Martin Kohlstedt ist ein Ausnahmemusiker. Der gebürtige Thüringer erschafft bei seinen Konzerten intime Erlebnisse aus Klang und Spontanität. Als Komponist, Pianist und Produzent schafft er einen außergewöhnlichen Spagat zwischen Hoch- und Clubkultur und kann beide Sphären in einem Raum vereinen. Er füllt große deutsche Konzerthäuser wie die Elbphilharmonie und ist auch in der internationalen Musikszene nicht wegzudenken. Derzeit ist der Weimarer auf Europatournee. Wir sprachen mit Kohlstedt über seinen Sound, Improvisation und einzigartige Live-Momente.
Herr Kohlstedt, Ihre Musik ist sehr besonders. Versuchen Sie bitte ihren Sound und die Art wie Sie ihn erzeugen, zu beschreiben.
Martin Kohlstedt: Der Ursprung meiner Musik liegt im Klavier. So begann Alles und damit meine Musik ständige Veränderung erfährt, habe ich immer mehr Instrumente, vor allem Elektronische, dazu genommen – um der Improvisation stetig neue Gesprächspartner zu verleihen. Manche ordnen das in die Neoklassik ein, andere nennen es elektronische Musik oder Contemporary. Ich selbst sage einfach: Es ist Improvisation – an allen möglichen Tasteninstrumenten.
Wunderbar. Sie haben das Genre schon ein bisschen beschrieben, aber wie würden Sie es selbst nennen? Wo sehen Sie sich musikalisch am ehesten?
Improvisation. Der Begriff wird oft automatisch mit Jazz verbunden, aber das greift zu kurz. Auch in der Klassik oder in der Musik vergangener Jahrhunderte war Improvisation immer ein wichtiger Bestandteil. Ich würde also sagen: improvisierte, elektronische und akustische Instrumentalmusik. „Neoklassik“ klingt mir da zu hoch gestochen – ich probiere einfach viel aus. Nicht alles muss gleich als Genie erkennbar sein, manches darf einfach passieren. Es darf alles eine Rolle spielen – vom Kitsch bis zu den tiefsten, echtesten Gefühlen. Ich lade mir das Regal voll, gehe auf die Bühne und lasse die Dinge miteinander reagieren.
Welche Instrumente sind im Laufe Ihrer Karriere dazugekommen?
Ich habe mit Anfang zwanzig gemerkt – das ist jetzt über zehn Jahre her –, dass sich meine Klavierstücke so ein bisschen festgeformt hatten. Mir fehlte der Diskurs, beziehungsweise der Gesprächspartner. Da kam mein erster Synthesizer ins Spiel, ein MS2000 von Korg, dieser war wirklich anders vom Sound. Auf einmal konnte ich laut werden, experimentieren, das Intuitive ausleben. Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Instrumente dazu – etwa ein Fender Rhodes aus den späten 60ern, das ist ein Klavier, welches man elektronisch verändern kann.
Oder ein Prophet 10, ein weiterer Synthesizer. Ich habe eine Osmose, also sehr intuitive Tastaturen, auf dem die Tasten auch nach links, rechts oder tiefer bewegen kann als die anderen. Ich suchte vorwiegend Instrumente, die möglichst intuitiv und aus dem Gefühl heraus zu bedienen sind – und so habe ich mir quasi auf der Bühne ein Nest gebaut aus vier Synthesizern, zwei Klavieren, sehr vielen Effektgeräten und Drum-Computern.
Für jemanden, der nicht so tief in der Materie steckt, ist das schwer nachzuvollziehen. Kann man das mit klassischen Instrumenten vergleichen – also klingt da etwas wie ein Schlagzeug oder eine Flöte?
Nur bedingt. Die elektronische Klangsynthese gibt es beispielsweise schon lange. Leute wie Jean-Michel Jarre waren da Pioniere und fingen an tonische Sounds oder eben auch Musik aus dem Strom heraus zu produzieren. Und das schaffen die vier Synthesizer auf der Bühne.
Sex-positive Clubkultur im Central Erfurt: Tabulos bietet knisternde Erotik und Technobeats
Die beiden klavierartigen Instrumente und das eine, welches vom Aussehen einer Herdplatte ähnelt, bieten sich an, um darauf Schlagwerk zu spielen und an Knöpfen und Tasten zu drehen und zu drücken. Dabei entsteht etwas Organisches wie zum Beispiel aus Holz und Metall vom Klavier, aber auch etwas rein wellenartig und digital Erzeugtes und so kommen alle Argumente zusammen.
In klassischen Thüringer Orchestern gibt es vor allem Virtuosen an einzelnen Instrumenten, aber ein Synthesizer spielt keine wirkliche Rolle dabei. Was sagen Sie dazu und warum wird sowas nicht als Instrument in einem Sinfonieorchester etabliert?
Interessanterweise gibt es schon einige Projekte, die das wagen. Das Verrückte ist, wie die Instrumente zusammenkommen. Sehr viele Kolleg:innen von mir gehen in diese Art der Klangerzeugung, auch zusammen mit Orchestern. Vor allem in der Filmmusik. Bei Soundtracks wie beispielsweise von Hans Zimmer gibt es eine Symbiose von Synthesizern und altehrwürdigen Streichern. Da kommen orchestrale Elemente mit elektronischen zusammen. Das sind meist die Pioniere.
Es gibt mittlerweile einige auf der Bühne, die genau das erkennen und großes Potential mit sich bringen. Auch ich arbeite gerne mit klassischen Instrumenten und Musiker:innen zusammen. Ich habe zum Beispiel kürzlich ein Video gepostet, in dem ich mit einer Viola improvisiere. Diese Verbindung – Elektronik und Klassik – das ist das Spannende. Aber lange war das Korsett der Klassik dafür zu eng.
Kommen wir zu Ihren Liveauftritten. Sie waren kürzlich Headliner beim Kunstfest Weimar – Ihrer Heimat – und haben auf der Seebühne gespielt. Eine ganz besondere Bühne. Wie war das für Sie?
Zuhause zu spielen, ist immer besonders – das kennt wohl jede Künstlerin und jeder Künstler. In Weimar kannte ich den Ort natürlich gut, ich wusste genau, wie der Hallenpark aussieht. Ich musste also nicht dort hinreisen, sondern mir nur vorstellen, wie ich diesen Ort mit Musik fülle. Ich wollte das als große Familienangelegenheit aufgreifen – also holte ich mir drei Schlagwerkende dazu, die sich um mein Tastatur-Nest gesellten. Wir haben gemeinsam improvisiert – von ganz leise bis richtig laut. Ich hatte sogar ein kleines Klavier auf dem Steg stehen, als ganz leise Variante.

Foto: Patrick Richter
Es war ein wunderschöner Abend. Das Wetter hat gehalten, rund 2500 Menschen waren da. Ich war mir vorher nicht sicher, ob diese feine Musik über 50 Meter Wasserfläche überhaupt beim Publikum ankommt – aber offenbar hat es funktioniert. Ich hörte unglaublich viel Schönes und bin froh, dass ich das in Weimar machen durfte – fast selbst organisiert, mit eigener Handschrift und Entscheidungsfreiheit.
Es ist faszinierend, wie Sie bei Ihren irgendwann völlig in der Musik verschwinden. Man merkt, Sie sind total vertieft – und trotzdem spürbar präsent. Wie nehmen Sie in solchen Momenten Ihr Publikum wahr?
Der Idealfall ist, gar nicht viel mitzubekommen – jedenfalls nicht bewusst. Ich tauche völlig ab, fast ins Unterbewusstsein. Das Gesicht entspannt sich, manchmal tropft sogar ein bisschen Spucke – es ist ein körperlicher Zustand, fast meditativ, aber ohne Esoterik. Je leerer der Kopf, desto direkter wird alles in Musik übersetzt.
Ich spüre das Publikum vor allem durch die Stille – durch den Fokus, den Respekt, diesen Moment, in dem 5000 Augen auf dich gerichtet sind. Dann bekomme ich so eine Kraft, eine Art Verstärkung im Rücken. Das ist Vertrauen.
Wintertravestie in Erfurt: Chantal spricht über ihr „Life of a Showgirl“
Sie haben vorhin erzählt, dass Sie in Weimar zu viert improvisiert haben – also Du mit drei Schlagzeuger:innen. Wie funktioniert das? Improvisation klingt ein wenig nach Chaos und bei der Vorstellung von einem Konzert hat man eher Notenzettel und Struktur vor Augen. Wie hält man das zusammen, ohne dass es auseinanderfällt, und was gibt Ihnen da Sicherheit?
Das ist tatsächlich eine Kunst für sich. Ich probierte das schon einmal in Leipzig mit dem Gewandhauschor aus – 70 Stimmen! Da haben wir Strukturen entwickelt, die abrufbar sind, aber nicht abgerufen werden müssen. Also kleine Inseln der Orientierung, um die man herum frei improvisieren kann.
Mit Schlagwerkenden ist es noch direkter: Die komplette Harmonie bleibt auf meiner Seite, die Energie kommt von ihnen. Sie sehen an meiner Körperhaltung, ob ich bei 110 Prozent bin oder eher auf 35 Prozent fahre – und reagieren darauf, indem sie es mitbegleiten und untermalen. Wir spielen uns ständig Pässe zu. Es ist wie eine Jam-Session auf großer Bühne – aber mit Vertrauen und Intuition statt Dirigat.
Und ja, ich bringe es manchmal absichtlich an den Rand des Zusammenbruchs. Ich liebe diesen Moment, an dem man nicht mehr weiß, wie es weitergeht. Da entsteht neue Musik.
Wie sieht so ein Moment aus?
Da gibt es verschiedene Methoden. Eine ist: Ich nehme ein Stück, das ich schon lange spiele, da mir das Geborgenheit schenkt und beginne dann, kleine Dinge zu verändern – das ist klassische Variation, eine sanfte Form der Improvisation.
Irgendwann reichte mir das nicht mehr. Dann habe ich zwei völlig verschiedene Stücke genommen, aus unterschiedlichen Tonarten, und sie im Moment zusammengeschweißt – ohne vorher zu wissen, wie. Das Gehirn ist dann so beschäftigt, dass es gar nicht planen kann – und genau da passiert Magie.
Und dann gibt’s noch die „Kalte-Wasser-Methode“: Ich fange einfach an, ohne Plan. Alle müssen sofort reagieren. Das ist riskant, aber oft entstehen daraus die größten Momente. Nach dieser Energie bin ich ein bisschen süchtig geworden.
Sie haben vor Kurzem ein Live-Album veröffentlicht. Dazu schrieben Sie, dass Sie lange Zeit dachten, das sei gar nicht möglich. Warum war das so schwierig – und was jetzt anders?
Ich habe gemerkt, dass Studio und Bühne für mich zwei völlig verschiedene Welten sind. Im Studio sammle ich Argumente, live diskutiere ich mit ihnen. Da entsteht eine neue Ebene. Ich hatte rund 400 Stücke zur Auswahl – und musste elf auswählen. Das war brutal. Ich habe gelitten, weil ich mir ständig selbst zuhören musste.

Martin Kohlstedt beim Konzert im Kontor in Erfurt | Foto: Frank Karmeyer
Aber ich merkte: Das ist eine Momentaufnahme. Musik ist Verhandlung, Veränderung. In fünf oder sieben Jahren wird es ein neues Live-Album geben – das wird dann wieder ganz anders klingen. Schon die jetzige Tour wird wieder neue Wege gehen.
Ich habe bewusst Aufnahmen aus verschiedenen Städten, Ländern, Mentalitäten gewählt – um zu zeigen, dass die Umgebung, das Publikum, einfach alles die Musik beeinflusst. Und ja, manchmal taucht plötzlich ein altes Pianostück wieder auf – und alles verändert sich.
Sie gehen auf Europatour. Kommen die Spielorte zu Ihnen – oder Sie den Spielorten?
Ein bisschen beides. Viele laden mich ein, aber wir planen die Tour so, dass sie ökologisch sinnvoll ist. Diesmal geht es über Kopenhagen, Göteborg, Stockholm, Oslo – dann mit der Fähre nach Tallinn, weiter nach Riga und über Polen zurück. Eine richtige Runde also. Es ist immer ein Balanceakt zwischen Logistik, Energie und Sinnhaftigkeit – aber so funktioniert es.
Und Sie spielen auch oft an ungewöhnlichen Orten – Kirchen, besondere Räume …
Ja, genau. Deshalb habe ich auch mein eigenes Label gegründet. So können wir Projekte kollektiv umsetzen – unabhängig und frei von Hierarchien. Wir suchen Orte, die mit der Musik resonieren. Menschen, die dafür offen sind. Ich habe schon im Iran, in Israel, in Russland gespielt – früher gehörte das alles zu den Touren. Heute, mit Brexit und all den Veränderungen, ist das schwieriger geworden. Umso wichtiger ist es, trotzdem zu reisen, Menschen zu verbinden – auch über kulturelle und finanzielle Unterschiede hinweg.
Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie auf Tour sind?
Das Schönste ist, dass ich aus der planenden, organisierenden und entscheidenden Haltung rauskomme und einfach nur Musik mache. Die Zeit läuft anders, die Tage fließen anders und alle um mich herum sind im Arbeitsmodus – und ich schwebe dazwischen. Das ist ein Zustand, in dem ich alles, was sich über Monate aufgestaut hat, endlich loslassen kann. Ich werde ruhiger, geerdeter und freue mich dann im Dezember auf ein ganz entspanntes Weihnachten.
Also fallen Sie in kein Loch nach der Tour, wie man es oft von Musiker:innen hört?
Nein, eher das Gegenteil. Ich falle eher in ein Loch, wenn ich nicht spiele. Dann fehlt mir diese Gesprächsebene mit der Welt. Ich werde unruhig – da muss der Damm irgendwann wieder brechen.
Letzte Frage: Auf Ihrer Tour sind keine Termin in Thüringen angesetzt – gibt es Sie bald wieder im Freistaat zu erleben?
Ja, tatsächlich. Für nächsten Sommer gibt es eine spannende Option. Da kommt was Gutes auf uns zu.
Hard Facts:
- 21. November – Magdeburg – Altes Theater
27. November – Ludwigsburg – Scala - Alle Tour-Termine findet ihr hier
- Weitere Informationen zu Martin Kohlstedt findet ihr hier
