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Klezmer, Pop und Techno treffen in Weimar aufeinander

20. Juli 2026 • Geschrieben von Claudia Dell
Die jiddische Elektronik-Künstlerin Chaia verbindet in Weimar Akkordeon, Gesang und Archivsamples zu einem eindringlichen Klangkosmos. Foto: Michael Sticher

Warum ist der Yiddisch Summer Weimar eines der bedeutendsten Festivals für jiddische Kultur weltweit? Vielleicht weil die Veranstaltungsreihe ein Thema wählt, das uns alle auffordert, die Moderne nicht nur aus der Perspektive jiddischsprachiger Frauen zu betrachten, sondern unsere Vorstellung von Moderne grundsätzlich infrage stellt.

Yiddisch Summer Weimar goes feminism

In der diesjährigen 26. Ausgabe des in der Other Music Academy in Weimar angesiedelten Festivals wird diese Fragestellung durch die Gastkuratorin Diana Matut, Leiterin der „Alten Synagoge – Haus der jüdischen Kultur in Essen“, gestellt und in Zusammenarbeit mit dem Leiter des Festivals, Alan Bern, bearbeitet.#

Ans Bücherregal Europas

Angefangen im Mittelalter schreitet die jiddischsprachige Frau ans Bücherregal Europas, ans Lesepult ihres Hauses und in die Druckerei ihrer Stadt. Von Beginn an sorgt sie so dafür, dass europäische Literatur eine Übertragung ins Jiddische erfährt. „Dadurch wird das Jiddische zur großen Verbindung der Kulturen“, erklärt die Kuratorin Matut, „und Frauen nehmen nicht nur an Kultur teil, sie sind integraler Bestandteil“. Doch obwohl Frauen diese kulturellen Verbindungen von jeher mitgestalteten, bleiben ihre Spuren in den großen Erzählungen der Geschichte oft unsichtbar.

Und dies nicht erst, wie weithin angenommen, seit dem späten 19. Jahrhundert – also dem damit assoziierten Beginn der Moderne. Die extra für den Yiddisch Summer Weimar entwickelte Online-Ausstellung „Jiddische Frauen und die Geschichte des Buches: Ein anderer Weg der Moderne“ wird diese Annahme weiter unterfüttern und belegen. Welche Spuren haben die Frauen im Laufe der Jahrhunderte auf Titelblättern, Widmungen oder Übersetzungen hinterlassen? Das Online-Portal wird von dem zeitgenössischen Designer Eyal Davidovitch, der Künstlerin Ella Ponizovsky Bergelson und den Wissenschaftlerinnen Diana Matut und Alma Roggenbuck geschaffen.

Online-Ausstellung mit zeitgenössischen Künstler:innen

Bereits die Entscheidung, die Online-Ausstellung gemeinsam mit zeitgenössischen Künstler:innen zu entwickeln, holt das historische Thema ins Hier und Jetzt. Abgerundet wird dieser Ansatz auch in einer Live-Aktion an der Other Music Academy in Weimar selbst: Hier gestaltet Bergelson die Fassade. Schrift wird übergroß. Sie wird zum Kitt zwischen den heutigen Besucher:innen und „jenen, die uns bei der Schaffung jiddischer Wörter und Buchstaben vorausgegangen sind“.

„Als würde Frauenkultur durch und von Männern passieren!“

Wo die Ausstellung nach den oft übersehenen Spuren von Frauen in der Kulturgeschichte sucht, macht der nächste Programmpunkt ihre Stimmen hörbar. Frauen haben eine eigene Stimme und diese klingt, spricht und hat Resonanz. Dem wird durch das Festival Widerhall verliehen, indem acht Musikinterpretinnen vom Yiddish Summer Weimar eingeladen wurden, die Texte von Lyrikerinnen zu vertonen und neu zu denken.

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Damit wird das Konzertformat „Her:kol“ zu mehr als einer reinen Musikerfahrung. Die Lyrikerinnen werden nicht archiviert, nein, sie erhalten weitere Entfaltung und treffen auf Klezmer, Pop und Techno und gelangen in die Gegenwart. Sie sind anschlussfähig. Richtet man den Blick des kulturellen Gedächtnisses auf diese Stimmen, wird ein Gefühl für die (Viel-)Zahl der publizierenden Frauen spürbar.

Die Katastrophe des 20. Jahrhunderts

Während die Ausstellung Strukturen sichtbar macht und „Her:kol“ den Stimmen von Autorinnen nachspürt, erzählt „Togbukh“ (jiddisch: Tagebuch) die Geschichte einer einzelnen Frau. Mit „Togbukh“ zeichnet das eigens komponierte Musiktheaterstück den persönlichen Lebensweg von Rose Shoshana Kahan nach. Sie war auf der Flucht, verlor ihre Kinder und durchlitt die Katastrophe des 20. Jahrhunderts, die Verfolgung und Vernichtung des europäischen Judentums. Durch diesen individualisierenden Kniff erhält jene Vergangenheit ein Gesicht. Wie fühlt es sich an, eine solche Erfahrung gemacht zu haben? Hier ermöglicht der Blick auf das Individuelle im Kleinen die Einfühlung in eine große historische Erzählung.

Wer erzählt die Moderne

Mit „Yiddish Wo:men“ richtet das Festival seinen Blick auf Menschen, die unter Pseudonymen veröffentlichen mussten, die zum Schweigen gebracht wurden oder deren Geschichten aus dem kulturellen Gedächtnis verschwanden. So markiert der Doppelpunkt in „Yiddish Wo:men“ genau jene Zwischenräume, die das Festival sichtbar machen will: zwischen Frauen und Männern, zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, zwischen den Geschichten, die erzählt werden, und denen, die verloren gingen.

Es ist das Thema der Unsichtbarkeit, das alle Programmpunkte verbindet. Ob Produzentinnen, Autorinnen oder individuelle Lebensgeschichten – sie alle wurden über Jahrhunderte unsichtbar gemacht. Das Festival fragt danach, wer sprechen darf, wer gehört wird und wer aus dem kulturellen Gedächtnis verschwindet.

Ganz kontemporär und hypermodern

Und diese lange Geschichte ist es auch, die „ganz kontemporär und hypermodern ist und alle Formen kulturellen Ausdrucks möglich macht“, so Matut zur Wirkung des Yiddish Summer Weimar. Abschließend wünscht sich die Gastkuratorin, dass die Besucher:innen genau diesen Esprit von der energetischen, lebendigen und dynamischen jiddischen Kultur mitnehmen mögen.

Hard Facts:

  • Yiddish Summer Weimar 2026
  • 11. Juli bis 15. August
  • Verschiedene Orte in Eisenach, Weimar und Erfurt
  • Alle Infos gibt es hier

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