Text: Nadja Schütze und Florian Dobenecker
„In ein paar Monaten ist diese Halle, diese Messe der Ort des Bundesparteitages der AfD“, skandiert Felix Kummer, der Band Kraftklub beim Konzert der Band in Erfurt am Abend des 15. März. Und die Menge buht kollektiv. „Und es ist wie so oft, dass dieser Parteitag trotzdem stattfinden wird und man sich dann fragt, ob es überhaupt was gebracht hat zu demonstrieren. Überhaupt auf die Straße zu gehen“, intoniert Kummer weiter in sein Micro.
„Das Einzige, was wirklich einen echten Unterschied macht, ist ‘ne stabile Antifa!“
Natürlich bleibt der Sänger die Antwort auf seine Frage nicht schuldig: „Ich bin der Meinung, es bringt auf jeden Fall etwas. Es bringt immer was! Es bringt die Sicherheit nicht allein zu sein, an dem Ort, an dem man widerspricht! Und wo man sagt: Fickt euch!“ Kollektiver Jubeltaumel im Publikum folgt. „Das Einzige, was wirklich einen echten Unterschied macht, ist ‘ne stabile Antifa!“, beschließt er die Rede.
Kraftklub setzt dem Antifaschismus musikalisch ein Denkmal
Der Applaus der Krakftklub-Fans bringt die Messe infolge zum Beben. Und in Zeiten von Ausgrenzung und menschenfeindlichen Parolen sollte hier einmal festgehalten werden, dass ein „stabiler Antifaschismus“ – um es mit den Worten von Kummer zu sagen – nach 1945 der Grundkonsens war, auf dem die Bundesrepublik Deutschland aufgebaut wurde. Unser Grundgesetz („Die Würde des Menschen ist unantastbar“) ist im Kern eine antifaschistische Antwort auf die Gräuel der NS-Zeit.
Vieles, was wir heute als normal ansehen, ist antifaschistische Arbeit, ohne dass es das Label „Antifa“ vor sich herträgt: Historiker, die über die NS-Zeit aufklären, Bürgerinitiativen, die Stolpersteine verlegen, Lehrer, die mit Schülern KZ-Gedenkstätten besuchen oder Omas gegen Rechts, die friedlich mit Strickzeug demonstrieren.
Konfetti, Haltung und Empowerment
Doch weg von diesem Exkurs, zurück zum ausverkauften Konzert in Erfurt, bei dem um die 10.000 Menschen friedlich und gegenseitig empowernd mit Musik den alltäglichen Antifaschismus genauso zelebrierten, wie die Hits der Chemnitzer Band. Schon beim ersten Song des Konzertes im Rahmen ihrer Tour namens „Sterben in Karl-Marx-Stadt“ – so auch der Name ihres neuesten Studioalbums – wurde klar, dass das kein ruhiger Abend wird. Direkt beim Intro „Marlboro Mann“ ballerte die Band den Fans Konfetti entgegen. Riesige Windräder wirbeln die bunten Schnipsel durch die ganze Halle und direkt in die euphorischen Gesichter der Fans. In den ersten Reihen waren die Getränke infolge wohl mehr Papier als Getränk gefüllt gewesen.
Special Guests und Cover-Songs
Die Stimmung war von Beginn an euphorisch und spätestens bei Songs wie „Ich will nicht nach Berlin“, „Fahr mit mir (4×4)“ (eine Kooperation mit Tokio Hotel) oder „Kippenautomat“ sang die komplette Halle mit. Die Temperatur stieg sprungartig. Schweiß floss in Strömen. Moshpits wirbelten das Publikum Durcheinander wie im Schleudergang. Kraftklub kleckerten nicht, sie glotzten: Bei „So schön“ stand überraschend die Band Blond als Special Guest mit auf der Bühne. Außerdem präsentierten sie passend zum Antifa-Thema den Song „Du trägst keine Liebe in Dir“ der Band Echt gemeinsam dem Vor-Act Yung Pepp vor.
Ein besonderes Highlight des Abends war der Wechsel auf eine kleine B-Stage mitten im Publikum. Dort spielten Kraftklub unter anderem „Zeit aus dem Fenster“, „Kein Liebeslied“ und „Schief in jedem Chor“, umringt von Fans. Weitere Kraftklub-Klassiker auf großer Bühne folgten. „Chemie Chemie Ya“, „Schüsse in die Luft“ und „Randale“ beendeten vermeintlich den Abend. In der darauf energisch vom Publikum gewünschten Zugabe kulminierte die ekstatische Stimmung in Songs wie „Wenn ich tot bin, fang ich wieder an“ und „Songs für Liam“.
Schweißnass, aber glücklich
Nach rund zwei Stunden Springen, Mitsingen und reichlich Moshpits ging der Abend zu Ende. Die Fans verließen die Halle zwar schweißnass, aber sichtbar glücklich. Und das lag nicht zuletzt am empowernden Umgang von Kraftklub mit Themen, die viele Menschen in Erfurt umtreibt. Das Konzert und die Botschaften zeigen: Kunst ist der Resonanzboden einer Demokratie. Sie kann Menschen mobilisieren, sensibilisieren, bestärken und den moralischen Rahmen einer Gesellschaft festigen – den politischen „Alltagskampf“ und die Verteidigung der Menschenwürde kann sie den Fans und Bürger:innen jedoch nicht abnehmen.
Hard Facts:
- Aktion: Wir protestieren gegen den AfD-Bundesparteitag! | Erfurt | 4. Juli 2026
- Weitere Informationen gibt es hier!














































































