Mein heutiger Cafébesuch beginnt ein bisschen ungewöhnlich: Ich stecke den Schlüssel ins Türschloss, trete ein, lege meine Sachen ab, wasche mir gründlich die Hände und binde mir eine der Schürzen um, die meine Mutter für mich und meine fünf Angestellten genäht hat.
Vom Gast zur Gastgeberin: Ein Blick hinter die Kulissen
Ich bin heute nicht anderswo zu Gast, sondern selbst die Gastgeberin. Seit Juni betreibe ich zusammen mit meinem Mann Flo ein Café in der Erfurter Andreasvorstadt. Statt also meine gewohnte Besucherinnen-Perspektive einzunehmen, nehme ich heute die geneigten Leserinnen und Leser mit auf die andere Seite des Tresens. Die Seite, die vor Ladenöffnung schon ein paar Kilo Tomaten auf dem Wochenmarkt gekauft und vor dem Laden, leicht verärgert, ein bisschen Plastikmüll eingesammelt hat, der vom Wind zielgenau vor der Eingangstür platziert wurde.
Wie kam es dazu, dass ich die Seiten gewechselt habe? Irgendwann im Leben denkt beinah jeder mal „Ich sollte ein eigenes Café eröffnen“. Ob der Gedanke nun darauf fußt, dass man sehr gerne backt und Menschen verwöhnt, eine Leidenschaft für Siebträgermaschinen pflegt oder ob es die Idee davon ist, einen eigenen Ort zu gestalten, von Logo bis Fußmatte, an dem sich Menschen wohlfühlen. Es ist reizvoll, sich das eigene Lokal vorzustellen und im Kopf die Speisekarte zu füllen, Events zu planen und Getränke zu kreieren.
Der entscheidende Impuls: Schlechter Kaffee als Motivation
Ich kann auch nicht bestreiten, dass in meinem Fall ein latenter Ärger über anderswo verzehrten schlechten Kaffee und eine mangelhafte Auswahl an gut erreichbarem Kuchen eine Rolle gespielt haben. Das alles vermischt sich zu einem Cocktail aus Neugierde, Gestaltungswillen und Selbstüberschätzung. Garniert mit jahrelang gesammelten Rezepten und kulinarischen Konzepten aus der ganzen Welt muss man nur noch eine Prise Salz hinzufügen und hat – Schwupps – den Mietvertrag für ein Café unterschrieben.
Vier Monate bis zur Eröffnung: Bürokratie vs. Rezeptideen
Von der Entscheidung bis zur Eröffnung sind in unserem Fall nur vier Monate vergangen. Das ist sportlich und vielleicht ganz gut so. Denn es war so viel zu tun, dass zum Zweifeln kaum Zeit blieb. Es war allerdings weniger das Austesten von Rezepten, das uns in Atem gehalten hat, sondern vielmehr die Bürokratie, Verträge und Regelungen.
Schon mal gehört, dass in Deutschland auf vor Ort verzehrte Kaffeegetränke ein anderer Mehrwertsteuersatz anfällt als auf Getränke, die man mitnimmt? Und dass es einen Unterschied macht, ob das Getränk mehr oder weniger als 75 Prozen Milchanteil hat? Und es wieder anders ist, wenn ein Cappuccino mit Hafermilch statt mit Kuhmilch bestellt wird? Ist schließlich keine Milch. Klar soweit?
Stolz auf jeden verkauften Kaffee: Die Freude am Handgemachten
Der Weg zum Café war oft verwirrend und steinig. Jetzt, wo seit einigen Wochen geöffnet ist, kann ich jedoch auch sagen, dass mich jeder verkaufte Kaffee stolz macht. Egal, ob mit 19 Prozent oder siebe Prozent Mehrwertsteuer. Jedes nette Wort von Kundinnen und Kunden beflügelt mich, bestärkt mich darin, dass es vielleicht übertrieben aufwändig ist, dass wir fast alles im Café selbstmachen, dass es für mich aber der einzig gangbare Weg ist.
Bioprodukte, eigene Rezepte und die Liebe zum Detail
Mag sein, dass es vielen Besuchern egal ist, dass Bioprodukte verwendet werden und die Sauerkirschen für den Streuselkuchen aus meinem Garten kommen. Mir ist es aber nicht egal. Es ist vielmehr der Treibstoff, der mich das alles machen lässt.
Hat dieses Projekt meine Sicht auf die Gastronomie verändert? Auf jeden Fall! Noch viel weniger kann ich jetzt halbgare, lieblose Restaurants oder Cafés verstehen. Denn ich weiß nicht, woher die Betreiber:innen die Kraft für die anstrengende Arbeit nehmen. Noch viel kleiner ist meine Lust geworden, mein Geld bei den großen Ketten zu lassen, die den Markt immer mehr dominieren. Hier freut sich niemand über JEDEN verkauften Kaffee, hier ist es nur Geld, das am Ende in Taschen von Leuten wandert, die schon lange nicht mehr selbst am Morgen ein Lokal auf- und am Abend wieder zugeschlossen haben, jeden Lieferanten persönlich kennen und die Latte Art im Schlaf malen können.
Toleranz für Fehler und Freude am Genuss
Viel größer ist jedoch mein Verständnis geworden, für kleine Fehler, die einfach passieren; für Preise, die einfach steigen müssen und für Wartezeiten, die sich manchmal nicht vermeiden lassen. Viel größer ist auch meine Freude geworden in andere Cafés und Restaurants zu gehen, mich dort umsorgen zu lassen und einfach zu genießen.
Strenger und milder zugleich: Die Bedeutung von dritten Orten
Ich bin also gleichzeitig strenger und milder geworden. Ich sehe jeden Tag, wie wichtig diese dritten Orte sind, an denen gelacht, gelernt, gequatscht und geweint wird. Ich sehe, wie wichtig sie für eine Stadt und für einzelne Menschen sind und bin stolz, so einen Ort geschaffen zu haben. Also liebe Leserinnen und Leser: kommt vorbei, zu uns oder zu all den anderen mit Liebe und Herzblut geführten Lokalen in eurer Nachbarschaft.
Ein ungewöhnlicher Cafébesuch – diesmal hinter dem Tresen
Hinweis der Redaktion: Normalerweise berichtet unsere Kolumnistin Mira Held in „How to Gourmet“ über Restaurantbesuche aus Gästeperspektive. Heute macht sie eine Ausnahme: Sie schreibt über ihr eigenes Café, das sie seit Juni in Erfurt betreibt. Es handelt sich um einen persönlichen Erfahrungsbericht – keine klassische Rezension.
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Hard Facts
- [ka:te:] Café: Veilchenstraße 32, 99092 Erfurt
- Öffnungszeiten: M0 – Fr 8 – 18 Uhr, So 14 – 18 Uhr
- Mehr unter: www.kate-erfurt.de






