Text: Dirk Petermann
Eine Kleinstadt im Osten Thüringens verwandelt sich im Juli wieder in ein Epizentrum für Folk, Weltmusik und tanzbare Tradition. Das Rudolstadt Festival hat sich über Jahrzehnte zu einem der bedeutendsten Folk- und Weltmusikfestivals Deutschlands entwickelt. Festivaldirektorin Petra Rottschalk gibt einen Ausblick, was die Besucher bei der 34. Ausgabe erwartet, und schaut gleichzeitig zurück auf drei bewegte Jahrzehnte.
Musikalischer Schwerpunkt durch Kulturpartnerschaft
„In diesem Jahr liegt der Länderschwerpunkt auf Österreich.“ Rottschalk erklärt, dass die Entscheidung durch eine Kulturpartnerschaft mit dem Burgenland zustande kommt: „Wir haben zwei Gruppen aus dem Burgenland dabei.“ Besonders spannend seien junge österreichische Künstler, die traditionelle Musik mit modernen, rockigen Einflüssen verbinden. Auch das Musikabarett „5/8erl in Ehr’n“ tritt auf – eine Band, die Rottschalk persönlich lange auf dem Wunschzettel hatte.
Für Familien gibt es ein besonderes Programm. Das Kinderfest „Österreich sucht den Wunderwuzi“ spielt mit dem Wort „Wunderwuzi“ – einem Begriff für jemanden, der alles kann. „Wir setzen auf junge Familien und auf Kinder, deren Eltern vielleicht schon vor 30 Jahren das Festival besuchten“, erklärt Rottschalk.
In Rudolstadt wachsen Generationen nach
Das Konzept sorge dafür, dass das Festivalpublikum generationsübergreifend wachse und neue Besucher quasi „hineinwachsen“. Apropos Kinder: Rottschalk meint, dass manche Festivalbesucher hier geboren – oder besser gesagt, hier gezeugt – worden sind. „So wird das Rudolstadt-Festival zum liebevollen Zeugungsort einer ganzen Generation von Musikfans“, schmunzelt die ehemalige Lehrerin.
Über 300 Veranstaltungen auf kleinerer Fläche
Das umfangreiche Programm von über 300 Veranstaltungen spreche unterschiedliche Besuchertypen an: „Die einen planen jeden Auftritt, die anderen lassen sich treiben. So finde jeder seine persönlichen Highlights. Die Musik reicht von klassischer Folkmusik über Gitarren- und Zupfinstrumente bis hin zu modernen Indie- und Weltmusikprojekten“, sagt die Chefin.
Nachwuchskünstler spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. „Die Jugendfolkorchester sind wieder dabei, zudem erhalten junge, international noch wenig bekannte Acts wie Joce Reyome (Kanada), Dis is Marketa (Slowakei), Raquel Martins (Portugal/GB) und Duo Ruut (Estland) die Chance, ein großes Publikum zu erreichen“, zählt Rottschalk auf.
Bauarbeiten verschieben Kulissen
Auch organisatorisch gebe es Neuerungen. Aufgrund der Bauarbeiten auf der Heidecksburg könne diese 2026 nicht als Veranstaltungsort genutzt werden. Petra Rottschalk erklärt, dass man deshalb einen Kinosaal und die Theaterbühne als zusätzliche Spielorte einzieht. Gleichzeitig erweitern sich die Auftritte im Heine-Park, was zu einem engeren Spielplan führe. Das Eröffnungskonzert am Donnerstagabend beginnt deshalb früher als in den vergangenen Jahren.
Die Strategie trotzt dem Insta‑Ausfall und setzt auf App und Web
Petra Rottschalk beschreibt auch die Social-Media-Strategie: Die Löschung des Instagram-Accounts durch Meta betrifft das Festival kaum, da Facebook aktiv bleibt. Ein Newsletter erscheint drei bis vier Mal im Jahr, auf der Website finden sich ausführliche Informationen zum Line-up. Die App für 2026 sei bereits in Vorbereitung. Auf die Frage nach persönlichen Höhepunkten nennt die Festivalleiterin die Auftritte von Duo Ruut und Florian Paul mit der „Kapelle der letzten Hoffnung“, auf die sie sich besonders freut. Persönlich bewegen sie vor allem die Begegnungen mit begeisterten Festivalgästen, die dem Alltag für vier Tage entfliehen und Erlebnisse, die ihre Arbeit entschädigen, wie beispielsweise Konzerte von Kate & Anna McGarrigle im Jahr 1993 oder Asaf Avidan.

Rudolstadt kuratiert Vielfalt mit 300 verschiedenen Musikern und Künstlern.
Foto: Dirk Petermann
Zu den momentan stabilen Ticketpreisen sagt Rottschalk: „Nach Corona haben wir um etwa 20 Prozent erhöhen müssen. Eine jährliche Erhöhung würde zu sehr wehtun.“ Tageskarten gebe es nicht mehr; nur Innenstadtkarten seien zusammen mit der Dauerkarte erhältlich. Der Vorverkauf startete diesmal zwei Monate früher, was Kartenkäufer gefreut habe. „Viele Tickets gingen bereits als Weihnachtsgeschenk weg“, sagt sie.
Gäste bringen Millionen und beleben Thüringen nachhaltig
Das Festival wirke weit über Rudolstadt hinaus: „Es ist für viele eine Auszeit aus dem Alltag. Schon beim Eintritt in die Stadt stellen die Besucher ein Lächeln auf und begegnen sich fröhlich und freundlich.“ Gleichzeitig ist es ein wirtschaftlicher Faktor. Hotels, Gastronomie und lokale Dienstleister profitieren unmittelbar von den Festivalgästen. Die Festivaldirektorin schätzt, dass die direkten Ausgaben der Besuchenden während der Festivaltage in Rudolstadt auf inzwischen etwa 20 Millionen Euro gestiegen seien.
Politische Dimensionen des Festivals werden nie ausgeblendet
Rottschalk betont, dass die politische Dimension des Festivals nie ausgeblendet würde. Künstler wie Esther Bejarano oder Projekte zu aktuellen Konflikten zeigen, dass das Festival bewusst gesellschaftliche Themen aufgreift, ohne in vordergründige politische Propaganda zu verfallen.
„In dieser Zeit waren neun Kinder hier geboren worden“ – Ein Thüringer Kult-Club erinnert
Das Rudolstadt Festival sei nach über drei Jahrzehnten ein seltenes Beispiel für Beständigkeit und Qualität: „Es ist ein kleines Wunder, dass das Konzept so lange hält. Wir sind alle extreme Individualisten, aber im Interesse des Festivals halten wir zusammen.“ Wer also Musik, Begegnungen und ein Festival mit Geschichte, Vielfalt und Charakter erleben will, findet in Rudolstadt einen Ort, an dem sich Tradition, Innovation und Gemeinschaft auf einzigartige Weise verbinden, meint die Katzhütterin.
In Rudolstadt verschmelzen Tradition, Rock und Generationen
Petra Rottschalk schließt mit einem Blick auf die Zukunft: „Wir haben für Nachwuchs gesorgt, neue Kollegen im Festivalbüro und technische Verantwortung weitergegeben und freuen uns auf weitere unvergesslich musikalische Momente, die nicht nur für gute Stimmung, sondern auch für Nachwuchs sorgen.“
Hard Facts:
- 2. bis 5. Juli 2026
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- Tickets gibt es hier…




