Unsere Autorin Lisa Hilpert schreibt in ihrem Blog „Freiraum Ost“ in regelmäßigen Abständen über die vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Facetten von Clubkultur in Thüringen und Mitteldeutschland. Dieses Mal begegnete sie Christian und Alexander – zwei, die in den 90ern auf Thüringens Technopartys groß geworden sind. Heute wollen sie mit dem Verein FETT e.V. (Freunde elektronischer Tanzmusik Thüringen) den Vibe von damals zurück ins Jetzt bringen – zwischen Familiennachmittagen, Nebelmaschinen und viel Idealismus.
In Kranichfeld lebt der Sound der 90er neu auf
Für Christian begann alles 1995 im Lokschuppen Arnstadt. Bei Alexander war es zwei Jahre später, in der Kofferfabrik Geraberg. Improvisiert, roh, laut – diese Orte waren für viele der erste Berührungspunkt mit einer neuen Welt. „Mindblowing war das“, sagen sie. Nach der Wende entstand für viele junge Menschen im Osten ein Vakuum – zwischen Aufbruch und Orientierungslosigkeit.
Bass, Familie, Haltung: Das FETTival in Thüringen
Subkulturen wie elektronische Musik füllten diesen Raum: auf Partys, im Alltag, in Kleidung und Haltung. Es war ein Lebensgefühl. „Du konntest einfach du selbst sein“, sagt Christian. „Keiner fragte, woher du kommst. Nur, wie du tanzt.“
Ein Verein gegen das Verschwinden
2018 gründeten Alexander und einige Mitstreiterinnen den FETT e.V. in Stadtilm. Nicht aus Nostalgie, sondern weil sie feststellten: Die Orte, die Musik, die Szene – all das war verschwunden. Sie organisierten zunächst kleine Privatveranstaltungen, dann professioneller – mit Verein, Satzung und Organisation. Doch dann kam Corona, und der Saal in Stadtilm musste schließen. Sie wichen auf den Sportplatz aus. Die erste Outdoor-Ausgabe des „FETTivals“ wurde ein Erfolg: bis zu 1.000 Besucherinnen in einem Ort mit 5.000 Einwohner:innen.
FETT e. V. zeigt, wie DIY-Festivals funktionieren
Alles wird ehrenamtlich organisiert – neben Beruf, Familie und Alltag. „Man muss das wirklich wollen“, sagt Alexander. „Aber wir wussten, warum wir’s machen.“ Christian ergänzt: „Es war ein Statement: Wir sind noch da und wollen was bewegen!“
Die FETTivals sind keine klassischen Raves. Sie beginnen nachmittags mit Hüpfburg, Ponyreiten, Kinderdisco und Zuckerwatte. Ab 19 Uhr kommt der Bass. „Wir wollen keine künstliche Trennung zwischen Familienleben und Musik“, erklären sie. Das Konzept vereint Generationen und baut Vorurteile ab – gegen elektronische Musik, gegen Clubkultur. Es gibt echte Nachwuchsförderung: etwa für den elfjährigen DJ Jammatrix, der heute bei FETTivals auftritt.
DIY statt Superstars
Große Namen gibt es nicht – stattdessen lokale DJs, Thüringer Newcomer und „kleine Helden von früher“. Es geht nicht um Kommerz, sondern um Vertrauen, Gemeinschaft und musikalisches Ausprobieren. „Wir wollen keine Stars – wir wollen volle Herzen“, sagt Christian. Alexander ergänzt: „Die Leute feiern, weil sie sich zugehörig fühlen.“
Generationen feiern gemeinsam in Kranichfeld
Veranstaltungen heute bedeuten mehr als nur Musik: Anträge, Sicherheitskonzepte, Brandschutz, Altersfreigaben. „Früher stellte man einfach einen Generator auf die Wiese“, sagen sie. Und doch: Es tut sich etwas in Thüringen – vor allem draußen auf dem Land, in Hohenfelden, Arnstadt, Kranichfeld. Eine neue Szene wächst – leise, aber beständig.
Die Szene lebt – anders als damals
Was früher Subkultur war, ist heute teils Mainstream. Der Kern ist geblieben, nur die Form hat sich gewandelt. Statt Waldlichtungen und Autobatterien gibt es heute Bühnen mit Deko, Sicherheitskonzepten und kuratierten Line-ups. Der Aufwand ist größer – das Gefühl bleibt.
FETTival in Thüringen setzt auf Zusammenhalt
Solche Räume sind heute vielleicht wichtiger denn je: Orte, die verbinden, statt zu spalten. Das FETTival schafft solche Orte – getragen von Musik und Gemeinschaft. Am 16. August 2025 findet das nächste FETTival in Kranichfeld statt – unterstützt von lokalen Vereinen, der Kommune und dem Team von FETT e.V. In Stadtilm gibt es inzwischen sogar Aussicht auf einen festen Raum – offen für alle, die tanzen, zuhören oder einfach dazugehören wollen.
„Wir sind nicht mehr 17“, sagt Alexander. „Aber der Bass in uns ist geblieben.“
Hard Facts:
- Wann: 16.08.2025, ab 17 Uhr
- Wo: Sportplatz Kranichfeld
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