Es ist mehr als nur eine Tanzdemo. Wenn am 8. Juni die Freie Kulturkarawane (FKK) erneut durch Erfurt zieht, ist das Ausdruck eines kulturellen Selbstverständnisses, das sich nicht von politischen Entwicklungen kleinmachen lässt. Es ist das Bekenntnis zu einer freien, offenen und solidarischen Kulturszene – und zu einer Gesellschaft, in der kulturelle Räume nicht nur erhalten, sondern gestaltet werden wollen.
Weimar und Jena ziehen bei Kulturkarawane nach
Seit 2019 gibt es die Karawane in Erfurt. Inzwischen ist aus der lokalen Initiative ein thüringenweites Netzwerk geworden, das sich mit klarer Haltung und wachsender Sichtbarkeit gegen politische, strukturelle und finanzielle Bedrängung freier Kulturszenen positioniert. Jena war im vergangenen Jahr erstmals dabei, Weimar zieht dieses Jahr mit einer eigenen Kulturkarawane nach.
Thüringer Kulturszene formiert sich gegen Bedrängung
Der Zusammenschluss freier Kollektive, Clubs, Aktivist:innen und Veranstalter:innen setzt sich für den Schutz nicht-kommerzieller Kultur ein – für Subkultur, Nachtleben, elektronische Musik und kreative Freiräume. Es geht um Sichtbarkeit, Anerkennung und Förderung einer ganzen Szene, die das Leben einiger Thüringer prägt. Besonders der jüngeren Generationen. Und dass nunmehr die dritte Thüringer Stadt die Notwenigkeit sieht, eine eigene Tanzdemonstration auf die Straße zu bringen, spricht Bände.
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Ein Zeichen gegen den gesellschaftlichen Rechtsruck
„In diesem Jahr wollen wir insbesondere ein Zeichen gegen den gesellschaftlichen Rechtsruck setzen und die öffentliche Akzeptanz für vielfältige, inklusive Kultur stärken“, sagt Kalle, einer der Hauptverantwortlichen der Erfurter Kulturkarawane. Der Druck auf die Szene ist laut dem Sprecher deutlich gestiegen: „Fördergelder wurden unerwartet in Erfurt 2024 für eine kurze Zeitspanne eingefroren. Für 2025 stehen auf Landesebene bereits massive Kürzungen in Aussicht – 14 Prozent weniger Projektförderung, eine sinkende Bereitschaft zu längerfristiger finanzieller Planung.“
Ein Zeichen gegen den gesellschaftlichen Rechtsruck
Doch nicht nur das Geld ist knapp. Der politische Ton habe sich verschärft, auch in der sogenannten Mitte: „Der gesellschaftliche Rechtsruck, Wahlergebnisse und politische Stimmungsmache – selbst von Parteien wie der CDU – setzen die Szene zunehmend unter Rechtfertigungsdruck“, so Kalle. Und: „Kultur darf nicht zur ideologischen Verhandlungsmasse werden.“ Die Liste der Herausforderungen ist lang. Kulturräume in Erfurt stehen unter Druck privater Eigentümer, die aus Renditeinteresse Veranstaltungen einschränken wollen. Das Projekt „Nachteulen“, einst Beispiel für gemeinwohlorientierte Nachtkultur, wurde jüngst an eine private Sicherheitsfirma übergeben – für viele ein alarmierendes Signal, so die FKK.
Und hier sprechen wir von städtischen Dimensionen. In ländlichen Regionen fehle es an allem: bezahlbare Räume, barrierefreie Zugänge, strukturierte Förderwege. Die FKK versteht sich deshalb nicht nur als Protestplattform, sondern auch als Netzwerk für konkrete Hilfe.
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Erfurt: Kulturkarawane wird zum Netzwerk der Hilfe
Sie vernetzt Initiativen, unterstützt bei bürokratischen Auflagen, wie beispielsweise Brandschutzanforderungen und begleitet junge Kollektive beim Aufbau kultureller Infrastruktur. „Wir wollen kulturelle Selbstermächtigung ermöglichen, besonders im ländlichen Raum, wo wir Strukturen fördern, Wissen teilen und Menschen befähigen, eigene Projekte umzusetzen“, erklärt Kalle.
Gegen jegliche Form von Diskriminierung
Politisch und kulturell steht die Karawane für Vielfalt, Teilhabe und den klaren Ausschluss jeglicher Form von Diskriminierung – Rassismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit oder Ableismus haben laut den Organisator:innen in der freien Kulturszene keinen Platz.
Politische Kulturarbeit im Nachtleben von Thüringen
Zugleich erinnert die Karawane an politische Versprechen. So etwa an den neuen Oberbürgermeister von Erfurt, Andreas Horn, der sich in Wahlkampfzeiten für eine Agentur zur Vermittlung von Kulturräumen, quartiersbezogene Kulturarbeit und eine Kulturquote im städtischen Haushalt ausgesprochen hatte, wie Kalle sagt. Die Karawane fordert die Umsetzung dieser Zusagen – konkret, überprüfbar, verlässlich.
Subkultur in Thüringen trotzt Kürzungen mit neuer Stärke
Auch die Idee eines „Soziokulturbeirats“ steht im Raum. . Zwar gibt es in Erfurt mittlerweile einen viel besseren Austausch zwischen Kulturakteuren, Verwaltung und Politik – „doch eine politische Stimme, die unsere Anliegen konsequent vertritt, fehlt bislang“, sagt der FKK-Sprecher. „Die Gründung eines Gremiums könnte helfen, Anliegen strukturell zu verankern.
Neun LKWs, darunter mehrere 40-Tonner, werden organisiert und geschmückt
Neun LKWs, darunter mehrere 40-Tonner, werden organisiert und geschmückt
Am Pfingstsonntag wird deshalb tanzend durch Erfurt demonstriert. Ganz nach dem ursprünglichen Loveprarade-Spirit. Doch die Karawane ist keine Party – auch wenn sie so aussieht. Sie ist eine Demonstration mit politischen Forderungen, getragen von Beats und Bewegung. „Neun LKWs, darunter mehrere 40-Tonner, müssen jedes Jahr organisiert und durch die Innenstadt manövriert werden“, erklärt Kalle. Es braucht Generatoren, Absperrungen, Technik – alles in ehrenamtlicher Hand. Dass das funktioniert, ist ein Kraftakt. „Oft arbeiten wir über unsere Belastungsgrenze hinaus.“
FKK finanziert durch Fördermittel und Crowdunding
Finanziert wird das Projekt durch Fördermittel, Spenden, Crowdfunding und persönliche Unterstützung – etwa durch ein LKW-Unternehmen, das sehr faire Konditionen bietet. Was bleibt, ist die Vision: „Es ist das große Miteinander, das die Karawane Jahr für Jahr auf magische Weise möglich macht.“
Erfurt: Kulturkarawane fordert klare politische Zusagen
Und das kommt nicht von ungefähr: Im Gegensatz zu kommerziellen Events steht bei der FKK nicht der Profit, sondern das Politische und das Miteinander im Mittelpunkt. „Es geht um Räume für Austausch, nicht um Tickets und Konsum“, betont Kalle. Die Karawane ist Bühne, Netzwerk und Plattform zugleich. Wer Unterstützung braucht – ob für Technik, Kommunikation oder Veranstaltungsplanung – findet hier meist ein offenes Ohr.
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Diese Haltung schlägt sich auch in der Auseinandersetzung mit interner Kritik nieder. Als eine DJ kürzlich das ungleiche Geschlechterverhältnis auf einem Line-up bemängelte, reagierte das Team sofort. „Die Kritik war berechtigt“, sagt Kalle offen. „Wir haben das Line-up angepasst und den Frauenanteil deutlich erhöht.“ Es sei ein Lernprozess, der kontinuierlich weitergehe.
Karawane Erfurt: Plattform für FLINTA und Vielfalt
FLINTA*-Förderung – also die gezielte Unterstützung von Frauen, Lesben, inter, nicht-binären, trans und agender Personen – ist für die Karawane zentral, auch hinter den Kulissen. „Wir arbeiten daran, dass FLINTA*-Personen in Technik, Organisation und auf der Bühne sichtbarer und verantwortlicher werden.“ Dabei gehe es nicht um Symbolik, sondern um echte Mitgestaltung.
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„Kritik ist wichtig, auch wenn sie weh tut“
Der Anspruch, divers und inklusiv zu sein, stellt gerade ehrenamtlich organisierte Projekte vor Herausforderungen. Zeit, Ressourcen und Netzwerke sind begrenzt – auch in der freien Szene. Dennoch: „Kritik ist wichtig, auch wenn sie weh tut“, sagt Kalle. Entscheidend sei, wie man damit umgehe: konstruktiv, im Dialog, lösungsorientiert.
Erfurter Kulturkarawane sieht Kultur als Gesellschaftsform
„Wut ist oft berechtigt“, meint der FKK-Sprecher. „Wer strukturell benachteiligt wird, trägt eine andere Last.“ Statt Abwehr brauche es Empathie, Zuhören, gemeinsames Lernen. Nur so könne sich die Szene solidarisch weiterentwickeln. „Wir wollen Räume schaffen, in denen Kritik nicht spaltet, sondern verbindet.“
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Thüringer Städte vernetzen sich durch Kulturkarawanen
Und wie geht es weiter? In fünf Jahren, so hoffen die Mitwirkenden der freien Kulturkarawane, wird die freie Subkultur in Thüringen nicht nur überleben, sondern wachsen – besonders im ländlichen Raum. Neue Kollektive, Räume, Strukturen sollen entstehen, getragen von Gemeinschaft und gegenseitigem Respekt. Die FKK sieht sich dabei weniger als Stimme, mehr als Möglichmacherin: „Wir unterstützen, wo wir können – beim Demos anmelden, beim Aufbau von Technik, bei Netzwerken.“
Auf Kultur konzentrieren, statt ums Überleben kämpfen
Der Wunsch an die Politik ist dabei klar: „Dass unsere Forderungen endlich umgesetzt werden“, sagt Kalle. „Dann könnte man sich endlich wieder mehr auf die Kultur an sich, als auf die kulturpolitischen Protestformen und den Kampf ums Überleben konzentrieren Wir wollen eine blühende, vielfältige und solidarische Kulturlandschaft bei dem jede:r sein Safe Space hat.“
Tanzdemo ruft zu politischer Verantwortung auf
Bis dahin rollt die Karawane weiter – laut, bunt und unbequem. Und bleibt damit genau das, was sie sein will: ein kulturelles Gewissen auf Rädern, das für die Anerkennung eines neuen Kulturverständnisses eintritt. Am Wochenende in Erfurt. Ende August in Weimar. Und im September in Jena.
Hard Facts:
- FKK in Erfurt: 8. Juni | Start: Nordbahnhof um 14 Uhr
- Aftershow: Kalif Storch ab 23 Uhr Mehr bei Instagram: @freie_kulturkarawane
- FKK in Weimar: 30. August (@freiekulturkarawane.weimar)
- FKK in Jena: 27. September (@freiekulturkarawanejena)
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