Interview: Paula Spitzner
Post Punk mischt sich mit orchestralen Elementen, schnelle Songs mit Ohrwurm-Potenzial gehen Hand in Hand mit erzählten Balladen. Die musikalischen Übergänge schlagen Brücken zwischen Liedern, die Texte verbinden Generationen. Im November 2025 erschien das neue Album „Große Kunst“ des Indie-Musikers Betterov. Wir sprachen mit dem gebürtigen Bad Salzunger vor seinem Konzert in Jena am 24. März über sein Aufwachsen und Familiengeschichte.
Thüringer Indie-Poet im Gespräch
Auf deinem neuen Album „Große Kunst“ sprichst du über Sozialisierung in Ostdeutschland und darüber, wie die DDR-Vergangenheit bis heute nachwirkt. Warum ist es dir wichtig, das zu thematisieren?
Weil das noch nicht oft passiert, popkulturell ist das Thema nicht so präsent wie andere. Gleichzeitig ist es natürlich auch, weil ich selbst in Thüringen aufgewachsen bin. Ich finde, man kann das Thema ruhig mal highlighten – vielleicht ist es auch ein kleiner Beitrag dazu, einander besser zu verstehen.
Hast du ein konkretes Beispiel dafür, wie sich die DDR-Vergangenheit auf Menschen aus der Region auswirkt?
Viele sind in einem anderen System groß geworden, mit anderen Werten und anderer Bildungspolitik. Das ist 1989 nicht einfach mit der Mauer umgefallen, das wirkt bis heute. Auch wenn sich Menschen verändern, prägt einen die Zeit, in der man aufgewachsen ist, enorm. Stell dir vor, all das erlebst du in einem Land mit einem anderen Wirtschaftssystem und anderen Rahmenbedingungen. Diese Prägung bleibt, und sie überträgt sich auch auf die nächste Generation.
Ich bin zum Beispiel mit einem unausgesprochenen Gesetz groß geworden: Ich lerne einen handwerklichen Beruf. Das hat mir niemand wörtlich gesagt, aber wenn ich mich umschaute, machten alle um mich herum etwas Handwerkliches. Das ist kein Zufall. Die DDR verstand sich als Arbeiter- und Bauernstaat, die Gesellschaft bestand überwiegend aus diesen Berufsständen. Ein breit verankertes Bildungsbürgertum gab es so nicht. Das hat sich auf mich übertragen. Ich glaube, jemand, der in Stuttgart aufgewachsen ist, hat das vermutlich anders empfunden.
Auf dem Album erzählst du unter anderem die Fluchterfahrung deines Vaters und deren Auswirkungen auf deine Familie. Wie präsent waren diese Geschichten in deiner Kindheit?
Wenn man so etwas erlebt hat – ich spreche jetzt für meine Eltern – stellt sich irgendwann wieder Alltag ein. Das Leben geht weiter, also haben wir nicht jeden Tag darüber gesprochen. Gleichzeitig stehen die Relikte dieser Zeit buchstäblich noch herum. Dort, wo wir das Video zu „17. Juni 1989“ gedreht haben, gibt es zum Beispiel ein Stück Grenzzaun, das von Vereinen liebevoll gepflegt wird, mit Denkmälern und allem. Wir haben zuhause also nicht ständig darüber gesprochen, aber es war immer wieder präsent, wenn man daran vorbeifuhr. Zeitgeschichte ist dort immer noch sehr spürbar und viele Menschen tragen sie noch in sich.
Fühlt es sich anders an, die Geschichten deiner Familie zu erzählen als deine eigenen?
Ja, sehr. Ich will, dass alles korrekt wiedergegeben wird, weil ich weiß: Die Menschen, die das unmittelbar betrifft, die es erlebt haben, können sich dazu nicht äußern. Ich bin ein Sprachrohr für andere, das ist eine große Verantwortung. Das war mir vorher gar nicht so klar, sondern wurde mir erst im Prozess bewusst. Gerade im Kontext von Interviews möchte ich, dass alles absolut den Tatsachen entspricht.

Betterov thematisiert auf dem Album „Große Kunst“ die eigene Sozialisierung in Ostdeutschland. Foto: Rebecca Kraemer
Der Song „Sag nicht deinen Namen“ holt das Thema dann in die Gegenwart.
Genau, in diesem Song spreche ich aus eigener Perspektive. Kinder der Nachwendezeit sind damals in den Überbleibseln der DDR groß geworden. Dazu kann ich also unmittelbar etwas sagen.
In den letzten Zeilen singst du: „Du bist frei, geh allein / Geh allein, wohin du willst / Du bist frei, du bist frei / Du kannst machen, was du willst“. Du bist ja selbst nach Berlin gegangen. Fühlst du dich dort freier als in Thüringen?
Berlin war für mich wichtig. Ich brauchte dieses weiße Blatt, das Gefühl, mich künstlerisch austoben zu können. Das ist Berlins großer Unique Selling Point – man trifft so viele verschiedene Nationen, die alle das Gefühl haben, hier machen zu können, was sie möchten. Aber klar: Berlin ist auch dreckig, oft wirklich nicht schön. Berlin ist riesig, alles ist eine halbe Weltreise. Und trotzdem – oder gerade deshalb – kann man einfach machen, was man will. Du kannst die Person sein, die du sein möchtest, ohne dass dich jemand einordnet. Deswegen ist dort eine große Freiheit. Das heißt nicht, dass man woanders nicht frei sein kann – ich war auch vorher frei –, aber es gibt anderswo, so meine Erfahrung, festere Vorstellungen davon, wie Dinge „zu sein haben“.
Im Song „18. Juli 1989“ heißt es: „Sie kommen zu mir auf die Straße: / Neulich warst du doch im Fernsehen, da haben wir dich gesehen / Jetzt vergiss nicht, wo du herkommst“ – Wie vergisst man nicht, wo man herkommt?
Ich glaube, das passiert sowieso nicht. „Vergiss nicht, wo du herkommst“ ist ja selten wörtlich gemeint, sondern eher: „Bleib auf dem Boden.“ Die Zeile will sagen: Wo du herkommst, ist ein riesiger Teil deiner Identität. Das hat nicht mal zwingend etwas mit Ost-West zu tun. Wer in Husum aufgewachsen ist, ist wahrscheinlich stark mit dem Meer verbunden. Egal, wohin man später zieht: Das bleibt ein großer Teil deines Lebens.

Betterov im Rahmen der „Große Kunst. Live“- Tour in Linz. Foto: Jule Mehrhoff
Spürst du Unterschiede in der Resonanz deiner Musik zwischen West- und Ostdeutschland oder speziell in Thüringen?
Eigentlich nicht und das ist das Beste. Ich wusste vorher gar nicht, was ich mir wünschen soll, aber jetzt weiß ich’s: genau das. Wir spielen ja auch in der Schweiz und in Österreich, wo die Verbindung zur Thematik etwas indirekter ist und trotzdem wird es verstanden. Das freut mich sehr. Liebeskummer-Songs sind universell, klar. Aber wenn’s geografisch spezifisch wird und trotzdem andockt, ist das toll.
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