Text: Lisa Hilpert und Florian Dobenecker
Es ist Donnerstagmittag in Erfurt. 11 Uhr. In der Kleinen Rampe, einem Sub-Kulturort am Zughafen stehen Stühle im Halbkreis aufgereiht. Dazwischen. Daneben. Und im ganzen Raum verteilt stehen unzählige Menschen. Musiker:innen. Kulturbeflissene. Vereinssprecher:innen. Der MDR ist mit einem Kamerateam vor Ort. Die Presse steht Spalier.
Thüringens Musikszene baut an ihrer Zukunft
Thüringens Musikszene baut an ihrer ZukunftEs ist ein Tag wie jeder andere. Eine Pressekonferenz, wie sie oft stattfindet. Und doch markiert dieser Moment den Auftakt von etwas Besonderem: Die Thüringer Pop- und Subkultur bringt sich in Stellung. Mit dem offiziellen Startschuss für ein neues Netzwerk beginnt eine Initiative, die sich ein klares Ziel gesetzt hat – Kultur abseits der etablierten Hochkultur eine Lobby zu verschaffen.
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Es geht darum, jene Kultur zu stärken, wie sie viele junge Menschen leben, konsumieren und gestalten. Ihr soll ein Zuhause gegeben werden. Und es geht darum, den Fokus auf einen Verein zu lenken, den es zwar bereits seit 2017 gibt, der aber nun – mit Rückenwind aus Erfurt, Weimar, Gera und Jena – zur zentralen Interessenvertretung für Pop- und Nachtkultur in Thüringen ausgebaut wird: die LAG Songkultur.
Musik, Räume, Förderung: Popkultur in Thüringen
Der in Weimar ansässige Verein, hat sich zum Ziel gesetzt, Thüringen zu einem lebendigen und starken Musikstandort im Bereich der Popularmusik zu machen. Sie fungiert als Inter-essenvertretung in Kulturpolitik und Gesellschaft und setzt sich für Sichtbarkeit, Förderung und Beratung ein.
Zwischen Club und Kulturamt: Debatten in Erfurt
Es geht dabei, wie die Überschrift der Presseveranstaltung sagt, um nicht mehr und nicht weniger als die „Zukunft der urbanen Popmusikkultur und Nachtökonomie“ in Thüringen. Also um die Musiker:innen, DJs und Künstler:innen sowie die Clubs und kleinen Spielorte, die Erstgenannten als Petrischale dienen und deshalb Hand in Hand gefördert werden müssen, um eine stabile Szene zu ermöglichen.
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Kollektiver Puls: Eine Szene zwischen Idealismus und Realität
Denn die urbane Popmusikkultur und insbesondere die Nachtkultur in Thüringen stehen vor großen Herausforderungen. Während Kultur für viele Menschen im Freistaat einen wesentlichen Teil ihrer Lebensqualität ausmacht, sind die finanziellen Rahmenbedingungen für Veranstaltende, Kulturschaffende und Konsumierenden zunehmend schwierig.
Förderlücken, Bürokratie und die Frage nach Raum
Gleichzeitig sieht sich die Kulturszene auch mit strukturellen Problemen konfrontiert. Junge Talente und Nachwuchsförderung sind wesentliche Bestandteile einer lebendigen Kulturszene. Doch es fehlen oft die nötigen Förderprogramme und Plattformen, um junge Künstlerinnen und Künstler zu unterstützen.
Auch die Musikwirtschaft leidet unter diesen Rahmenbedingungen. Die ökonomischen Herausforderungen für diese Branche nehmen zu und die Kulturschaffenden stehen unter Druck, ihre Angebote wirtschaftlich tragfähig zu machen, während gleichzeitig die Nachfrage durch gestiegene Kosten bei den Konsumenten abnimmt. Unabhängig davon ist der bürokratische Aufwand in Absprachen mit Verwaltung oder bei der Beantragung von Fördergeldern oft immens, sodass hier Zeit und Geld verloren geht.
Lobby für Subkultur: LAG Songkultur legt los
Die Fakten zeigen: Es braucht eine starke Sub- und Popkultur-Lobby in Thüringen. Der Bedarf an Diskussion und den daraus folgenden Lösungsangeboten für die Probleme der hiesigen Szene ist groß. Ein Raum für Fragen und Antworten muss her.
Kultur neu verhandeln: Zwischen Szene, Stadt und Struktur
Deshalb geht die LAG Songkultur mit der neuen Veranstaltungsreihe „N8Kultur in Thüringen“ einen ambitionierten, aber zugleich pragmatischen Schritt in Richtung nachhaltiger Popkulturförderung. Ziel ist es, Kulturakteure, Politik, Verwaltung und Gesellschaft in einen Raum zu bringen, um gemeinsam die Zukunft des Nachtlebens und der urbanen Musikszene im Freistaat zu gestalten.

Es geht auch um Orte, wie das Franz Mehlhose in Erfurt, wo N8kultur im Juli verhandelt werden soll. Im Bild: Ein Konzert mit Enno Bunger in dem Kulturcafé. Foto: Frank Karmeyer
Ich bin leidenschaftliche Musikgenießerin“, sagt Anna Geißler, Vorstandsmitglied der LAG Songkultur, im Gespräch nach der Pressekonferenz. In ihrer Stimme liegt Überzeugung – nicht nur für Musik, sondern für Strukturen, die Kultur ermöglichen. „Es wurde uns immer wieder gespiegelt, wie notwendig ein Verband ist, der als Plattform dient – und zwar für alle Perspektiven: Kulturschaffende, Politik, Verwaltung, aber auch für das Publikum“, erklärt sie.
N8Kultur bringt Struktur in Thüringens Musikszene
Genau das wollen sie mit der Veranstaltungsreihe N8Kultur bieten: vier Veranstaltungen in vier Städten, jeweils mit lokalem Fokus, kuratiert in enger Abstimmung mit aktiven Szenen vor Ort. Von sozialer Stadtentwicklung in Weimar (22. Mai), über Awareness und Drugchecking in Erfurt (20. Juni), Verwaltungsagilität in Jena (10. September) bis hin zur Nachwuchsförderung und Finanzierungsfragen in Gera (5. Dezember) – das Spektrum ist breit, doch nicht beliebig.
Musik braucht Räume: Strukturen für den Sound der Zukunft
„Es geht nicht um einseitige Dynamiken, sondern um echte Auseinandersetzung“, so Geißler. Gerade weil die Herausforderungen wachsen – steigende Kosten, unsichere Fördermittel, überlastete Behörden – brauche es Austauschformate, die Perspektiven öffnen, statt nur Forderungen zu stellen.
https://www.facebook.com/watch/?v=1673928369896192
Die Veranstaltungsreihe verfolgt einen klugen Ansatz: erst zuhören, dann gestalten. Die LAG Songkultur e.V. versteht sich dabei als lernende Organisation. „Wir wollen rausfinden, was gebraucht wird – ob Stammtische, Fördermittel-Guides oder ganz neue Formate. Es geht nicht darum, über Köpfe hinweg zu entscheiden“, erklärt Anna Geißler.
Thüringer Szene fordert mehr Raum für Musik
Das bedeutet auch: Politik und Verwaltung sind nicht nur Gäste, sondern potenzielle Partner. Dennoch betont sie, dass es zunächst um Verständnis geht – für die Lage aller Beteiligten. Gerade in Zeiten gekürzter Haushalte sei es wichtig, Forderungen realistisch zu formulieren.
Wie die LAG Songkultur Thüringen vernetzen will
Ein zentrales Thema bleibt die Infrastruktur. „Wenn Kultur gefördert werden soll, braucht sie Räume, in denen sie stattfinden kann“. Das gelte für Clubs in Städten wie Erfurt und Jena ebenso wie für freie Veranstaltungsorte im ländlichen Raum. Doch viele dieser Orte stehen unter Druck – sei es durch Lärmschutzauflagen, finanzielle Engpässe oder bürokratische Hürden.
Hier setzt N8Kultur an: Als Brücke zwischen Szene und System, als Einladung zur Mitgestaltung und als Anker für jene, die sich abseits klassischer Musikfördereinrichtungen bewegen – etwa im Bereich elektronischer Musik, DIY-Booking oder Clubkultur. Es ist der Startschuss und Versuch modernes Kulturerleben in Thüringen nach vorne zu bringen. Konzepte zu entwickeln, um eine stabile Musikszene zu etablieren. In all ihren Facetten. Ein Mammutprojekt, das angegangen werden muss, um auch die Thüringer Sub- und Musikkultur sattelfest für die Zukunft zu machen.
Perspektive 2035: Kultur mit Rückgrat
Und in zehn Jahren? „Wir wünschen uns, dass wir als Verein gewachsen sind – nicht nur in den Städten, sondern auch in den ländlichen Regionen. Dass wir ein Netzwerk haben, das Bedarfe sichtbar macht und aktiv adressieren kann“, erklärt die junge Frau. Es ist der Wunsch nach kultureller Resilienz – dezentral, partizipativ und zukunftsoffen.
Hard Facts:
- 22. Mai im Gaswerk Weimar (Kulturentwicklung & Musikwirtschaft)
- 20. Juni in der Franz Mehlhose (Awareness & Drugchecking)
- 10. September im Paradies Café Jena (Verwaltung & Clubszene)
- 5. Dezember im Comma Gera (Finanzierung & Nachwuchs)
- Start immer 18 Uhr | kostenloser Eintritt
- Mehr Infos findest du hier:
