr ist als sein Innenstadtkern.
Für die Bewohner:innen kommt das Festival vor die eigene Haustür – und bringt ein internationales Kunstereignis dorthin, wo es sonst vielleicht nicht stattgefunden hätte. Rummel verbindet damit die Hoffnung auf ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl und eine neue Identifikation mit dem eigenen Stadtteil.
Ein Stadtteil zeigt sich selbst
Die Projektion soll hier zum Teilhabeprojekt werden. Wie? Derzeit läuft ein Aufruf, eigene Fotografien aus Weimar West einzureichen. Die Bilder werden Teil einer künstlerischen Arbeit, die von einem bekannten Namen aus der Mapping-Szene, John Tettenborn, gerahmt wird. So erscheint der Stadtteil nicht nur als Kulisse, sondern durch die Augen seiner Bewohner:innen.
Position beziehen erwünscht
Eine zweite Projektion stellt Fragen und lädt die Zuschauer:innen dazu ein, Stellung zu beziehen: Wer einer bestimmten Antwort zustimmt, stellt sich auf eine entsprechende Seite. „Ach so denkst du darüber?“ Unterschiede und Gemeinsamkeiten werden sichtbar – und können zum Ausgangspunkt eines Gesprächs werden. Die Arbeit wurde von Studierenden der Bauhaus-Universität Weimar entwickelt. Spielerisch, künstlerisch und gemeinsam soll hier erprobt werden, was demokratische Teilhabe bedeuten kann.

Auch das Rahmenprogramm erweitert den Stadtraum. Beim „Walk of Democracy“ lässt sich Weimar aus einer neuen Perspektive erkunden. Hinter dem Haus der Weimarer Republik am Spielplatz wird ein Kurzfilm-Kino eingerichtet. Hinter dem Mon Ami Ensemble am Goetheplatz zieht das Genuis Loci Lab ein, das von den DJs und Veranstalter:innen des Erfurter Kollektivs KFPNYX bespielt wird. Auch die Schillerstraße erfährt eine besondere Gestaltung: Die Straßenlaternen werden für die Dauer des Festivals von Künstler:innen gestaltet. Neu ist außerdem ein Publikumspreis. Die Besucher:innen sind eingeladen abzustimmen, welche der Projektions-Arbeiten sie am meisten überzeugt.
Mehr als der Geist historischer Fassaden
Vielleicht liegt darin die eigentliche Erweiterung des diesjährigen Genius Loci: Der Geist eines Ortes zeigt sich nicht nur in seinen historischen Gebäuden. Er entsteht auch dort, wo Menschen leben, sich begegnen, unterschiedliche Perspektiven haben und miteinander ins Gespräch kommen. Genius Loci projiziert in diesem Jahr deshalb nicht nur Kunst auf die Stadt – sondern die Frage, wie diese Stadt ihre Gesellschaft sichtbar macht.
Hard Facts:
- Was: International Video Mapping and Media Architecture Festival in Weimar
- Wann: 11. bis 13. September
- Wo: an verschiedenen Orten in Weimar
- Eintritt: kostenfrei
- Weitere Informationen zum Rahmenprogramm gibt es hier und an dieser Stelle.
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