„Das geilste Eis von Erfurt“ – Kaffkiez über Städtetrips und Vintage shoppen
Der Video-Call beginnt, und Johannes Eisner sitzt in einem spärlich eingerichteten Raum, der irgendwo zwischen Backstage, Lager und spontan umfunktioniertem Abstellzimmer liegt. Viel Einrichtung gibt es nicht zu sehen – dafür umso mehr gute Laune. Während im Hintergrund schon der nächste Tour-Tag anklopft, wirkt Eisner erstaunlich entspannt.
Kaffkiez kommt nach Erfurt
Mit ihrer Mischung aus Indie-Rock, eingängigen Melodien und ehrlichen Texten hat sich Kaffkiez in den vergangenen Jahren zu einer der spannendsten deutschsprachigen Bands entwickelt. Die fünf Musiker aus Rosenheim – Sänger und Gitarrist Johannes Eisner, Keyboarder Johannes Gottwald, Gitarrist Florian Weinberger, Bassist Benedikt Vodermaier und Schlagzeuger Niklas Meyer – füllen inzwischen große Hallen und begeistern auf Festivals tausende Fans. Im Interview spricht Frontmann Johannes Eisner über den perfekten Feierabend abseits der Bühne, Streit im Tourbus, die besondere Verbindung zu Erfurt und darüber, warum selbst eine Band mit jeder Menge Bühnenerfahrung manchmal wieder ganz von vorne anfängt.

Wenn du gerade mal nicht auf der Bühne stehst, wie sähe dein perfekter Feierabend aus?
Ich bin tatsächlich jemand, der zum Abschalten Sport macht. Wahrscheinlich würde ich eine Runde in die Berge fahren, dort laufen gehen und danach mit einem kleinen Vino in die Innenstadt oder in einen Park gehen. Oder ich würde mich mit Freunden treffen und bis zwei Uhr nachts verquatschen. Das ist für mich eigentlich der schönste Feierabend.
Ihr habt inzwischen große Hallen gefüllt und jede Menge Auftrittserfahrung gesammelt. Wann habt ihr zuletzt etwas zum ersten Mal gemacht oder euch wieder ein bisschen wie komplette Anfänger gefühlt?
Wir haben bei den Open Air Auftritten dieses Jahr ein paar neue unveröffentlichte Songs ausprobiert. Das fühlt sich jedes Mal anders an – fast wie bei blutigen Anfängern, selbst wenn es die eigenen Songs sind. Und als kleiner Disclaimer: Es könnte sein, dass es so gut geklappt hat, dass wir die Songs jetzt weiterhin bringen.
Ihr seid fünf Leute, die auf Tour nonstop beieinander sind – was ist die absurdeste Sache, über die ihr schon ernsthaft länger gestritten habt?
Ich glaube, man kann das ungefähr damit vergleichen, wenn man mit immer denselben Leuten sehr lange auf einem Campingtrip ist. Auch im Nightliner: Da schlafen wir teilweise mit bis zu 18 Leuten und das vier Nächte am Stück. Wenn man dann vier Wochen dauerhaft aufeinanderhängt, knallt es natürlich auch mal im Kleinen.Bei uns passiert das oft wegen Dingen wie: Kandidat XY, der meistens sowieso alles vergisst, hat schon wieder irgendwo etwas liegen lassen. Oder uns fehlt plötzlich irgendetwas. Dann merkt man irgendwann: „Hey, Digga, zum Glück sind wir gute Freunde.“ Dadurch können wir solche Sachen meistens gut kommunizieren. Manchmal ist es einfach zu viel, und dann kommt auch mal Wut dabei heraus. Aber egal, wie schlecht die Laune ist – ich glaube, das gehört einfach dazu.
Euer Name Kaffkiez symbolisiert ja den Sprung vom Kaff zum Kiez. Gibt es heute etwas in eurem Heimatdorf, das ihr Anfang 20 unbedingt loswerden wolltet, inzwischen aber vielleicht vermisst?
Die Dinge, die ich damals unbedingt loswerden wollte, kann ich auch heute noch nicht gebrauchen. Dieses Engstirnige und Ausgrenzende, teilweise auch Radikale, wenn es um Traditionen geht – damit kann ich bis heute nichts anfangen. Alles, was neuartig ist, wird oft kategorisch abgelehnt oder schlechtgemacht. Das hat mich damals schon sehr genervt, und ich vermisse es bis heute nicht.
Ich kann aber sagen, was ich wieder lieben gelernt habe: diese Ruhe und Gelassenheit. Es ist egal, ob du am Wochenende vor 50.000 Leuten stehst – dort juckt das einfach niemanden. Stattdessen kann man sich den ganzen Abend über Banalitäten austauschen und am Lagerfeuer sitzen. Oder ich kann in den Wald gehen, und da ist einfach absolut niemand. Das ist schon eine Art Luxus, den so ein Ort bietet.
Erfurt ist keine Millionenstadt, aber auch kein klassisches Dorf – Viele hier kennen genau dieses Gefühl „zwischen Provinz und Großstadt“. Wenn ihr nur einen Kaffkiez-Song für einen Erfurt-Abend am Domplatz auswählen müsstet: Welcher wäre es und warum?
Die Vergangenheit hat uns gezeigt, dass die Stimmung in Erfurt einfach immer krass gut ist. Wenn man nur einen Song spielen könnte, fände ich es schade, dann etwas Langsames auszuwählen. Ich würde wahrscheinlich zwischen „Du bist schuld“ und „Nie allein“ schwanken – dem All-Time-Klassikern.

Vor einem Jahr habt ihr ein Überraschungskonzert am Erfurter Zughafen gegeben. Warum habt ihr ausgerechnet Erfurt für diesen spontanen Besuch ausgesucht?
Es ist ein bisschen wie unsere Heimatstadt Rosenheim – eine Stadt, aber mit einem überschaubaren Gefühl.Unser Ziel bei diesen Aktionen war immer, bewusst in Gegenden zu gehen, die vielleicht sonst nicht unbedingt das kulturelle Epizentrum sind. Klar, wir waren auch in Berlin und München, aber wir wollen nicht nur die Medienstädte abklappern. Und man muss ehrlicherweise sagen – auch wenn das jetzt ein bisschen überspitzt klingt: Erfurt hat ein Stück weit unser Herz. Wir haben dort inzwischen 2 Mal gespielt, und jedes Mal war es aufs Neue: „Was zur Hölle geht hier ab?“
Unser Booker kommt aus der Gegend und sagt immer: „Ich habe eine Band, die im Osten besonders gut funktioniert.“ Dann fragt man sich erst einmal: Warum eigentlich? Aber sobald man wieder hierherkommt, merkt man es. Es ist jedes Mal crazy, wie krass viel Bock die Leute haben. Ich habe das Gefühl, dass es hier noch einmal eine andere Art von Freude an Konzerten und Kultur gibt. Das ist wirklich sehr schön.
Wenn ihr hier für einen Monat leben müsstet: Worauf würdet ihr euch freuen, und welche Sorge hättet ihr vielleicht?
Da muss ich ein bisschen an das erste Mal denken, als ich nach Erfurt gekommen bin. Ich hatte wirklich überhaupt keine Erwartungen. Man kennt Erfurt vielleicht aus Situationen, in denen man Bundesländer auswendig lernen muss. Aber ansonsten hatte ich keinen richtigen Begriff von der Stadt – außer, dass Clueso von hier kommt.
Und dann ist Erfurt wirklich eine unglaublich schöne Stadt. Ich war positiv überrascht. Beim ersten Mal war ich die ganze Zeit Secondhand shoppen. Ich habe mir dieses geile Eis auf der Krämerbrücke geholt. Als ich das zweite Mal da war, haben sich dort beim Krämerbrückenfest einfach Ritter in Rüstungen komplett eins über die Mütze gegeben. Das war auch sehr entertaining.
Ich glaube, ich hätte einfach große Lust, noch alle Ecken der Stadt zu entdecken.Wenn ich dauerhaft hier leben müsste, würde ich natürlich bestimmte Dinge vermissen. Gerade die Berge sind für uns ein Heimatgefühl. Das kann man wahrscheinlich nicht einfach abstellen. Aber für einen Monat oder auch für ein halbes Jahr würde ich mich auf jeden Fall darauf einlassen.
Euer letztes Album enthält den Song „Capri-Sonne“. Der Titel klingt sofort nach tollen Vibes und heißen Sommertagen. Warum verbindet ihr euren Sommer-Song ausgerechnet mit Capri-Sonne?
Ich muss persönlich immer wieder gestehen, dass ich Capri-Sonne gar nicht so sehr mag. Als ich den Song geschrieben habe, habe ich trotzdem nach einer Metapher gesucht, die für Sommer steht.Sommer bedeutet für mich vor allem: unterwegs sein, auf Festivals spielen und mit der Crew unterwegs sein. Auf unserer Liste mit den Anforderungen an die Veranstalterinnen und Veranstalter – steht außerdem immer, dass eine Packung Capri-Sonne im Kühlschrank liegen soll. Das liegt vor allem daran, dass unser Tontechniker Matze total auf Capri-Sonne abfährt.
Capri-Sonne bedeutet, dass wir meistens auf einem Festival sind, dass sie im Kühlschrank steht, dass Sommer ist, dass wir unterwegs sind und mit der Crew zusammen abhängen. Als ich den Text geschrieben habe, war das für mich einfach das perfekte Bild für all das. Es war ein kleines Symbol für diesen ganzen Sommerkosmos.
Euer neues Album heißt WIR. Was steckt hinter diesem Titel und warum fasst er das Album für euch am besten zusammen?
Ich glaube, es geht dabei weniger um das, was musikalisch auf dem Album passiert, sondern vielmehr um den Namen der gesamten Kampagne.Wir haben in den vergangenen Jahren festgestellt, dass sich die Musiklandschaft und wahrscheinlich auch die Gesellschaft immer stärker individualisieren. Es geht um Solokünstlerinnen und Solokünstler, die zu Marken werden. Jeder macht sein eigenes Ding, jeder steht für sich. Und die Gemeinsamkeiten leiden darunter meiner Meinung nach ein bisschen. Für uns war „Wir“ deshalb das perfekte Resümee dessen, was Kaffkiez eigentlich ausmacht: Dieser Wir-Gedanke, dieses Zusammenkommen. Es ist egal, woher du kommst oder was dich gerade beschäftigt. Komm hierher, und für eineinhalb Stunden ist alles gut.
Wenn ihr eure bisherige Bandgeschichte als Buch veröffentlichen würdet, wie würde der Buchtitel lauten?
Gerade weil wir uns noch immer in dieser Kampagnenphase befinden, würde ich das Buch wahrscheinlich einfach „Wir“ nennen – „Das Buch zur Band“. Oder so etwas wie: „Wie fünf kopflose Haudegen auf den größten Bühnen Deutschlands gelandet sind“. So einen Titel fände ich auch ziemlich gut. Das wäre dann vielleicht der zweite Titel.
Hard Facts:
- Kaffkiez in Erfurt
- Wann: 5. September
- Einlass: 18 Uhr / Beginn: 19 Uhr
- Ort: Festwiese Petersberg / Zitadelle Petersberg
- Tickets für das Konzert in Erfurt
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