Die Weite der Landschaft, das Leben in und mit der Natur, das Bewahren von Traditionen: Diese drei Elemente im Leben der nordamerikanischen Ureinwohner übten auf Detlef Jahn, Beate Jahn und Sabine Hörschelmann schon seit ihrer Kindheit, die sie in den 60er- und 70er-Jahren in Thüringen verlebten, eine große Faszination aus.
Lernen von indigenen Völkern
Ein Initiationserlebnis war für sie die Aufführung des legendären DEFA-Filmklassikers „Die Söhne der großen Bärin“ (1966) mit dem auf Indianerrollen festgelegten Schauspieler Gojko Mitic, über den Detlef Jahn gleich eine Anekdote zu erzählen weiß.
„Mit dem Film und Professor Flimmrich war Gojko damals auch in Bad Tabarz zu Gast und im Anschluss an den offiziellen Teil sollte ein Lagerfeuer fürs Backen von Knüppelbrot entzündet werden. Da er einen Dederon-Anorak trug und ich damals als Brandschutzhelfer der Freiwilligen Feuerwehr vor Ort war, habe ich das sicherheitshalber für ihn übernommen“, berichtet der Feuerwehrmann und leidenschaftliche Fan indianischer Kultur.
„Stammesdenken“ in der späten DDR
In seiner Jenaer Wohnung finden sich viele gerahmte Bilder mit indigenen Motiven, selbst gefertigte Nachbildungen von Rohleder-Taschen, Armbändern und Kopfbedeckungen verschiedener Stämme und nicht zuletzt ein vor Indianer-Romanen und -Fachbüchern überquellender Bücherschrank. 1999 reiste er zum ersten Mal in den Südwesten der USA und besuchte im Bundesstaat Arizona etwa die Siedlung Second Mesa im Hopi-Reservat – wobei sich seine Frau Beate sofort für die kunstvollen Keramiken der Ureinwohner begeisterte.
Von Tipi bis Spielzeug: Indianistik in Jena erleben
Ihr Wissen über die (vor allem) nordamerikanischen Ureinwohner haben sich Sabine Hörschelmann, Detlef und Beate Jahn zu DDR-Zeiten durch einige Romanklassiker wie die „Lederstrumpf“-Reihe, Ernie Hertings „Sitting Bull“ oder die über die „Junge Welt“ beworbene völkerkundliche Zeitschrift „ametas“ angelesen, die sie bald im Abonnement bezogen.
„Über den Verlag in Sebnitz erhielt die Gründerin eines dem Indianistikbund angehörenden Vereins aus Gera unsere Kontakte und sprach uns an, ob wir bei einem neuen Verein in Jena dabei sein würden. So gründete sich 1989 die Interessensgemeinschaft Indianistik Jena, die 1995 zum gemeinnützigen Verein für die Pflege der Indianischen Kultur Jena e.V. umfirmierte.
Indianistik-Verein Jena erklärt Traditionen der Nez Percé
Da zu DDR-Zeiten jede IG einen Schwerpunkt hatte und im wörtlichen Sinne ‚Stammesdenken‘ vorherrschte, spezialisierten wir uns auf das Volk der Nez Percé am Columbia River-Plateau, zu denen wir Wissen um Kultur, Religion und Lebensweise zusammentrugen“, so die heutige Vereinsvorsitzende Sabine Hörschelmann, die hauptberuflich als Forstsachverständige arbeitet.
Von den Stämmen lernen
Heute sind die einstigen Interessengemeinschaften unter dem Dach des Indianistikbunds gut miteinander vernetzt. Ein intensiver Austausch besteht etwa mit dem Arbeitskreis „Indianer heute e. V.“ im sächsischen Reichenbach.
Verein Jena bringt Tipi zum Stadtteilfest
Auch wenn es manchen Menschen zuweilen etwas aufstößt: „Indianer“ ist für die Vereinsmitglieder kein diffamierender, sondern ein historisch gewachsener Begriff. „Es kommt darauf an, wie man den indigenen Völkern begegnet – und wir tun das mit dem notwendigen Respekt“, so Sabine Hörschelmann.
Das beweist der Verein mit seinem Wirken: Bei Veranstaltungen wie dem anstehenden Stadtteilfest in Jena-Nord am Freitag, 5. September werden Interessierte im Tipi über Kleidung, Traditionen und Bräuche informiert und auch Basteleien, Spiele oder Spielzeug nach indianischem Vorbild angeboten: Puppen sind etwa auch bei Kindern von Indigenen sehr beliebt.
Auf Unterdrückung aufmerksam machen
Romantisierungen des Lebens im Einklang mit der Natur verfallen die derzeit zwölf Vereinsmitglieder dabei nicht. Denn sie wissen um die Missstände, denen die stark unterdrückten Natives immer noch ausgesetzt sind – und machen darauf aufmerksam.
Von Bräuchen bis Missständen: Indianistik Jena klärt auf
So wurden in Kanada zwischen 1980 und 2012 über 1.000 indigene Frauen ermordet, auch sogenannte „Residential Schools“, in denen noch bis 1996 Stammeskindern ihre indigene Kultur „aberzogen“ wurde, werden medial immer wieder aufgegriffen.
Indianistik in Jena: Begegnungen beim Stadtteilfest 2025
Wie bei den beiden anderen Gründungsmitgliedern der IG Indianistik Jena ist auch bei Beate Jahn die Faszination und das Interesse an den indigenen Völkern Nordamerikas ungebrochen: „Unter ihnen gibt es eine unglaubliche kulturelle Vielfalt und damit ermutigen sie die Menschen darin, Dinge aus anderen Perspektiven zu sehen. Wir können in Sachen Ökologie oder auch bei nach unseren Maßstäben unkonventionellen Familienstrukturen viel von ihnen lernen – vor allem, was ein tolerantes Zusammenleben angeht.“
Anmerkung – Kulturelle Aneignung:
Kulturelle Aneignung bedeutet, wenn Elemente einer Kultur – meist von Minderheiten oder unterdrückten Gruppen – von Menschen außerhalb dieser Kultur genutzt werden, ohne deren Bedeutung zu respektieren oder den historischen Kontext zu verstehen. Gefährlich wird das, weil Traditionen entwertet, Stereotype verstärkt und Ungleichgewichte reproduziert werden können – etwa wenn „Indianer-Kostüme“ Klischees über indigene Völker festschreiben. Ein gesunder Umgang entsteht, wenn man neugierig bleibt, respektvoll nachfragt, die Herkunft und Bedeutung von Symbolen kennt und echte Stimmen dieser Kulturen sichtbar macht. Statt fremde Identitäten als Kostüm zu nutzen, kann man gemeinsam feiern, lernen und Austausch suchen, wie es der Verein sucht.
Hard Facts:
- Wann: Stadtteilfest in Jena-Nord: 5. September | 15 Uhr
- Wo: Jugendbildungszentrums „Polaris“ in der Camburger Straße
- Infos und Aktuelles bei Instagram: @indianistikvereinjena



