In den letzten Wochen (insbesondere seit Ende Februar 2026) wird die deutsche und internationale Hardtechno-Szene von einer massiven Welle an Anschuldigungen erschüttert. Im Zentrum stehen Vorwürfe wegen sexualisierter Gewalt, Machtmissbrauch und fehlender Einwilligung. Im Zuge des sogenannten „Callouts“ (Red.: engl. etwas öffentlich kritisieren, jemanden zur Rede stellen) gerieten auch Veranstaltungen in Erfurt ins Blickfeld der Szene.
Hardtechno-Skandal erreicht Erfurt
Am 28. Februar 2026 trat der Künstler „Fantasm“ mit einem exklusiven „All Night Long“-Set in der Alten Funke-Druckerei in Erfurt-Bindersleben auf – organisiert vom Erfurter Kollektiv Mutabor in Kooperation mit dem Kölner Team von Unreal. Das war wenige Tage nachdem die Veröffentlichungen rund um den Instagram-Account @bradnolimit die internationale Hardtechno-Szene erschütterten. Der Account veröffentlichte Screenshots und Erfahrungsberichte über mutmaßliche Übergriffe durch bekannte DJs.
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Im Zentrum der Debatte stehen unter anderem die Künstler Shlømo, Odymel und eben auch Fantasm. Ihnen wird vorgeworfen, ihre Position in der Szene ausgenutzt zu haben, um Fans – häufig im Kontext von Partys oder Backstage-Situationen – zu sexuellen Handlungen gedrängt zu haben. Einige der Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe. Fantasm etwa veröffentlichte kurz vor dem Erfurter Termin ein Video, in dem er erklärte: „Ich habe niemandem etwas getan (…) Ich habe niemals jemanden ohne Einwilligung zu etwas genötigt.“ Zugleich kündigte er rechtliche Schritte an.
Vorwürfe verursachen eine Welle von Absagen
Die Vorwürfe verbreiteten sich rasant in sozialen Netzwerken und führten europaweit zu einer Welle von Absagen von Auftritten. In Erfurt fand der geplante Rave zunächst statt. Wie Florian Hoffmann von Mutabor, einer der Veranstalter, mitteilt, sei die Situation zu diesem Zeitpunkt schwer einzuschätzen gewesen. „Das ist eine sehr, sehr schwierige Situation“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. „Wir wollen natürlich keinen Täter schützen, aber wir wollen auch niemanden vorverurteilen, gegen den es keine handfesten Beweise gibt.“
Erweitertes Awareness-Konzept und Aufklärungsangebote
Das Event war bereits lange vor den veröffentlichten Anschuldigungen geplant und im Vorfeld ausverkauft. Eine Absage hätte zu schwerwiegenden Problemen geführt, da die Verträge und die Kurzfristigkeit der Vorwürfe rechtliche Hürden darstellten. Also reagierte das Organisationsteam auf die Debatte mit zusätzlichen Maßnahmen. „Alle Leute waren höchst alarmiert und wir hatten deshalb mehr Security als sonst“, berichtet Florian. Zudem habe es ein erweitertes Awareness-Konzept gegeben, inklusive eines großen Awareness-Teams sowie zusätzlicher Aufklärungsangebote vor Ort.

Dort, wo bis 2021 die Thüringer Allgemeine, die Ostthüringer Zeitung und die Thüringische Landeszeitung gedruckt wurden, sorgte am 28. Februar ein sattes Soundsystem für ordentlich Druck (Archivfoto). Foto: Felix Gadesmann
Mutabor zeigt sich im Gespräch reflektiert. Auch bereits vor der Veranstaltung veröffentlichte das Kollektiv ein Statement in sozialen Medien. Ziel sei gewesen, die eigene Haltung deutlich zu machen. „Uns war wichtig, dass die Leute verstehen, wie wir zu der ganzen Sache stehen“, erklärt Florian. „So etwas geht nicht einfach an uns vorbei. Wir machen uns darüber viele Gedanken und besprechen das im Team.“
Thüringen reagiert und verschärft Backstage-Regeln
Unabhängig von der schwierigen Situation ist eines klar: Sicherheit und Awareness sind seit Jahren Bestandteil der Mutabor-Veranstaltungen. „Unsere Partys laufen in der Regel sehr clean ab. Wir achten sehr darauf, dass es gar nicht erst zu Problemen kommt. Sicherheit ist uns extrem wichtig. Wenn irgendwo Vorfälle passieren oder es Hinweise gibt, reagieren wir sofort und passen unsere Strukturen an“, sagt Florian. Zu den Maßnahmen gehört inzwischen auch eine strengere Regelung im Backstage-Bereich. „In der Vergangenheit kam es schon vor, dass Freunde von jemandem kurz mit ins Backstage gegangen sind“, sagt der Veranstalter. „Das haben wir jetzt strikt unterbunden. Dort kommen nur noch Leute rein, die zur Crew, zum Orga-Team oder zu den DJs gehören.“
Weitere Vorwürfe in der Szene
Die Lernkurve ist steil: Eine Woche nach dem Fantasm-Auftritt reagierte man weitaus deutlicher auf weitere Vorwürfe in der Szene. Für den 7. März war ursprünglich ein Auftritt des DJs Hades geplant, dessen Name ebenfalls im Zusammenhang mit den Veröffentlichungen von @bradnolimit auftauchte. Mutabor zieht die Reißleine und entschied sich, das Booking kurzfristig zu streichen.
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„Was wir aus den Quellen im Internet mitbekommen haben – und das ist nicht hundertprozentig bestätigt – waren sehr schwere Vorwürfe“, sagt Florian. Diese hätten unter anderem mögliche Beziehungen zu Minderjährigen betroffen. „Uns war das nicht ganz geheuer. Wir wollten auf Nummer sicher gehen.“
Erfurter Szene ringt um klare Haltung
Die Absage erfolgte ohne direkte Reaktion der zuständigen Booking-Agentur, die inzwischen ihre Tätigkeit eingestellt habe. Für Mutabor stehe ohnehin fest, dass es künftig keine Zusammenarbeit mehr geben wird. Gleichzeitig kündigt das Kollektiv an, seine internen Prozesse zu verschärfen. „Wir werden in Zukunft gründlichere Background-Checks machen“, sagt Florian. „Wenn solche Vorwürfe im Raum stehen – selbst wenn sie sich später als falsch herausstellen – verzichten wir im Zweifel lieber auf den Act.“
Hinweise auf strukturelle Probleme
Der Hardtechno-Callout hat damit auch lokale Veranstalter erreicht. Während einige Stimmen in der Szene vor vorschnellen Urteilen warnen, sehen andere in der Vielzahl der Berichte Hinweise auf strukturelle Probleme innerhalb der Clubkultur. Initiativen wie das Netzwerk „METOODJS“ versuchen inzwischen, Betroffenen eine Anlaufstelle zu bieten.

Am 20. September verwandelte der Kalif Storch aus Erfurt und das Hardtechnokollektiv Mutabor die alten Druckereihallen von FUNKE Thüringen in einen riesigen Technoclub. Foto: Nadja Schütze
Der Fall zeigt exemplarisch, in welchem Spannungsfeld sich Veranstalter derzeit bewegen. Auf der einen Seite stehen Betroffene und solidarische Teile der Szene, die zurecht einfordern, dass Vorwürfe ernst genommen und strukturelle Probleme benannt werden. Auf der anderen Seite stehen rechtliche Unsicherheiten und wirtschaftliche Zwänge: In den wenigsten Fällen gibt es bereits Anzeigen oder Urteile, meist nur Berichte, Screenshots und anonyme Aussagen. Gleichzeitig hängen an großen Bookings hohe Summen, und kurzfristige Absagen können existenzbedrohende Folgen haben.
Mutabor versucht klare Linie zu ziehen
Mutabor versucht, innerhalb dieses Spannungsfeldes eine Linie zu ziehen: Beim Fantasm‑Booking entschied man sich – begleitet von verstärkten Sicherheitsmaßnahmen – für die Durchführung, bei Hades kurz darauf für die Absage. Aus strikt betroffenenorientierter Perspektive bleibt die erste Entscheidung kritikwürdig, aus juristisch-pragmatischer Sicht ist sie erklärbar. Deutlich ist in jedem Fall: Die Verantwortung wird erkannt, und es gibt Versuche, Strukturen anzupassen.
Vertrauen und Sicherheit im Vordergrund
Für Mutabor stehe vor allem eines im Vordergrund: Vertrauen und Sicherheit auf und neben der Tanzfläche. „Wir wollen niemanden schützen, der etwas getan hat“, sagt Florian. „Aber wir müssen auch verantwortungsvoll mit Vorwürfen umgehen.“ In einer Szene, die sich seit den 1990er-Jahren als Raum von Freiheit, Selbstbestimmung und safer Spaces versteht, wird genau dieser Umstand derzeit neu verhandelt: Wie lässt sich der Schutz von Betroffenen mit rechtsstaatlichen Prinzipien und wirtschaftlichen Realitäten verbinden?
Erfurter Veranstalter im Spannungsfeld
Fälle wie in Erfurt zeigen, dass es dafür mehr braucht als individuelle Entscheidungen einzelner Kollektive – es braucht klare Standards, unabhängige Strukturen und eine europa- und deutschlandweite Kultur, die Machtverhältnisse nicht erst thematisiert, wenn der nächste Callout durchs Netz geht.
