Punk ohne Gitarren, dafür mit Klavier und klarer Haltung: Mit seinem Debütalbum „Besser Anders“ liefert Uli Sailor ein Statement gegen Resignation und Rechtsruck. Am 21. März gastiert er gemeinsam mit den Musiker:innen Lewia und Von.Orten im Erfurter Ilvers. Im Interview spricht er über den Sprung vom Bandmusiker zum Solokünstler, die besondere Energie bei Konzerten in Thüringen und die Frage, ob Musik in polarisierten Zeiten noch Brücken bauen kann.
Dein neues Album „Besser Anders“ steht in den Startlöchern. Nach zwei EPs mit Cover-Versionen sind es nun eigene Songs. Was war der Auslöser für dich, den Fokus vom „Neu-Interpretieren“ auf das „Neu-Erschaffen“ zu legen und was ist an diesem Album, wie der Titel sagt, wirklich anders?
Ich wollte von Anfang an eigene Songs schreiben, aber habe erstmal mit Coversongs angefangen, um schnell Konzerte spielen zu können. Um eine Setlist mit ein paar Hits zu haben. Außerdem wollte ich rausfinden, ob das überhaupt funktioniert – Punk ohne Gitarren, nur mit Klavier, ich ganz alleine auf der Bühne und ob die Leute da mitgehen. Da waren die Coversongs wie ein Türöffner.
Plötzlich standen da Menschen vor mir, die ihre Jugend in neuen Versionen wiedergefunden haben. Das war echt ein Klick-Moment, denn ab da war mir klar, genauso müssen meine eigenen Songs klingen. 2024 habe ich dann nach zwei Cover EPs die ersten fünf eigenen Songs auf meiner EP „Für immer jung“ veröffentlicht. Die eigenen Songs waren dann weniger ein Plan als eine Konsequenz. Am Album ist musikalisch und inhaltlich nichts anders als in den Songs, die ich davor veröffentlicht habe. Es geht mir damit um ein ganzheitliches Statement zur allgemeinen Lage. Dass es „Besser Anders“ gehen muss, und dass Faschismus keine Alternative ist!
Am 21. März gastierst du im Ilvers in Erfurt. Thüringen ist politisch gerade ein viel diskutiertes Pflaster. Du lebst in Berlin, oft als „Großstadt-Bubble“ verschrien – wie nimmst du die Stimmung bei Konzerten im Osten wahr? Ist die Energie dort eine andere, vielleicht sogar dringlicher?
Ich erlebe die Leute Thüringen bewusster. Nicht unbedingt politischer, aber unmittelbarer, wacher und aufmerksamer. Vielleicht weil vieles nicht so selbstverständlich ist. Diese „Großstadt-Bubble“ existiert natürlich. In Berlin kann man sich in sehr viele Parallel-Realitäten zurückziehen. In kleineren Städten teilt man sich den Raum mehr – auch mit Menschen, die man nicht ausgesucht hat.

Uli Sailor kommt mit seinem Punkrockpiano nach Erfurt. Foto: Markus Nass
Und genau das merkt man bei Konzerten. Da steht nicht nur die Szene vor dir, sondern ein Querschnitt. Da knirschts dann vielleicht manchmal, aber irgendwie fühlt es sich auch ehrlicher an. Ich glaube, es ist total wichtig, dass man sich im echten Leben begegnet und sich austauscht. Ich empfinde das als sehr bereichernd, freue mich auch sehr über jegliches Feedback zu meinen Konzerten.
Wir spielen mal ein Gedankenexperiment: Im Sommer findet der Bundesparteitag der AfD in Erfurt statt und du hast auf der Gegendemo eine riesige Bühne und fünf Minuten Zeit am Mikrofon. Was würdest du den Menschen dort mit auf den Weg geben?
Ich würde vermutlich gar nicht viel erklären wollen. Die meisten dort wissen ja, warum sie da sind.
Ich würde eher daran erinnern, dass man nicht nur gegen etwas zusammenkommt, sondern auch füreinander. Dass Solidarität kein Instagram-Wort ist, sondern Arbeit. Und dass die Lautesten immer so wirken, als wären sie viele – es aber meistens nicht sind. Und dann würde ich wahrscheinlich ein Lied spielen. Argumente vergisst man, Momente eher nicht.
In einer Zeit, in der sich gesellschaftliche Fronten immer weiter verhärten: Kann Musik heute noch eine Brücke bauen, oder ist ihre Aufgabe aktuell eher das „klare-Kante-zeigen“ und Zusammenführen der „Gleichgesinnten“?
Beides, aber wahrscheinlich eher schwierig im selben Song.
Musik überzeugt selten den politischen Gegner, aber sie verhindert, dass Menschen sich allein fühlen. Und das ist oft die Voraussetzung dafür, überhaupt offen zu bleiben. „Klare Kante“ braucht man nach außen. Brücken braucht man nach innen.
Konzerte sind eher letzteres – ein Raum, in dem Leute merken, dass sie nicht spinnen. Ich finde, wir haben viel zu lange allein zuhause im Internet rumgehangen und es ist wichtig, die Leute von der Couch runterzuholen, damit sie sich wieder mehr im echten Leben begegnen.
Im Ilvers hast du mit Lewia und Von.Orten zwei Acts dabei, mit denen dich bereits eine längere Geschichte verbindet. Mit Lewia standest du schon mehrfach gemeinsam auf der Bühne – wie wichtig ist dir diese musikalische Wahlverwandtschaft und was schätzt du an der musikalischen Mischung an diesem Abend besonders?
Ich hab‘ ein paar Mal mit Lewia zusammengespielt und bin total begeistert von ihrer Musik und ihrer Art. Sie ist überzeugte Antifaschistin, hat superwitzige Texte und dazu kommt sie aus Erfurt. Es ist wirklich eine Ehre, dass sie an dem Abend mitspielt und Von.Orten bringt nochmal eine andere Farbe rein, da er mehr aus dem Rock, Emo, Metal-Bereich kommt, aber trotzdem mit der Akustikgitarre auf der Bühne steht und ein total ausgeschecktes Visual-Konzept am Start hat. Das wird insgesamt ein sehr inspirierender, cooler Konzertabend wird, an dem es für die Besucher viel zu entdecken gibt. Ich gehe selbst am liebsten nach Hause und habe das Gefühl, ich habe mehr gesehen als nur meinen eigenen Kosmos.
Du hast eine lange Historie in Bands wie den D-Sailors oder der Terrorgruppe hinter dir. Was vermisst du am meisten am klassischen Band-Gefühl und was genießt du an der Freiheit als Solo-Künstler?
Band ist Familie auf Zeit. Du teilst alles – Euphorie, schlechte Laune, Autobahnraststätten um vier Uhr morgens. Das fehlt manchmal. Dagegen steht aber die große Freiheit, dass ich mich nicht mit 4 oder 5 anderen Bandmitgliedern absprechen muss. In meinem Alter haben natürlich alle ‘nen Job, Familie und 1000 Termine, da findet man nur selten Zeit zum Musikmachen, es sei denn man lebt davon. Ich kann einfach meine Sachen packen und losfahren, wenn ein Termin in meinen Kalender passt. Und über die lange Zeit kenne ich natürlich auch in jeder Stadt Leute, die dann zu meinen Konzerten kommen, bzw. ich lerne einfach auch viele neue tolle Menschen kennen!

Uli Sailor kommt mit seinem Punkrockpiano nach Erfurt. Foto: Andreas Hornoff
Du bist in letzter Zeit oft in Thüringen unterwegs – ob im Rosenkeller Jena, mit der „Vita Revival Tour“ im Ilvers oder zuletzt als Support für Herrenmagazin. Was verbindest du mittlerweile mit dem Thüringer Publikum? Gibt es einen Ort oder einen Moment hier, der dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Das waren alles super Abende und das beste finde ich, dass so viele wiederkommen. Das ist echt toll, wenn das langsam zusammenwächst und man die Menschen kennenlernt, die sich in Thüringen für handgemachte Musik mit Haltung interessieren. Das bedeutet mir am allermeisten!
Hard Facts:
- Wo: Ilvers Musikbar, Erfurt
- Wann: 21. März 2026
- Weitere Informationen gibt es hier
