Zoe ist Biologin und verwaltet fern der Heimat das Artensterben, das 2041 einen Höhepunkt erreicht hat. Rotkehlchen? Gibt es nicht mehr. Pandemien? Blühen. Und Frauenrechte? Da sieht es in Deutschland düster aus, seit eine rechtskonservative Regierung an der Macht ist. Auch, wenn eine Untergrundorganisation sie bekämpft.
Jasmin Schreiber verbindet Dystopie und Hoffnung
Als Zoes Mutter in Reha muss, kehrt sie nach Hause zurück, um sich um ihre Teenager-Schwester Hanna und ihre Tante Auguste zu kümmern. Auguste ist ebenfalls Biologin und verlässt seit Jahren das Haus nicht mehr. Ihre einzige Begleiterin ist eine Schnecke – keine gewöhnliche, sondern ein Endling. Eines Tages verschwindet Augustes beste Freundin. Die drei Frauen folgen ihren Spuren bis zu einem Wald, in dem nichts so ist, wie es scheint.
Artensterben und Feminismus: „Endling“ als literarischer Weckruf
Endling ist dystopischer Abenteuerroman, berührende Familiengeschichte, verrückter Roadtrip und feministische Utopie zugleich. Der Roman ist vielschichtig und trotz der schweren Themen von überraschender Leichtigkeit. Autorin Jasmin Schreiber liest am 20. November aus ihrem Roman Naturkundemuseum Erfurt. Wir sprachen mit Jasmin vor ihre Lesung über Endling.
Die Handlung des Romans spielt mitten im Artensterben. Eine rechtskonservative Regierung ist an der Macht. Pandemien sind normal geworden. Warum haben Sie dieses dystopische Zukunftsbild entwickelt?
Das Zukunftsbild in meinem Roman ist gar nicht so weit von unserer Gegenwart entfernt. Vieles davon war schon spürbar, als ich den Roman geschrieben habe, und seit seinem Erscheinen hat sich die Lage eher verschärft. Artensterben, autoritäre politische Tendenzen, Pandemien – das sind längst Teile unserer Realität. Ich wollte weniger eine ganz abstruse und weit entfernte Dystopie entwerfen als vielmehr erkunden, was passieren könnte, wenn wir so weitermachen wie bisher.
Was ist für Sie das Verbindende der eben genannten Krisen?
In Endling laufen ökologische und gesellschaftliche Krisen zusammen. Wenn die Welt aus dem Gleichgewicht gerät, suchen Menschen nach Halt und Orientierung. In unsicheren Zeiten entsteht leicht der Wunsch nach einfachen Antworten und starken Autoritäten. Das ist ein Muster, das sich in der Geschichte leider immer wieder zeigt und rechten Kräften in die Hände spielt.
Der Zusammenbruch der Biodiversität bildet dabei nicht nur den Kern, sondern auch auf literarischer Ebene die Metapher für ein allgemeines Kippen der Systeme – ökologisch, politisch und eben auch zwischenmenschlich.

Artensterben. Abtreibungs- und Verhütungsverbote. Repressalien. Die Welt, in der sich die Frauen dieses Romans zurechtfinden müssen, ist eine andere im Jahr 2041. Foto: Verlag
„Endling“ ist für Sie das traurigste Wort der Welt. Was ist mit dem Wort gemeint und warum haben Sie Ihrem Roman diesen Titel gegeben?
Endling bezeichnet das letzte Individuum einer Art, den Punkt, an dem ein ganzer Stammbaum, eine ganze Entwicklungslinie endet. In diesem einen Wort steckt das ganze Gewicht von Entstehen, Existieren und Verschwinden. Es steht nicht nur für das biologische Aussterben, sondern unter anderem auch für den oder die letzte:n Vertreter:in einer kulturellen Gruppe, es schwingt also auch der Verlust von Kultur, Geschichte und Zugehörigkeit mit. Mich berührt, dass ein einzelnes Lebewesen am Ende all dessen steht, was einmal eine Millionen Jahre andauernde Geschichte war, die es dann mit seinem Tod mit sich ins Nichts reißt.
Der Roman ist reich an schweren Themen, dennoch warmherzig und mit viel Humor erzählt. Auch die aktuellen, realen Krisen stellen uns vor enorme Herausforderungen. Was gibt Ihnen gerade Hoffnung?
Ich habe letztens in der ARD die Dokumentation „In höchster Not“ über die Bergrettung in den Alpen gesehen. Da riskieren zehn Leute ihr Leben, um eine einzige Person zu retten, die sie nicht einmal kennen. Ehrenamtlich, freiwillig, niemand zwingt sie dazu. Dass Menschen zu sowas bereit sind, gib mir immer wieder Hoffnung.
Hard Facts:
- Wann: 20. November um 19:30 Uhr
- Wo: im Naturkundemuseum Erfurt
- Aufgrund der begrenzten Platzzahl ist eine Anmeldung hier erforderlich oder unter info@boell-thueringen.de
