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„Völlig absurd“: Futurebae rechnet vor Erfurt-Konzert mit großen Festivals ab

12. Oktober 2026 • Geschrieben von Dunja Froriep
Musikerin futurebae beendet ihre Tour mit einem Stopp im Erfurter Kalif Storch. Foto: Jan-Uwe Zehner

Wer futurebae auf Instagram folgt, weiß: Die Musikerin nimmt dort ernste Themen aus dem Musikgeschäft auseinander – mit Ironie, Humor und einer Direktheit, die man von Personen des öffentlichen Lebens nicht unbedingt gewohnt ist. Was wie ein beiläufiger Witz wirkt, trifft dabei meist einen wunden Punkt der Branche.

Letzter Tourstop im Kalif Storch in Erfurt

Vor ihrem Konzert haben wir mit ihr über genau diese Posts gesprochen: darüber, was hinter den pointierten Clips steckt, welche eigenen Erfahrungen sie dazu gebracht haben – und warum sie sich entschieden hat, Dinge offen anzusprechen, über die viele lieber schweigen.

Dein aktueller Post kritisiert, dass man als Frau nicht gebucht wird, weil auf dem Festival schon eine andere Frau spielt. Welche persönlichen Erfahrungen hast du damit gemacht?

Ich erinnere mich an einige Backstages und Festivalposter, auf denen erstaunlich wenige Frauen zu sehen waren. Und ich war schon auf einem Festival, bei dem ich richtig das Gefühl hatte: Ich bin hier, um eine Quote zu erfüllen – nicht, weil irgendjemand meine Musik richtig geil findet. Das macht mich wütend. Denn wer sind denn gerade die größten deutschen Stars? Das sind Frauen: Ikkimel, Nina Chuba, alles, was gerade im Kommen ist, was gehypt wird, worauf man Bock hat – das sind einfach geile Girls. Und dann ist es absurd, dass man auf Festivals immer noch ums Spotlight kämpfen muss.

Man merkt aber auch eine Veränderung, vor allem bei alternativen Festivals. Ich glaube ehrlicherweise, dass die im Booking gar nicht mehr besonders darauf achten müssen, weil es einfach organisch passiert – die buchen super divers. Aber bei den ganz Großen, wo ordentlich Cash drinsteckt, ist es nach wie vor so. Rock am Ring, Rock im Park – das ist völlig absurd.

Emma aka Knolle (links) und Drag Queen Nova Ethereal (vorn) treten als Guest-Artists auf und sorgen für super Stimmung. Foto: Jan-Uwe Zehner
Ein anderer Post von dir behandelt KI-Musik. Wie stehst du zu der Entwicklung? Fühlst du dich als unabhängige Künstlerin bedroht?

Komplett. Vor allem seit den neuesten News: Das Musikunternehmen Believe – zu dem die Plattform gehört, über die ich meine Musik hochlade – hat einen Deal geschlossen: Mit der Musik von Artists, die es erlauben, darf das Unternehmen seine KI trainieren. Wenn man inzwischen weiß, dass KIs eigenständig ausbrechen, Dinge tun, die so nicht geplant waren und sich Infos holen, wo sie sich keine holen sollten, dann habe ich das Gefühl: Selbst, wenn ich Nein sage, passiert es am Ende trotzdem. Und das ist mehr als eine Bedrohung, das ist katastrophal.

Eine KI macht in zehn Sekunden zigtausende Versionen von einem Song, für den ich wochenlang, monatelang im Studio sitze und für den ich einiges fühlen muss, damit er überhaupt aus mir rauskommt. Ein echtes moralisches Dilemma, und ich weiß noch nicht final, wie ich damit für alles Zukünftige umgehe. Unreleased Berlin zum Beispiel hat ihre Tour in „Support Real Artists“ umbenannt. Das ist schön und superwichtig, dass alle gemeinsam sagen: Darauf haben wir keinen Bock.

Du hast in deiner Community aufgerufen: Wer will mich anziehen, wer will meine Show eröffnen? Was waren deine persönlichen Gründe, die Community so einzubeziehen?

Das hat mich tatsächlich Überwindung gekostet. Ich kämpfe ja dafür, dass Artists besser bezahlt werden. Ich finde es ganz schlimm, dass nie genug Geld da ist. Ich würde seit Jahren so gerne mit einer Band auf der Bühne stehen. Aber ich bin keine Band, ich bin Solokünstlerin. Wenn ich Musikerinnen auf der Bühne haben will, muss ich sie bezahlen. Sage ich aber: Ich komme mit Band, wird meine Gage nicht automatisch höher. Und meine Gage reicht jetzt schon nicht, um groß über die Runden zu kommen, weil ich ein Kernteam habe, das ich bezahle. Mit Band würde ich konstant Minus machen.

Darüber habe ich mit einem befreundeten Musiker gesprochen, und der hat eine Perspektive reingebracht, über die ich nie nachgedacht hatte. Er meinte: „Aber weißt du, Lina, du stehst auf Bühnen, die für ganz viele ein Traum sind. Ganz viele würden super gerne mal auf der Highfield-Bühne stehen oder auf dem Dockville – und du nimmst ja nicht nur, du gibst auch“. Ich hatte immer gedacht: Ich nehme eine gratis oder unterbezahlte Arbeitskraft und fühle mich dabei die ganze Zeit scheiße, weil ich denke: Boah, ich bin Teil des Problems. Ich sage jetzt direkt: Ich habe kein Cash, aber ich habe die Bühne. Und ich würde mich ultra freuen über coole Outfits – nicht nur, weil sich das für mich toll anfühlt, sondern weil damit vielleicht auch eine Designerin auf eine Bühne kommt, auf der sie sonst nicht landet.

Bei den Support-Acts war es genauso. Klar, ich habe meine Bubble, aber es ist doch viel schöner zu schauen: Was wollen eigentlich die Leute, die meine Musik hören? Und für wen könnte es ein geiler Moment sein, dabei zu sein? Ich glaube, mich hat noch nie ein Post so nervös gemacht wie diese Posting-Reihe. Ich würde sagen: 80 Prozent Freude, 20 Prozent immer noch Schmerz darüber, dass ich es einfach nicht anders machen kann. Ich wünsche mir, dass es eines Tages möglich ist. Das wäre cool.

futurebae setzt auf bei der aktuellen Tour auf Community statt auf große Budgets. Foto: Jan-Uwe Zehner
Du teilst viel aus deinem Leben, sprichst sehr offen über Unsicherheiten und Ängste. Fällt dir das leicht? Oder ist es eher ein Aufruf, auf Instagram wilder und echter zu sein?

Ich erinnere mich an einen Workshop beim Major-Label. Da ging es darum, was mein Image als futurebae sein könnte, welche Farben zu mir passen, welchen Look man sich denken könnte. Ich saß da drin und dachte: Das ist alles süß gemeint, aber so will ich als Artist nicht sein. Ich gehe nicht nur als futurebae auf die Bühne, ich bin immer auch einfach Lina. Ich will auf der Bühne nicht so tun, als wäre ich jemand anderes – in Social Media genauso wenig. Ich brauche das, um mich wohlzufühlen. Ich muss authentisch sein, ich kann es gar nicht anders.

Ich würde lieber für immer in 200er-Locations spielen und dabei wissen: Ich bin ich und habe meine Seele nicht verkauft. Ich glaube auch nicht, dass wir in einer Zeit leben, in der wir einen Starkult brauchen – Menschen, die etwas darstellen, was unerreichbar und besonders wirkt. Man sieht ja, was das macht – auf so vielen Ebenen: wie Teenies sich wahrnehmen, wie die Körperwahrnehmung ist, welche Unsicherheiten entstehen. Aber auch beim Thema Politik: wie sehr durch Social Media Meinungen geformt und Fehlinformationen verbreitet werden.

Findest du es wichtig, dass Künstlerinnen und Künstler Position beziehen?

Absolut. Generell – aber jetzt mehr als zu jeder anderen Zeit, seit ich auf dieser Welt bin. Man sieht ja, dass wir uns genau dahin bewegen, wo wir schon mal waren. Das ist nicht die Zeit, um unpolitisch zu sein. Dieses Privileg sollte sich niemand rausnehmen. Und ich finde: Solange wir in einem Patriarchat leben, ist keine Frau in der Öffentlichkeit jemals nicht politisch.

Das Ende des Konzerts läutet das Ende der Tour ein und sorgt für emotionale Momente. Foto: Jan-Uwe Zehner
Deine Tour ist jetzt vorbei – wie blickst du darauf zurück?

Es war so schön. Auch verglichen mit meiner letzten Tour. Da war ich an einem anderen Punkt in meinem Leben, das Team war ein anderes, die Erwartungshaltung, alles. Jetzt muss ich sagen: Ich bin echt angekommen – auf der Bühne, in meiner Musik und in dem, wie ich sein will und wie ich mit meinen Fans sein möchte. Zur ersten Tour habe ich noch viel gezweifelt und war oft überfordert. Und jetzt freue ich mich einfach über jedes Gesicht.

Es wäre gelogen, zu sagen, die letzten Jahre wären nicht auch einfach super hart gewesen. Ich gerate oft in Momente, in denen ich denke: Ich weiß nicht, ob ich das noch weitermachen kann. Aber nicht, weil ich nicht will, sondern weil es so kräftezehrend ist, alles allein zu machen. Konstant kein Geld zu haben, konstant den Druck, davon leben zu müssen – und sich trotzdem nicht verkaufen zu wollen, das ist heftig. Und jetzt auf der Tour zu merken: Da sind Menschen, bei denen kommt an, was mir wichtig ist. Die fühlen das. Meine neuen Songs finden Anklang. Das bedeutet mir ganz, ganz viel.

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