„Rap wieder gay machen“ – Maurice Conrad kommt nach Erfurt
„Rap wieder gay machen“, Gefühle zeigen und nebenbei ein bisschen die Welt verändern: Maurice Conrad hat sich für die eigene Musik einiges vorgenommen. Mit „Safe for Work“ erschien in diesem Jahr das Debütalbum. Am 5. März 2027 kommt dey für ein Sommerkonzert in das Kalif Storch nach Erfurt.
Maurice Conrad in Erfurt
Zwischen Rap, Aktivismus und dem Kampf gegen Hass im Netz geht es Maurice Conrad auch darum, mit Musik etwas zu verändern. Im Interview spricht dey darüber, warum der erste Song „Männersex“ eigentlich nie veröffentlicht werden sollte, welche besondere Verbindung zu Sonneberg entstanden ist und was nach dem Debütalbum als Nächstes ansteht.
Informatik, Klimaaktivismus und Rap – dein Lebenslauf klingt nicht unbedingt nach einem klassischen Karriereplan. Wie ist das alles zusammengekommen?
Man kann schon sagen, dass das nicht unbedingt der Karriereplan vom Reißbrett war. Nachdem ich aus der Schule gekommen bin, habe ich mich erst einmal politisch engagiert, weil das damals mit Fridays for Future und allem, was auf der Welt los war, für mich das Naheliegendste und Wichtigste war. Ich habe eigentlich immer versucht, das zu machen, bei dem ich gerade glaube, dass ich irgendwie Impact habe und ein bisschen die Welt verändern kann.
Dass ich irgendwann mit Musik anfangen würde, habe ich selbst nicht vorhergesehen. Ich habe Schauspiel studiert und wollte eigentlich Schauspieler werden. Während der Pandemie habe ich das Studium dann aber sein lassen und eher aus Spaß mit Musik angefangen.
Irgendwann kam das eine zum anderen. Leute haben gesagt: „Ey, das ist cool, mach das weiter.“ Ich habe eigentlich immer nach der Philosophie gelebt: Egal, was ich anfange, ich mache es dann auch richtig und mit Herzblut.
Du warst selbst lange Rap-Fan, gleichzeitig hast du queere Perspektiven in der Szene vermisst. Wann kam der Punkt, an dem du dachtest: Wenn das sonst keiner macht, mache ich es eben selbst?
Ich habe schon lange Rap gehört und war in meiner Jugend ein richtiger Rap-Fan. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass Rap queere Menschen nicht wirklich abbildet und repräsentiert. Eigentlich wurde immer dieselbe Geschichte erzählt: irgendwelche heterosexuellen Macker, die über ihre Frauen und ihre Autos rappen. Das hat mich schon immer gestört.
Ich hatte aber lange nicht den Impuls zu sagen: „Ja, dann mache ich es jetzt eben besser.“ Irgendwann kam vielleicht durch das Schauspielstudium und durch die Erfahrungen der letzten Jahre dieses Gefühl von Selbstwirksamkeit dazu. Das klingt simpel, aber nach dem Motto: Wenn ich etwas selbst in die Hand nehme, kann ich auch etwas verändern.
Ich weiß noch, dass ich mit meinen Friends im Urlaub war und dort einfach aus Spaß meinen ersten Song „Männersex“ geschrieben habe. Der hatte überhaupt nicht den Anspruch, veröffentlicht zu werden. Aber irgendwann denkt man sich: Jetzt habe ich den Song geschrieben, also muss ich ihn auch aufnehmen. Irgendwann habe ich gemerkt: Okay, das funktioniert. Ich kann damit Leute erreichen, die Leute finden es cool – und dann habe ich mich dazu entschieden, die Musik auch zu veröffentlichen.
Für mich hatte das immer etwas Politisches. Ich möchte diese Bühne erkämpfen. Ich will diesen Raum erkämpfen. Ich möchte, dass andere queere Menschen, die eine ähnliche Geschichte haben, sich auch trauen, Rap zu machen, ihn zu veröffentlichen und als Sprachrohr ihrer Identität zu verstehen.

Deine Vision ist dabei nicht gerade klein: Du willst „Rap wieder gay machen“. Wie weit bist du mit dieser Mission inzwischen?
Man soll sich selbst ja nicht so wichtig nehmen. Ich bin natürlich nicht die Person, die dafür verantwortlich ist, dass im Deutschrap in den vergangenen Jahren ganz viele gute Entwicklungen passiert sind. Ich bin da nur ein Baustein von vielen.
Aber es gibt heute queeren Rap. Es gibt mehr Menschen mit unterschiedlichen geschlechtlichen Identitäten, die Rap veröffentlichen und Plattformen bekommen. Wir haben einen deutlich besseren Support von FLINTA*-Artists in der Musikindustrie. Diese Sichtbarkeit ist im Vergleich zur Mainstream-Musik in Deutschland natürlich immer noch nischig, aber sie ist way bigger als 2023, als ich angefangen habe.
Da klopfe ich mir dann doch ein bisschen selbst auf die Schulter – und gleichzeitig all den anderen Leuten und sage: Ist doch irgendwie cool, dass wir da alle ein bisschen Pionierarbeit geleistet haben.
Dein Debütalbum „Safe for Work“ ist dieses Jahr erschienen. Was kann das Album, was Maurice Conrad vor drei Jahren vielleicht noch nicht gekonnt hätte?
Auf jeden Fall mehr über Gefühle reden. Ich habe auf dem Album zwei Songs gemacht, die eigentlich Liebessongs sind. Einer richtet sich an eine Person, in die ich mich letztes Jahr sehr verliebt habe, und einer an meinen besten Freund.
Ich glaube, solche Dinge gehören für mich inzwischen einfach dazu, weil ich den Leuten auch ein bisschen mehr von mir erzählen möchte als nur „Schwänze lutschen“. Das gehört eben auch zu mir und ist ein bisschen persönlicher.
Vor drei Jahren hätte ich gar nicht das Selbstbewusstsein gehabt, zu sagen: Ich kann darüber jetzt einen Song schreiben und den einfach veröffentlichen. Ich hätte mir gedacht: Wer will sich denn anhören, wie ich meinem besten Freund meine platonische Liebe vorsinge oder vorjauchze? Dieses Selbstbewusstsein hat sich aber entwickelt, weil ich gemerkt habe: Die Leute finden dieses Musikprojekt cool, sie mögen meine Musik und identifizieren sich damit.

Du hast öffentlich über Hass und Beleidigungen gesprochen. Gegen einen Mann, der dir mit Vergewaltigung gedroht hatte, bist du auch rechtlich vorgegangen. Wie gehst du mit solchen Anfeindungen um – und hilft dir dein Humor dabei, sie nicht zu nah an dich heranzulassen?
Ich stehe ja schon seit Jahren in der Öffentlichkeit, auch lange bevor ich Musik gemacht habe, und habe deshalb schon immer Hass abbekommen. Ich habe grundsätzlich ein ziemlich dickes Fell. Natürlich gibt es trotzdem hin und wieder Leute, die durch dieses Fell durchstechen.
Was dieser Typ mir damals angedroht hat, hat mich in der Anfangszeit schon sehr belastet. Gott sei Dank habe ich aber auch ein super Umfeld. Dadurch kann ich solche Erfahrungen eher in Energie ummünzen, um dagegen vorzugehen – und das Ganze auch ein bisschen zu ownen. Bei Online-Hass gibt es ja immer eine gewisse Machtdynamik. Die andere Person möchte kontrollieren, wie es dir damit geht. In dem Augenblick, in dem ich daraus eine Geschichte mache, in der ich am Ende die gewinnende Person bin und nicht die andere Person, drehe ich diese Machtdynamik komplett um.
Dieser Mann hat mir damals wirklich Angst gemacht. Aber am Ende habe ich mich entschieden, gegen ihn vorzugehen. Durch dieses ganze Thema bin ich überhaupt erst ins Jurastudium gerutscht. Ich habe für mich beschlossen, dass ich den Hass im Netz gegen queere Menschen ein bisschen zu meiner Aufgabe machen möchte. Ich habe das Privileg, daran nicht komplett kaputtzugehen. Dieses Privileg würde ich gerne nutzen und mich ein bisschen als Schutzschild für die Leute verstehen, die das nicht können.
Mit „CSD in Sonneberg“ hast du auf die politische Entwicklung in Thüringen reagiert. Ein Jahr später fand dort tatsächlich der erste CSD statt. Was bedeutet dir diese Geschichte heute – gerade auch, wenn du wieder nach Thüringen kommst?
Das ist schon krass. Sonneberg gibt mir auf jeden Fall immer Erinnerungen an den Anfang meiner Musik zurück. Mein ganzes musikalisches Projekt war damals gerade einmal drei Monate alt.
Ich bin wahnsinnig beeindruckt davon, was die Menschen dort lokal an Strukturen auf die Beine gestellt haben. Ich freue mich immer wieder, wenn ich dort zu Gast sein darf. Es zeigt auch ein bisschen, dass diese „Theory of Change“, von der ich gesprochen habe, tatsächlich funktionieren kann: Musik als Möglichkeit, gesellschaftliche Verhältnisse zu verändern.
Natürlich war ich nur ein kleiner Baustein bei diesem CSD in Sonneberg. Vielleicht hat der Song eine gewisse Motivation erzeugt oder einen Stein ins Rollen gebracht. Den CSD gibt es inzwischen schon das dritte Jahr in Folge. Dadurch sind tatsächlich nachhaltig queere und politische Strukturen vor Ort entstanden.

Am 5. März 2027 stehst du im Kalif Storch in Erfurt auf der Bühne. Was erwartet die Leute bei deinem Sommerkonzert?
Die Leute erwartet natürlich Pizza – zumindest behauptet das die Veranstaltung. Ich hoffe, dass ihr das auch einhaltet! Die Leute erwartet außerdem ein Interview. Ich werde also ein bisschen mehr ins Gespräch gehen. Und ansonsten machen wir halt 60 Minuten Party und feiern uns alle gegenseitig ein bisschen. Das ist der Plan.
Debütalbum – check. Rap wieder gay machen – läuft. Was steht als Nächstes auf der Maurice-Conrad-To-do-Liste?
Jetzt gehe ich in Rente. Nee, Spaß, ich gehe natürlich nicht in Rente. Ich glaube, es wird auf jeden Fall noch ein Album geben – allerdings erst nächstes Jahr. Und ich würde auch gerne noch einmal eine Tour spielen. Dieses Jahr werde ich vor allem einfach ein bisschen Musik machen. Ich habe ein paar Songs, die ich raushauen werde, wenn ich Lust darauf habe und der Meinung bin, dass die Welt dafür bereit ist.
Parallel habe ich angefangen, Jura zu studieren und bin in der privilegierten Lage, dass ich mein Leben nicht mit Musik finanzieren muss. Es macht mega Spaß, Musik zu machen. Aber es macht vielleicht auch mega Spaß, irgendwelche Sachen zu häkeln – trotzdem bin ich froh, dass ich nicht davon leben muss. Und genauso sehe ich das bei Musik.
Ich werde also weiterhin Festivals und CSDs spielen, wenn die mich haben wollen, und versuchen, nächstes Jahr ein Album rauszubringen und eine Tour zu spielen – aber eben nur mit den Sachen, auf die ich gerade Lust habe.
Hard Facts
- Wann: 5.März 2027
- Wo: Kalif Storch | Zum Güterbahnhof 20 | 99085 Erfurt
- Album: „Safe for Work“
- Besonderheit: Konzert und Interview mit Pizza
- Tickets: TixforGigs & Eventim