Text: Lisa Hilpert
Backstein, Stahlträger, hohe Fensterreihen. In der Alten Wollspinnerei in Nobitz bei Altenburg hängt noch immer der Geist eines vergangenen Jahrhunderts – doch heute dröhnt Bass durch die alten Werkshallen. Am 5. April 2026 findet hier zum 21. Mal das Liquid Sunday Festival statt: sieben Indoor-Stages, über sechzig Acts und das nicht in Berlin, sondern im Landkreis Altenburg.
Zwischen Industriegeschichte und Techno
Dieser besondere Veranstaltungsort in Ostthüringen trägt noch die Spuren seiner industriegeschichtlichen Vergangenheit in sich. Hier wurde ab 1910 Wolle verarbeitet, später produzierte der „VEB Altenburger Wollspinnerei“ Textilien für die DDR. Nach der Schließung 2004 stand das Industriedenkmal leer. Solche Orte waren für die Technokultur auf dem Land nie bloß Kulisse. Sie boten Freiräume, denn dort, wo Industrie verschwand, entstand ein Raum für Lautstärke, für Experimente und für eine Szene, die anderswo kaum möglich gewesen wäre.
Das macht das Technofestival so besonders
Und auch heute macht genau dieser Ort das Festival so besonders: sieben Indoor-Floors in einem denkmalgeschützten Industriekomplex. Als solches Großevent ist Liquid Sunday in Deutschland einzigartig. Über die Jahre ist es zu einem der größten Technofestivals in Ostdeutschland gewachsen.

In Nobitz verschmelzen sieben Indoor-Stages, über sechzig Künstler:innen und ein Festival mit rebellischem Geist. Foto: Jon Renker
Genau hier stellt sich die Frage: Ist Liquid Sunday noch das rebellische Hallenprojekt von einst – oder längst professionelle Marke geworden?
Vom Experiment zur Institution
„Es ist nicht mehr ganz so einfach wie es mal war“, sagt Festivalgründer Steffen Rühling. Seit den frühen 2000ern ist der Musikagent in der Szene aktiv, arbeitete damals im Radio und knüpfte Kontakte zu DJs. 2004 entstand gemeinsam mit einem Freund, der einen Club in Grimma betrieb, die Idee zum Liquid Sunday. Die erste Ausgabe fand im sächsischen Tautenhain statt.
Zwischen Hype, Behörden und Herzblut
Was damals möglich war, wäre heute „absolut verboten“, erinnert sich Rühling. Brandschutz, Notausgänge, Security – vieles lief pragmatischer, improvisierter. Nach drei Ausgaben zog das Festival 2008 nach Leipzig, bevor 2009 die Alte Wollspinnerei zur festen Heimat wurde. Dort kam auch Paul Matzke dazu. Als Jugendlicher hatte er das Festival erlebt, heute verantwortet er mit seiner Agentur die organisatorische Umsetzung. Aus dem improvisierten Hallenrave wurde Schritt für Schritt eine feste Größe.
Ein Gespür für Trends gehört bis heute dazu. So wurde etwa Rapper FiNCH – damals noch FiNCH Asozial – gebucht, kurz bevor sein Durchbruchssong erschien. Das Festival war danach ausverkauft. Doch solche Momente sind schwerer planbar geworden. „Sobald du genügend Follower hast oder ein Song viral geht, steigen auch direkt die Gagen“, sagt Rühling. Die Szene sei schneller geworden – Hypes entstehen rasant und verschwinden ebenso schnell. Auch 2026 setzt das Festival auf eine ausgewählte Mischung: internationale Headliner wie Stella Bossi treffen auf Szenegrößen und Newcomer. Über sechzig Künstler:innen bespielen die sieben Stages.
Logistischer Kraftakt im Hintergrund
Was für Besucher:innen nach einer Nacht Hallentechno aussieht, ist im Hintergrund ein logistischer Kraftakt. Bis zu 200 Menschen sind an Planung und Durchführung beteiligt. Die Abstimmung mit Behörden, Ämtern und Polizei ist deutlich komplexer als noch vor zwanzig Jahren. Die Zusammenarbeit verlaufe inzwischen eingespielt und kooperativ, sagen die Veranstalter. Gerade nach tragischen Ereignissen wie der Brandkatastrophe von Crans-Montana stehe Sicherheit stärker im Fokus. „Alle wollen sich absichern“, sagt Matzke. „Und das ist auch richtig so.“
Liquid Sunday wächst in Nobitz weiter
Im vergangenen Jahr sei alles so reibungslos verlaufen, dass selbst Behörden positives Feedback gegeben hätten. „Wenn am Ende alle sagen: alles super, dann weißt du, warum du dir den Stress antust“, resümiert Rühling. Reine Kalkulation sei das Festival ohnehin nicht. „Wenn es uns nur ums Geld gehen würde, hätten wir längst etwas anderes gemacht“, sagt Matzke. Jedes Jahr sei anders, jedes Jahr bringe ganz besondere Neuheiten. „Genau das macht es aus.“
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Auch in diesem Jahr gibt es Neuerungen: Eine eigene Techno-Stage soll Besucher:innen näher ans DJ-Pult bringen. „Gerade ist es vielen wichtig, direkt beim DJ zu stehen und die Energie mitzuerleben“, sagt Matzke. „Darauf reagieren wir natürlich – wir wollen das Festival nicht stehen lassen, sondern weiterdenken. Am liebsten noch die nächsten 20 Jahre!”
Altenburg als Möglichkeitsraum
Die Abgelegenheit Altenburgs begreifen die Veranstalter als Stärke. Woanders wären solche Industriegebäude saniert oder längst verschwunden. In Nobitz ist ein Ort entstanden, der Industriegeschichte und Gegenwartskultur verbindet. Das Festival hält damit den rauen Industrietechno-Charme der 90er- und frühen 2000er-Jahre lebendig – und trifft damit offenbar einen Nerv. Gäste kommen aus Leipzig, Zwickau, Gera oder Chemnitz – inzwischen auch aus Berlin, Österreich oder der Schweiz. „Wir haben uns über die Jahre einen großen Pool an Stammgästen aufgebaut. Manche kaufen ihre Tickets, bevor das neue Line-up überhaupt veröffentlicht ist“, sagt Booker Steffen Rühling.
Generationen feiern zusammen
Gleichzeitig hat sich das Feiern verändert. „Heute gehen jüngere Leute einfach anders feiern. Selbst in der Zeit, in der ich dabei bin, hat sich viel verschoben. Darauf müssen wir reagieren“, sagt Matzke. Die Nächte verlaufen inzwischen weitgehend ohne größere Zwischenfälle, viele kommen gezielt für bestimmte Acts. Neben den Jüngeren stehen weiterhin viele Gäste auf dem Gelände, die schon vor zwanzig Jahren dabei waren. „Auf sieben Stages kann jede Generation etwas für sich finden“, sagt Matzke. „Und muss der anderen nicht einmal begegnen“, fügt Rühling hinzu und lacht.

Zwischen Industriegeschichte und Techno: In Nobitz verschmelzen sieben Indoor-Stages, über sechzig Künstler:innen und ein Festival mit rebellischem Geist. Foto: Jon Renker
Liquid Sunday ist über die Jahre professionell und erwachsen geworden – ohne seine ursprüngliche Intention zu verlieren. Erinnerung an den dreckigen Hallentechno der frühen 2000er und zugleich ein aufwendig organisiertes Indoor-Festival in einem Industriedenkmal, das anderswo so kaum noch existieren würde. Und genau darin liegt vielleicht seine größte Besonderheit: nicht in Berlin zu sein, sondern in Altenburg.
Hard Facts:
- Wann: 5. April 2026
- Wo: Alte Wollspinnerei Nobitz, Altenburg
- Weitere Infos gibt es hier
