Gemütlich Kaffee trinken und Elektrogeräte verstehen: In insgesamt 15 Städten in Thüringen werden regelmäßig Reparier-Cafés angeboten. Auffallend häufig wird ein langlebiger DDR-Export aus Suhl vorbeigebracht.
Thüringen: Wie Reparier-Cafés Nachhaltigkeit leben
Warum wegwerfen und neu kaufen, wenn man die Lebensdauer von Gebrauchsgütern verlängern kann? Diese Frage stellte sich zunächst 2009 eine Journalistin aus den Niederlanden, die daraufhin in ihrer Heimat ein sogenanntes Repair-Café als Anlaufstelle zum Austausch von Laien und Fachkundigen beim Reparieren defekter Gegenstände gründete.
Das Hackspace Jena als Reparier-Cafe
Das nachhaltige und soziale Konzept blieb auch in Jena nicht unbemerkt, so dass sich bald etwa 300 Leute in einer Gruppe in einem sozialen Netzwerk zusammenfanden. Dann fand ein Treffen in den Räumlichkeiten des Hackspace Jena e.V. statt, wo im März 2014 das Reparier-Café Jena gegründet wurde.
Oda Beckmann ist seitdem dabei und erklärt kurz den Ablauf: „Zu den öffentlichen Terminen kommen die Leute mit ihren defekten Gegenständen zu uns. Nach dem Empfang ist meist etwas Warten angesagt, das man sich bei Kaffee und Kuchen verkürzen kann. Gemeinsam mit unseren Ehrenamtlichen, die handwerkliches Geschick mitbringen, wird dann repariert. Da es bei uns drei Bereiche gibt – Textilien, Elektronik und Fahrrad – ist die Bandbreite von einem Loch in der Hose über defekte Radios bis hin zu einer springenden Gangschaltung ziemlich breit.“

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Der soziale Austausch und eine entspannte Atmosphäre stehen beim gemeinsamen Löten, Nähen oder Werkeln im Vordergrund. Die Idee ist, dass kleine (oder große) Macken sich vor Ort in 20 oder 30 Minuten mit etwas Fingerfertigkeit beheben lassen. Es gilt das Vier-Augen-Prinzip – eine Garantie, dass sich ein Schaden beheben lässt, gibt es nicht.
Lieb gewonnene DDR-Markenware
„Heute sind viele Geräte verklebt oder verklippt, da geht beim Öffnen schon viel kaputt. Das ist bei älteren Elektrogeräten anders“, weiß Oda Beckmann. Einen nahezu unverwüstlichen DDR-Exportschlager aus Thüringen sieht sie dabei immer wieder: Das in den 1980er Jahren in Suhl gefertigte Handrühr- und Mixgerät RG28 von AKA electric.
Die Schlitzschrauben sind leicht zu lösen und manchmal hilft es schon, das Mehl herauszuschütteln, damit sie wieder funktionieren. Die Zahnräder aus Hartplastik, die verbaut wurden, sind als Ersatzteile jedoch inzwischen kaum mehr erhältlich – und Nachbauten aus dem 3D-Drucker nicht so langlebig“, weiß die 39-Jährige, die sich neben der Pressearbeit des Reparier-Cafés Jena auch für die Vernetzung zu weiteren Initiativen in Mitteldeutschland kümmert, wobei für Vereinsmitglieder auch Fort- und Weiterbildungen regelmäßig angeboten werden.
Präzisionsarbeit – aber ohne Starkstrom
Der Repariertreff Ilmenau wurde wie das Reparier-Café Jena 2014 gegründet. Von Studierenden ins Leben gerufen, schlossen sich die Beteiligten zur Regionalgruppe Ilmenau des Ingenieure ohne Grenzen e.V. zusammen – und bis heute stammen viele Engagierte aus dem Umfeld der TU Ilmenau, ergänzt von Pensionären. Küchengeräte, Smartphones, Laptops, elektrisch betriebenes Werkzeug (z. B. Bohrmaschine) werden bei Terminen vor Ort repariert. Ausgeschlossen werden Mikrowellen oder Geräte mit Starkstromanschluss (wie Backöfen), Waschmaschinen oder Geschirrspüler.
Reparier-Cafés in Thüringen stärken Gemeinschaft
„Bei uns repariert jeder das, was er oder sie sich zutraut – und häufig ist es auch eine gemeinsame Aktion. Uns ist wichtig, dass wir die Geräte gemeinsam mit den Besitzerinnen und Besitzern reparieren. Getreu unserem Motto ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ wollen wir nicht nur reparieren, sondern auch unser Wissen weitergeben“, erklärt Carsten Gatermann vom Ingenieure ohne Grenzen e. V. den Ansatz.
Vier bis sechs Engagierten jeden Mittwoch
In Südthüringen wurde 2023 eine weitere Initiative ins Leben gerufen. „Die Anregung kam durch das persönliche Interesse an technischen Sachen und dem Antrieb, etwas Sinnhaftes für die Gesellschaft zu tun, statt sich nur um sich selbst zu kümmern“, so Jan Kellner, der aktuell zusammen mit vier bis sechs Engagierten jeden Mittwoch in den Räumlichkeiten des Jugendzentrums Max-Inn (Gewölbekeller, Marienstraße 6) in Meiningen zum Reparaturcafé einlädt
Aktuell suchen wir vermehrt nach jüngeren Mitstreitern, um das Wissen der ‚Alten‘ nicht zu verlieren. Und wenn möglich nach Leuten, die elektrotechnischen Hintergrund haben“, so der Gründer. Zu den Terminen kommen meist Menschen, die bereits in Rente sind und/oder mit wenig Geld auskommen müssen.
Ersatzteile aus dem 3D-Drucker
Aus Weimar stammt mit dem Kabel & Faden – Repair-Café Weimar e.V. die jüngste Initiative. Erst 2024 im Umfeld des Umsonstladens „Schenke“ gegründet, bieten aktuell etwa 20 aktive Ehrenamtliche ihre Unterstützung bei der Reparatur von Haushaltsgeräten, die sich bequem mit zwei Händen tragen lassen, und Textilien an.
Reparier-Cafés Thüringen: Wissen teilen, Technik retten
„Wenn es die Räumlichkeiten erlauben, sollen auch Fahrradreparaturen, 3D-Druck und Workshops rund ums Reparieren angeboten werden. Für all diese Bereiche freuen wir uns über tatkräftige Unterstützung – jede helfende Hand ist willkommen“, so der Vereinsvorsitzende und -mitgründer Stefan Doose. „Für unsere Gäste gibt es bei den Öffnungen immer Getränke und mehrere selbstgebackene Kuchen, damit sie sich bei uns wohlfühlen und eine eventuelle Wartezeit angenehm überbrücken können. Unser Projekt ist spendenfinanziert“, ergänzt er.
