Ihre Stimme ist zart und kraftvoll zugleich, ihre Texte spiegeln wider, was sie bewegt. Lara Hulo schafft Musik, die zwischen Verletzlichkeit und Stärke pendelt – genau darin liegt ihre Magie. Offen spricht sie über Sexualität, über das Suchen und Finden der eigenen Wahrheit und die Energie, die sie auf der Bühne entfacht. Bald bringt sie diese Energie nach Thüringen, genauer gesagt nach Jena, wo sie ihr Publikum am 8. November mitten ins Herz treffen wird.
Deine Musiklaufbahn startete sehr früh. Mit 14 Jahren. Wie würdest du deine Entwicklung beschreiben? Hat die Musik dir dabei geholfen, deine Identität zu finden?
Auf jeden Fall. Ich habe das Gefühl, Musik zeigt mir immer, wenn ich auf dem falschen Weg bin. Ich schreibe Texte aus echten Gefühlen – wenn ich merke, dass ich mich beim Schreiben belügen muss, merke ich gleichzeitig, dass ich mich selbst und andere anlüge. Dann lebe ich nicht meine eigene Wahrheit.
Mit 14 habe ich angefangen, aber richtig wahrgenommen wurde ich erst mit „Side B*tch“. Davor habe ich schon viel erlebt: ich bin aufgetreten, habe Songs geschrieben, Straßenmusik gemacht, jede Bühne mitgenommen, die sich bot, und bei Song Slams mitgemacht.
Du bist als queere Person auf dem CSD in Erfurt aufgetreten. Wie war das für dich und wie hast du die Stimmung wahrgenommen?
Der CSD in Erfurt war wunderschön. Er gehört zu den kleineren Veranstaltungen, bei denen es nicht um Marken oder Kommerz geht, sondern um die Liebe – zusammen mit tollen Menschen. Die intime Stimmung hat mir unglaublich gut gefallen.
In deinen Songs wie „Für Änni“ sprichst du queere Liebe offen an. Wie wichtig ist es für dich, darüber auch auf der Bühne oder in Interviews zu sprechen?
Für mich ist es wichtig, über queere Liebe zu singen. Gleichzeitig möchte ich nicht nur darauf reduziert werden. Ich bin ein Mensch, und meine Sexualität ist ein Teil von mir – aber nicht alles. Ich habe Musik gemacht, bevor ich überhaupt wusste, dass ich queer bin. Ich schrieb Liebeslieder für Männer, Frauen und auch für Freunde.
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Manchmal auch über jemanden, den ich zufällig auf der Straße traf. Queer sein sichtbar zu machen, ist mir wichtig, damit wir nicht nur auf unsere Sexualität reduziert werden. Aber ich möchte gleichzeitig zeigen: Ich bin mehr als nur eine queere Künstlerin. Ich bin Künstlerin. Dass bei hetero Künstler:innen die Sexualität selten betont wird, stört mich manchmal.
Du hast mal gesagt, du schreibst Songs fast wie Tagebucheinträge. Wie schaffst du es, dabei so verletzlich und gleichzeitig so stark zu wirken?
Ich bin bei meiner Musik komplett ehrlich. Ich bin keine schwache Person, eher sehr unsicher, und habe viele Lieder, die noch unveröffentlicht sind – oft, um andere zu schützen. Wenn ich mich mit jemandem streite, schreibe ich einen Song darüber, und manchmal sind Menschen dann unglücklich, wie ich sie oder die Situation darstelle. Dennoch schreibe ich meine eigene Wahrheit – und genau das verleiht mir Stärke. Musik hilft mir, bei mir zu bleiben und zu ignorieren, was andere denken.
Wie politisch darf oder sollte Musik für dich sein – besonders, wenn sie aus einer queeren Perspektive erzählt wird?
Da haben wir wieder das Thema queer sein. Ich möchte nicht darauf reduziert werden. Politik in Musik ist relevant, aber es muss nicht erzwungen sein. Es geht darum, für Dinge einzustehen, die einem wichtig sind – gesellschaftliche Werte, gegen Rechts Position beziehen und die eigene Stimme nutzen. Ich schreibe Liebes- oder politische Songs nicht auf Druck. Ich verfasse sie, wenn ich gerade Liebe fühle oder ein Thema mich bedrückt. Musik sollte aus echten Gefühlen entstehen.
Du sprichst offen über mentale Gesundheit und ADHS. Was wünschst du dir vom Musikbusiness im Umgang mit psychischer Belastung und Erwartungsdruck?
Mehr Kommunikation untereinander. Dass wir über Probleme reden und merken: wir sind nicht allein. Erfahrungen zu teilen ist wichtig. Menschen im Musikbusiness sollten erkennen, dass hinter Künstler:innen echte Menschen mit Identitäten stehen.
Mich nervt, dass Songs auf TikTok viral gehen und Künstler:innen sofort gesigned werden, nur um später wieder fallengelassen zu werden. Das darf nicht nur um Geld gehen – es geht um Menschen. Sign die Leute wirklich, wenn ihr sie aufbauen wollt, nicht nur für einen Song.
Wenn du heute mit deinem 16-jährigen Ich sprechen könntest – was würdest du ihr über Liebe, Identität und Selbstvertrauen sagen?
Ich würde sagen: Du bist stark. Lass dich nicht von anderen verunsichern. Du bist richtig, so wie du bist. Wenn Menschen sagen, du seist es nicht, gehören sie nicht zu dir. Such nicht immer die Schuld bei dir selbst – wer schlecht mit dir umgeht, hat das Problem, nicht du.
Du bist Teil einer neuen Generation von Musiker:innen, die über Social Media direkt mit Fans in Kontakt stehen. Wo ziehst du die Grenze zwischen Nähe und Privatsphäre?
Es kommt darauf an, mich selbst zu schützen. Ich teile vieles von mir, zum Beispiel psychische Themen. Aber ich schütze Freundschaften und Beziehungen, die nicht an die Öffentlichkeit sollen. Meine Adresse würde ich niemals preisgeben.
Wenn du in zehn Jahren auf deine Karriere zurückblickst: Woran würdest du erkennen, dass du erfolgreich warst – unabhängig von Klickzahlen oder Preisen?
Darauf, dass ich mir treu geblieben bin. Wenn ich Musik nur für Klickzahlen machen würde, wäre das nicht ich. Ich weiß: Wenn ein Song aus Ehrlichkeit entsteht, spielt es keine Rolle, ob er erfolgreich wird. Aber wenn ich für die Industrie schreibe, um Reichweite zu erzielen, würde ich mich selbst betrügen – und das würde ich bereuen.
Hard Facts:
- Wann: 8. November | 19 Uhr
- Wo: Kassablanca Jena
- Lara Hulo – Kassablanca e.V.
